Getrieben: „Buch der Unruhe“ im Schauspiel Düsseldorf

Der Dichter Fernando Pessoa verdiente sein Geld als Angestellter eines Handelshauses in seiner Heimatstadt Lissabon. Ein seltsamer, kontaktscheuer Mann mit wirren politischen Ansichten und einem Hang zur Mystik. Er trank zu viel und starb 1935 mit 47 Jahren an Leberzirrhose. Weitere 47 Jahre später, 1982, wurde erst sein auf zahllosen Zetteln notiertes „Buch der Unruhe“ veröffentlicht – eine Offenbarung für die Verehrer Pessoas. Aber das heutige Regietheater vertraut der Kraft des Wortes nicht mehr. Luise Voigt hackte kleine Stücke aus der lyrischen Prosa und variiert sie in überbordenden Szenen mit irren Gestalten.
Es fängt so schön und sinnfällig an, in einer Café-Kulisse aus dem alten Lissabon mit bewegten historischen Straßenbildern (Bühne: Maria Strauch). Jürgen Sarkiss mit schwarzem Anzug, Hut, Fliege, runder Brille und kleinem Schnauzbart, ähnelt dem Schriftsteller sehr und ist zugleich dessen Held und Alter Ego, der schreibende Hilfsbuchhalter Soares, einer von Pessoas sogenannten Heteronymen. Davon gab es mehrere, aber wir wollen die Verwirrung nicht noch steigern. Soares/Pessoa interessiert sich nicht für die „sieben Teile der Welt“. Er sagt: „Ich bereise den achten, und er ist mein.“

Einer ähnelt dem Dichter: Jürgen Sarkiss in einer Szene des Schauspiels nach Fernando Pessoas „Buch der Unruhe“. Foto: Thomas Rabsch / Schauspielhaus Düsseldorf
Nicht hoffen
Einsam lebt der Mann auf seinem inneren Kontinent, beobachtet die anderen aus der Distanz, fabuliert über seine Abneigung gegen Wohltaten, die ungewisse Folgen und lästige Verpflichtungen nach sich ziehen. Nicht feindselig, aber gleichgültig ist Soares, ein Vorläufer des „Fremden“ von Camus. Nur nicht so sprachlos. „Ich glaube an nichts, ich hoffe auf nichts, ich liebe nichts“, verkündet Pessoas Figur, während die Mitmenschen auf der Bühne pantomimisch plauschen, flirten und für ihre Sache marschieren. Der Satz ist noch häufig zu hören, auch in Form eines an Fado erinnernden Sprechgesangs, der gelegentlich angestimmt wird.
Gern würde man bei dem Eigenbrötler in Lissabon bleiben, mehr erfahren aus dem philosophierenden Buch. Vielleicht in einer szenischen Lesung, das Kleine Haus hätte dafür ausgereicht. Aber so bescheiden will’s Luise Voigt nicht. Die Inszenierung auf der großen Bühne donnert jetzt erst richtig los und hyperventiliert über zwei Stunden lang. Im nächsten Bild überschlagen sich Projektionen von Panzern, wild gewordenen Bewaffneten, Explosionen. Die Bösewichte der Gegenwart erscheinen überlebensgroß, und Fnot Taddese stürmt atemlos hin und her, Pessoa zitierend. Und weiter geht‘s, mit großem Aufwand und Statisterie, durch die sprudelnden Einfälle des Teams.
Nicht denken
Zu Pessoa-Fetzen doziert da ein clownesker Sektenführer (Yascha Finn Nolting), eine TV-Astrologin (Pauline Kästner) legt ziemlich witzig die Karten, der typische Nerd (Moritz Klaus) versumpft vor einem gigantischen Videospiel. Ein Bauer (Sebastian Tessenow) pflegt ein paar Pflanzen in Betonkübeln vor einem Bild des abgestorbenen Waldes und spürt den inneren Willen „zu enden, nicht zu denken, nicht zu fühlen.“ Sowas wünscht sich zuvor auch ein roboterhaftes Kindermädchen (Caroline Cousin) beim Wiegen einer zappelnden Babypuppe. In einer grotesk verzerrten Stube hockt ein Junge neben der Eisenbahn, bis er einen riesenhaften, süß glotzenden Teddy hinausführt. Warum? Das fragt man sich auch, als Cathleen Baumann als Cowboy mit Schnäuzer und behaarter Männerbrust vor einem endlos flirrenden Hotelflur herumzappelt, während sich eine Mumie mit Blümchenmuster im Fernsehsessel lümmelt.

Wilde Ideen: Cathleen Baumann als zappelnder Cowboy neben einer Fernsehsessel-Mumie im „Buch der Unruhe“. Foto: Thomas Rabsch / Schauspielhaus Düsseldorf
Der Kopf dröhnt von der Bilderflut. Die Metaphern mäandern. Immer wieder heißt es: „Wir alle leben an Bord eines Schiffes, unterwegs von einem Hafen, den wir nicht kennen, zu einem Hafen, von dem wir nichts wissen.“ Dann wieder ist das Leben „ein Maskenball“ und die Seele „ein dunkler, schleimiger Abgrund“. Wie dem auch sei, ein bisschen mehr Ruhe und Reduktion würde allen guttun. Der Ansicht sind die jungen Fans im Publikum nicht. Die Show wird offenbar als mega amüsant empfunden, es wird viel gelacht und am Ende gejauchzt.
Mehr Pessoa
„Das Buch der Unruhe“ von Fernando Pessoa in einer Fassung und Inszenierung von Luise Voigt wird im Großen Haus am Gründgens-Platz aufgeführt. Weitere Vorstellungen (zwei Stunden ohne Pause) sind am 2., 9. und 17. April, am 8. und 11. Mai, am 9. Juni und am 3. Juli, jeweils 19.30 Uhr. Zum Countdown der Ära Schulz gibt es günstige Sonderpreise (20/8 Euro). www.dhaus.de