Düsseldorf Benrath: Emotionaler Abschied vom Spektakulum

Man herzte sich, fiel sich in die Arme, freute sich einfach, den oder die andere endlich mal wiederzusehen. Im Untergeschoss des alten Schloss-Gymnasiums trafen sich am Samstagabend (6.7.) alte Weggefährten*innen, städtische Mitarbeiter*innen, Ex-Schüler*innen und Fans der Spektakulum-Veranstaltungen, um in Erinnerungen zu schwelgen. Denn es hieß sich jetzt von der Jugend-Kultureinrichtung an alter Stätte zu verabschieden. Anlass dieses letzten Treffens am alten Standort war die von Janine Haverkamp kuratierte Ausstellung „Spek ´80 -´90 – Wir waren hier“.
„Ich habe mich in vier Wochen und mehr als 200-stündiger Arbeit durch das Spektakulum-Archiv gewühlt und dabei Fotos gesichtet, Programmflyer durchgelesen, Videos angeschaut und Poster gecheckt“, erläuterte Haverkamp. „Das war ganz schön viel Arbeit für eine Ausstellung, die nur vier Stunden dauert. Aber die Musikgeschichte des Speks ist es allemal wert.
Das Spektakulum war 45 Jahre lang jungen Menschen im Düsseldorfer Süden und darüber hinaus immer wieder kulturelle Heimat. Dort wurden viele neue Perspektiven, ja Welten eröffnete und es war oft genug auch Zufluchtsort aus kleinbürgerlichen Elternhäusern hinein in eine vielfältige, offene, andersartige aber real-existierende Parallelgesellschaft. Nun wird das Spek wird geschlossen und die Ausstellung war der inoffiziell-offiziell letzte Veranstaltungstag. „Wir werden im Juni noch eine endgültige Abschiedsparty feiern. Dafür suche ich noch zwei DJs“, erklärte der Leiter des Spektakulum, Christian Elze. „Danach ist aber wirklich Schluss mit dem Spektakulum an der Hospitalstraße.“ Demnächst soll es an der Kappeler Straße in Benrath in einer moderneren, größeren Variante neu entstehen.

Klaus Klöppel brachte “planlos” auf die Bühne, war es aber selber nie
Die Wehmut, den mit so vielen Erinnerungen versehenen Veranstaltungsort endgültig verlasen zu müssen, war den meisten Gesichtern am Samstagabend deutlich anzusehen und viele Augen schimmerten feucht. Klaus Klöppel, der drei Dekaden lang die Geschicke des Spektakulum als Einrichtungsleiter steuerte, formulierte es drastisch: „Ich beerdige mein Arbeitsleben. Das Spektakulum war für mich 30 Jahre lang berufliche Heimat, Berufung und Ankerpunkt“.
In seiner Zeit machte er das Spektakulum für viele Schüler des Schloss-Gymnasiums zum Orientierungspunkt. Über das Schülercafé fanden einige den Weg in den Spektakulum-Beirat, der geschlechtsparitätisch besetzt über die Programmgestaltung mitentschied und auch selbst initiativ werden konnte. „Dadurch hatten und haben wir immer ein Ohr am Puls der Zeit und konnten die modernen kulturellen Strömungen in der Musik bei uns auf die Bühne bringen“, betonte Elze.

Die alten Plakaten weckten Erinnerungen
Das Angebot wandelte sich von Punk, HardCore, Pop, Rock zu Rap und Hip-Hop. „Hip-Hop war nie meine Musikrichtung“, gesteht Klöppel. „Aber ich habe es immer mitgetragen, weil die Jugendlichen unser Zielpublikum sind und wir deshalb Programme für Jugendliche machen.“ So gaben sich damalige Newcomer-Bands, die später Karriere machten, die Klinke in die Hand. Auf der Spektakuluim-Bühne performten unter anderem die fantastischen Vier, Eko Fresh, Element of Crime, Ed Mann von Velvet Underground, Kraan, Zeltinger, Dub FX oder Extrabreit.

Programm mit D-Mark-Eintrittspreisen
Doch auch für das gesetztere Publikum gab es Angebote. Besonders wenn Kabarettisten wie Jürgen Becker, Wilfried Schmickler, Dieter Nuhr, Ingo Appelt, Jens Neutag, Harald Schmidt, Sabine Wiegand oder Martin Meyer-Bode das aktuelle politische und gesellschaftliche Zeitgeschehen humoristisch inszenierten, war die ältere Generation in der Mehrheit. „Einige unserer Auftretenden hatten andere Vorstellungen ihres Veranstaltungsorts“, verrät Elze. „Aber unser Team hat sie mit so viel Liebe empfangen und betreut, dass sie es vergessen haben. Unser Spektakulum-Team legt extrem viel Herzblut in ihre Aufgabe.“

Bevor es Plakate gab, erschien das Monatsprogramm in gedruckter Form
Nicht nur in der Künstler*innen-Betreuung, sondern auch untereinander. So wurde das Spektakulum für so einige Ehrenamtliche zum zentralen Punkt auf dem Weg zum Erwachsenen. Nicht wenige fassten während ihrer Spektakulum-Zeit lebensverändernde und lebenswichtige Entscheidungen. Wie beispielsweise Antonia Halvadia-Uhl. „Ich habe vor zwölf Jahren mein freiwilliges soziales Jahr im Spektakulum gemacht. Bevor ich hier angefangen habe, hatte ich nur so eine Ahnung, was ich beruflich machen wollte. Während meiner Zeit im Spektakulum hat es sich absolut verfestigt,“ berichtete sie. Inzwischen ist die in Unterrath aufgewachsene 30-Jährige studierte Film- und Fernsehregisseurin und hat ein Talentförder-Stipendium der Berlinale erhalten. „Das Spektakulum hat mir geholfen mich aus prekären Lebensverhältnissen herauszuarbeiten“, gesteht die Regisseurin. Logisch, dass beim ersten Wiedersehen seit fünf Jahren mit Klöppel und Elze Tränen flossen.
Wann das neue Spektakulum fertig wird, steht noch in den Sternen. Als Standort ist eine Fläche neben der Eissporthalle an der Kappeler Straße vorgesehen. „Für mich und mein Team beginnt eine Schwebephase. Wir werden auch in der Zeit ohne festen Veranstaltungsort weiter Konzerte durchführen und Festivals initiieren“, plant Elze. „Es wird eine Zeit dauern, bis das neue Spektakulum fertig ist. Bis dahin ist die Arbeit gewöhnungsbedürftig, weil ich beispielsweise kein Büro mehr habe. Aber man muss sich der Situation anpassen und irgendwie freue ich mich auch auf die neue Aufgabe.“