Auf nach Phantásien! „Die unendliche Geschichte“ am Schauspiel Düsseldorf

Als Michael Ende seine „Unendliche Geschichte“ 1979 in die Welt setzte, war das Smartphone noch nicht erfunden. Kein Navi. Keine neunmalkluge KI. Keine digitalen Spielchen. Der Mensch lebte mit Distanzen, Ungewissheiten und Stunden der Langeweile. Zu jener Zeit hatten Bücher noch eine andere Bedeutung. Die Kinder der 1980er-Jahre waren verrückt nach dem Reich Phantásien und lasen 428 Seiten im Flow. Das Düsseldorfer Schauspielhaus weckt nun nostalgische Gefühle – mit der Dramatisierung dieses altmodernen Märchens. Halb drinnen im Saal, halb draußen auf dem Platz.
Bei der Premiere waren entschieden mehr selig lächelnde Erwachsene als Kinder (für die ein Theaterabend von dreieinhalb Stunden ohnehin sehr lang ist). Tatsächlich hat der Schweizer Regisseur Roger Vontobel (49) aus dem Geist der eigenen Generation von Michael-Ende-Fans gehandelt. Anders als im Fantasy-Film von 1984 werden Figuren, Wendungen und Lebensweisheiten der Geschichte keiner knackigen Straffung geopfert. Wie heißt es da? „Jeder Weg, den du gehst, ist am Ende der richtige.“ Und der Weg führt erst einmal ins Große Haus.
Mädchenrolle

Die Macht verändert das Mädchen Baya (Caroline Cousin), will muss gelernt werden in Phantásien. Foto: Thomas Rabsch / D’Haus
Dort, auf der Bühne, sieht man nichts. Außer einem Häuflein Lumpen, aus denen sich etwas erheben wird. Die Fantasie, lehrt die „Unendliche Geschichte“, kann auch aus der Leere eine Welt erschaffen. Das erkennt im Buch ein kleiner dicker Junge namens Bastian, der sich beim Davonlaufen vor gemeinen Mitschülern in ein Antiquariat flüchtet. Dem Zeitgeist folgend, ist in der Düsseldorfer Aufführung aus Bastian ein Mädchen geworden: Baya Balthasar Bux, mit großer, angemessen kindlicher Leidenschaft von Caroline Cousin gespielt. Statt in einen Laden gerät Baya ins Theater, wo der seltsame Inspizient Koreander (Sebastian Tessenow) ein Buch hütet: eben die „Unendliche Geschichte“.
Baya vertieft sich, und schon erscheinen die Einwohner von Phantásien, betont unaufwändig von Martina Lebert kostümiert. Pjörnrachzarck, der Felsenbeißer, ist ein Mann in grauer Plusterdaune (Felix Werner-Tutschku). Blubb, das Irrlicht (Fnot Taddese), und Ückück, die Rennschnecke (Belendjwa Peter), tragen Helme und Leuchtwesten. Der Eifer der Erzählung sorgt hier für Verwandlung, nicht die äußeren Umstände. Und so genügen ein paar Neonröhren, um den Elfenbeinturm der Kindlichen Kaiserin anzudeuten. Ihre liebliche Majestät (in Wahrheit reif: Claudia Hübbecker) ist sterbenskrank, weil sich ein bedrohliches Nichts im Reich ausbreitet und alles verschlingt.

Flug durch Phantásien: Moritz Klaus als Atréju und Alexander Wanat als Glücksdrache Fuchur (vorne) am Schnürchen im Großen Haus. Foto: Thomas Rabsch / D’Haus
Drachenglamour
Wie Ende-Fans wissen, wird der heldenhafte Knabe Atréju (Energiebündel Moritz Klaus, punkig frisiert) mit dem magischen Medaillon Auryn ausgestattet und auf Rettungsmission geschickt. Man erinnert sich an frühen Lesekummer, als Atréjus munteres Pferdchen (ein steppender, wiehernder Jonas Friedrich Leonhardi) in den Sümpfen der Traurigkeit versinkt. Und an große Freuden, als Atréju den Glücksdrachen Fuchur vor der spinnenhaften, von vier geschmeidigen Spielern gemimten Ygramul rettet.
Alexander Wanat als Fuchur bringt mit Glitzerkleid und weißem Fransenfell ein bisschen Drag-Queen-Glanz ins sonst eher reduzierte Bild. Und heißa – mit dem Drachen schwebt auch Atréju an Schnüren durch die Lüfte. Sie bestehen ihre Abenteuer, gelangen bis zum Südlichen Orakel, aber kommen zu der Erkenntnis, dass nur ein Menschenkind das Reich retten kann, indem es der Kindlichen Kaiserin einen neuen Namen gibt. Hinein ins Fantastische tritt Baya und nennt den richtigen Namen: Mondenkind.
Und Action!

Mitspielgefühl: Nach der Pause bummelt das Publikum durch die Kulissen Richtung Außentribüne. Foto: bikö
Pause! Das Publikum darf ein Glas trinken und verlässt dann das Theater. Draußen auf dem Gründgens-Platz geht es weiter, und zum ersten Mal in der jüngeren Open-Air-Geschichte des Schauspielhauses ist der Premiere ein wunderbares Frühsommer-Wetter vergönnt. Viel Kulisse wurde auch hier nicht aufgebaut. Wie improvisiert flattern bunte Folienfransen im Wind. Die Musiker, gerade noch ein Streich-Duo, werden allerdings zur Rockband. Es wird viel Theaterdampf geben, ein paar fauchende Flammen, Projektionen mit Nahaufnahmen rechts und links, Rennen, Klettern, laute Gesänge, denn: So ein Platz braucht Action, will eingenommen sein.

Action muss sein auf dem weiten Platz: Ein schwarzes Vehikel gehört zur Show in der „Unendlichen Geschichte“. Foto: Thomas Rabsch / D’Haus
Alles ist anders als drinnen. Auch Baya, die Retterin von Phantásien. Kein liebes Kind mehr. Das Tragen des machtverleihenden Medaillons Auryn hat fatale Wirkung. Mit Schwert und Lederweste erhebt sich Baya über die Anderen und lebt einen Größenwahn aus, den man von gewissen männlichen Präsidenten kennt: „Ich bin die Herrscherin der Welt!“ Im schwarzen Auto fährt sie vor, demütigt ihre Freunde, greift nach der Krone, lässt sich von einer bösen Zauberin (Friederike Wagner hat ihren Spaß an der Rolle) zu vernichtenden Schlachten verleiten. Weil es ein Märchen ist, kommt rechtzeitig die Erkenntnis. Am Wasser des Lebens wird alles gut, Baya kehrt geläutert in die Welt zurück und fährt mit Papa auf dem Moped davon. Die Zaungäste staunen, die Sonne geht unter, das Publikum applaudiert dem spielfreudigen Ensemble liebevoll.
Mehr Märchen
„Die unendliche Geschichte“ von Michael Ende, für die Bühne bearbeitet von John von Düffel, inszeniert von Roger Vontobel, ist eine Produktion für die ganze Familie. Der erste Teil der über dreistündigen Vorstellung findet im Großen Haus statt, der zweite Teil unter freiem Himmel auf dem Gründgens-Platz. Für die ausverkauften Vorstellungen am 25., 29., 30. und 31. Mai, zehn Mal im Juni sowie am 1. und 5. Juli gibt es eventuell noch Restkarten an der Abendkasse. www.dhaus.de