Die Kraft des Weibes: Kunstpalast Düsseldorf huldigt Niki de Saint Phalle

Sie war eine zarte, zerbrechliche, zuletzt sehr kranke Person und setzte doch die fröhlichsten, drallsten Frauengestalten in die Welt. Bunte Urmütter, die Nanas, bevölkern heute noch die Museumsshops und den berühmten Tarot-Garten in der Toskana. Dafür wird die Französin Niki de Saint-Phalle (1930-2002) geliebt, sogar von Banausen. Ihre prächtigen Wesen stiegen empor aus Abgründen der Verzweiflung, Nikis frühes, weniger populäres Werk ist von wütenden Aktionen geprägt. Alle Aspekte im Schaffen dieser unvergessenen Heldin des 20. Jahrhunderts zeigt eine Ausstellung im Kunstpalast Düsseldorf. Erster Hit der Saison.

Hereinspaziert: Das „Nana Traumhaus“ und ein Riesenkopf („Der Zeuge“) führen in die Ausstellung über Niki de Saint Phalle. Foto: bikö
Nicht enttäuscht sein: Im Ehrenhof steht keine Nana, da gibt es keine fotogene Spur von Niki. Man fürchtet winterliche Witterungen und eventuellen Vandalismus. Die Unbefangenheit der wilden Kunstjahre ist eben vorbei. Aber keine Bange: Es gibt in zwölf farbig gefassten Sälen des Palastes mehr als genug Motive für die Fans und ihre Smartphones: über 100, zum Teil sehr große Exponate, arrangiert von Kuratorin Heike van den Valentyn. Gleich am Eingang leuchtet der riesige Kopf eines „Zeugen“, der eine Frau ist, der nichts entgeht – mit ungleichen Glubschaugen und knallrotem Haar. Höchst lebendig, wie der Esprit der Künstlerin, die dem Publikum auf großen Wandfotos erscheint.
Befreiungstaten

Die Künstlerin und die Jungs: Niki de Saint Phalle mit Robert Rauschenberg, Martial Raysse, Daniel Spoerri, Per Olov Ultvedt und Jean Tinguely 1962 in Amsterdam. Foto: bikö
Da grinst sie 1962 im Ringelhemd und macht sich breit, die Hände in die Taille gestützt: einzige Frau in einer feixenden Riege männlicher Kollegen. Ein Star unter den Jungs, zweifellos. Mit Robert Rauschenberg schuf sie tanzend ein monumentales Bild aus zertretenen Farbbeuteln, man kann es bewundern. Jean Tinguely, der Meister der Kinetik, wurde ihre große Liebe und Partner in der Kunst. Jeder Paris-Tourist kennt ihren gemeinsamen Brunnen am Centre Pompidou.
Eine zierliche Schönheit war Niki de Saint Phalle, geboren in Neuilly-sur-Seine, aufgewachsen in Amerika, geliebte Tochter ihres Vaters, eines ruinierten Bankiers. Allzu geliebte Tochter: Sie warf ihm später Missbrauch vor. Erst mal machte sie Ärger in der Schule, jobbte als Mannequin und brannte 18-jährig mit Boyfriend Harry Mathews durch, einem aufstrebenden Schriftsteller. 1953, nach der Geburt ihres ersten Kindes, war sie reif für die Nervenheilanstalt. Dort entdeckte sie, was sie „das schwarze Land des Wahnsinns“ nannte – und erkannte, wie sie sich daraus retten kann: durch Umsetzung ihrer Ängste, Aggressionen, Hoffnungen, Begierden und Seligkeiten in Kunst.
Schießbilder

Die Lady setzt sich durch. Das vergrößerte Foto zeigt die aufstrebende Künstlerin Niki de Saint Phalle bei einer Schießaktion. Foto: bikö
Nach der Trennung von Ehemann Harry 1960 verarbeitete die junge Mutter alles, was ihr in die Hände fiel – von der Wurzelbürste bis zum Lippenstift. In Gips versenkte sie 1962 Kitsch-Madonnen und Spielzeug, Puppenteile und Knarren aus dem Kinderzimmer, formte dazu zwei drachenhafte Monster mit Raffzähnen. „Ahriman und Luzifer greifen an“ heißt das monumentale Relief auf Holz, das eine Art Bühnenbild für den Akt der künstlerischen Befreiung ist. In kreativem Furor befestigte sie Farbbeutel an ihren Assemblagen und zielte darauf mit einem Gewehr Kaliber 22. Wie Blut ergoss sich die Farbe über den Malgrund und die Dinge. „Da schoss ich auf Papa, auf alle Männer, meinen Bruder, die Gesellschaft. Ich schoss auf meine Schule, meine Familie, meine Mutter…, auf mich selbst, auf die Menschheit“, bekannte Niki de Saint Phalle im Rückblick.

