Es fließt und grübelt im KIT Düsseldorf

Verwaist ist auch die Kunst im Tunnel. Nachdem sich KIT-Leiterin Gertrud Peters in den Ruhestand verabschiedet hat, weiß niemand so genau, wer in der unterirdischen Filiale der maroden und zudem führungslosen städtischen Kunsthalle zukünftig das Sagen hat. Noch geht es weiter wie gewohnt – mit jungen Positionen und dem Segen der Ex-Chefin. Zwei Akademie-Absolventinnen, Enya Burger und Teresa Linhard, sinnieren mit Hilfe von Kuratorin Jessica Aydin über die Vergangenheit: „For Ever and Forever When I Move“ (für immer und ewig, wenn ich mich bewege).

Im niedrigen Teil des KIT kann der Mensch nicht aufrecht stehen. Aber Video-Arbeiten – wie diese von Enya Burger – kommen gut zur Geltung. Foto: bikö
Die rätselhafte Zeile stammt aus einem Gedicht, das der viktorianische Poet Alfred Tennyson 1842 über den irrfahrenden Odysseus schrieb. Das Seefahren und Forschen im 19. Jahrhundert hat es den Künstlerinnen angetan – wobei der im Erklär-Text betonte Aspekt der Reflektion einer „gewaltsamen Erweiterung des Weltbildes“, des „eurozentristischen Erbes“ nicht so recht deutlich wird.

Drei junge Frauen präsentieren die Ausstellung “For Ever and Forever …” (von links): Kuratorin Jessica Aydin, Künstlerinnen Enya Burger und Teresa Linhard. Foto: bikö
Schleim der See
Enya Burger, Schülerin von Gregor Schneider, lässt sich selbst vom Forschungsdrang hinreißen. Sie ist fasziniert von Schleim und dem Wasser, aus denen alles Lebende hauptsächlich besteht. Eine mikroskopische Aufnahme ihres Speichels wird zur geheimnisvollen Landschaft („Landscaping“). Mit Seilwinde, einem mit fiesen Ablagerungen gefüllten Wasserbecken und einer Kanonenkugel baute Burger eine Installation, die an den Zoologen Ernst Haecksel erinnern soll. Der suchte in der Tiefsee nach dem Urschleim.

Inspiriert von historischer Kunst mit China-Motiven: Teresa Linhard präsentiert eine Serie rot leuchtender Malereien auf Holz. Foto: bikö
In einem Doppelkanal-Video („Notes of Fluids“) dokumentiert Burger, wie eine Protagonistin allerlei Körperflüssigkeiten studiert, eine Probe in einen Fossilienacker versenkt und in einem Floating-Tank treibt. Geräusche aus dem Körperinnern geben dazu den gurgelnd-dröhnenden Kommentar ab. „Aquatic Assemblies“ an den Wänden sind aus Fischleder und Bremsscheiben konstruiert, haben Abflüsse, die nirgendwohin führen. Alles fließt, schon klar. Aber allzu verschraubte Überlegungen blockieren die Wirkung von Kunst. Die Erwähnung des sogenannten „hydrofeministischen Denkens“ macht es nicht besser.
Fremde Geister
Zugänglicher sind die Bilder und Textilarbeiten von Teresa Linhard, einer Meisterschülerin von Peter Piller. Sie beschäftigt sich mit der Chinamode, die es im Europa des 18. und 19. Jahrhunderts gab: getragen von einer Mischung aus Fernweh und Unverständnis. Entsprechend verschwommen, geisterhaft sind die Figuren, die Linhard in Bildern und Büchern fand und verwendete – für sehr schöne Wachsdrucke und zart leuchtende Holzmalereien, die auch umgekehrt ulkige chinesische Darstellungen von Europäern zeigen.

Hintergedanken: Die Installation “Sounding” von Enya Burger soll an den Zoologen und Forscher Ernst Haecksel erinnern. Foto: bikö
In der Mitte des Raumes schweben ein paar Schals mit Figuren und Tieren sowie nach Linhards Entwürfen gewebte Vogelbilder. Die Inspiration kam aus den Rokoko-Idyllen von François Boucher und den noch früher entstandenen Fantastereien des Kupferstechers Elias Baeck. Die Konzepte der beiden Frauen passen nicht wirklich zusammen, aber wie immer hat die Abgeschiedenheit im Beton-Tunnel ihre konzentrationsfördernde und wohltuende Wirkung. Und nachher gibt’s Cappuccino im KIT-Café, mit Blick auf den Rhein.
Was, wann und wo?
„For Ever and Forever When I Move: Enya Burger und Teresa Linhard“. Bis 28. Juni im KIT (Kunst im Tunnel), Mannesmannufer 1b. Geöffnet Di. So. 11 bis 18 Uhr. Eintritt: 4 Euro. www.kunst-im-tunnel.de