Mit Hilfe von Farbbeuteln unter einem Teppich und dem Kollegen Robert Rauschenberg verwirklichte Niki de Saint Phalle 1961 ein „Durch Tanz entstandenes Gemälde“. Foto: bikö
Sie wehrte sich. Vehement. Manchmal im goldenen Rahmen („Old Master“). Weder Kerle noch deren Komplizinnen sollten sie mehr einschüchtern. Aber, so wird sie zitiert: „Ich war auf der Suche. Wer ist die Frau? Wer bin ich?“ Jedenfalls nicht das toupierte Püppchen, das in den 60er-Jahren als sexy galt. Schon gar keine gefügige Dame des Hauses. Wie von selbst entstanden die Nanas (flapsige Bezeichnung für Frauen aus der französischen Umgangssprache). Gar nicht artig. Groß, knallbunt, mit Hüften, die das schlanke Schönheitsideal verachteten.
Traumhaus

Da schweben sie als Ballons über den Häupten des Publikums: „Nanas an die Macht!“ Foto: bikö
Mit dem „Nana Dreamhouse“ schuf Niki einen geistigen Raum, ein Puppenheim für Erwachsene, in dem alles erlaubt ist. Sie zeichnete unermüdlich. Und entwarf, wie entfesselt, immer neue Nanas. Kleine, aufblasbare, die über den Köpfen des Publikums schweben (und für 39,80 Euro verkauft werden), große, die tanzen und Rad schlagen. Und solche, die den Blues singen. Auch passende Bäume ließ sie wachsen („Tree of Life“), fantastische Tiere entstanden nebenher: Schlangen, Einhörner, Vögel und Spinnen.

Es gibt auch schwarze Nanas: „Die Dame singt den Blues“ (links) und „Black Rosy of My Heart“ (1965). Foto: bikö
Eine so gewaltige Skulptur wie die durch die Vagina betretbare Mutter-„Kathedrale“, die Niki de Saint Phalle 1966 in Stockholm aufbaute, ist in Düsseldorf nicht dabei. Aber ein „Verrückter Vogel“, ein phallischer Spiegelobelisk und ein immerhin vier Meter dickes, kurvenreiches „Nana Haus“ aus der reichen Sammlung des Sprengel Museums Hannover, dem die Künstlerin über 400 Werke vermachte. Daneben steht einer ihrer poetischen Texte an der Wand: „Une vierge folle est cachée dans mon coeur de femme“, eine verrückte Jungfrau ist in meinem Frauenherzen versteckt.
Tarot-Garten

Maliziöses Kaffeekränzchen: „Verschlingende Mütter“ (1970). Foto: bikö
Manche Erscheinungen sind auf witzige Art gruselig, wie die „Verschlingenden Mütter“ am Kaffeetisch aus Gips und Pappmaché (1970) oder das mürrische Paar beim „Sonntagsspaziergang“ mit einer schwarzen Spinne an der Leine. Wenige Jahre später traten erste gesundheitliche Probleme auf. Die Arbeit mit Polyester und gesprühten Lacken hatte die Lunge von Niki de Saint-Phalle ruiniert.

Grauen mit Witz: das Paar beim „Sonntagsspaziergang“ mit Monsterspinne (1971). Foto: bikö
Trotzdem verwirklichte sie noch ihren Traum: die Errichtung eines eigenen Skulpturenparks, des Tarot-Gartens in Garavicchio, voller Allegorien und magischen Geschöpfen. Zeitweise wohnte sie in der „Kaiserin“, einer gewaltigen Sphinx im Zentrum des Geländes, die wie eine Festung war. Niki de Saint Phalle selbst wurde immer fragiler. Im letzten Raum der Ausstellung hängt ein Wandobjekt mit einem bunten Totenkopf: „Ich bin letzte Nacht aufgewacht“. Mit einer kleinen Traurigkeit verlässt man den Raum.

Spätes Bild der kranken Niki de Saint Phalle mit bunt bemaltem Totenkopf: „I woke up last night“ (1994). Foto: bikö
Was, wann und wo?
„Niki de Saint Phalle: Dream Machine“: bis 7. Februar 2027 im Kunstpalast Düsseldorf, Ehrenhof 4-5. Geöffnet Di.-So. 11 bis 18 Uhr, Do. bis 21 Uhr. Eintritt: 16 Euro. Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren zahlen nichts. Der Katalog ist im Hirmer Verlag erschienen, hat 200 Seiten und kostet 39,80 Uhr. In einem Studio Niki können Besucher an einem Mosaik mitwirken. Für Kinder gibt es ein Entdeckerheft und eine kostenfreie Tour mit Tonie-Boxen. www.kunstpalast.de