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Home›Kultur›Furie Frau: „die unverheiratete“ im Schauspielhaus Düsseldorf

Furie Frau: „die unverheiratete“ im Schauspielhaus Düsseldorf

Von Birgit Koelgen
6. Mai 2024
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(v.l.) Pauline Kästner, Traute Hoess und Claudia Hübbecker, Foto: Sandra Then

Die Erinnyen lassen nicht locker. Kaum haben uns die alten Rachegöttinnen bei der Ukraine-Orestie durch die Schuldfragen der Gegenwart gejagt, da erscheinen sie zur Premiere im Kleinen Haus, jaulen und wimmern und treiben die Seelen um. In dem verschachtelten Drama „die unverheiratete“ (lyrisch klein geschrieben) geht es um eine Großmutter, die einen Deserteur an die Nazis verriet, ihre ungeliebte Tochter, ihre neurotische Enkelin, ihre Verstrickungen. Ein Frauenstück, geschrieben von einem jüngeren Mann (Ewald Palmetshofer) und inszeniert von einem älteren Herrn (Andreas Kriegenburg). So bannen sie die Furien. Anstrengend. Beeindruckend.

Männer sind Opfer in dieser Geschichte. Auch Täter. Einer wird standrechtlich erschossen. Einer schlägt zu. Aber sie lassen sich in diesem Stück nicht blicken, sie spielen buchstäblich keine Rolle. Oder, wie die Oma sagt: „Die Männer sterben früh bei uns. Die Weiber nicht.“ Die müssen sich mit dem Schicksal herumschlagen. Über Generationen. Der 1978 geborene österreichische Dramatiker und Dramaturg Palmetshofer reüssierte schon als 30-Jähriger in Wien mit seinen Stücken, für „die unverheiratete“ bekam er dann 2015 den Mülheimer Dramatikerpreis. Ungewöhnlich im Theater der Gegenwart ist das der antiken Tragödie entlehnte Versmaß mit entsprechender Satzstellung: „Im Saal schon wieder zuckt das Licht.“

Rhythmus der Klassik

Einen bildungsnahen Sprachgebrauch wie diesen wissen besonders die Grauköpfe im Publikum zu schätzen, das zeigt der Applaus. Allerdings schützt der Jambus nicht vor banalen Aussagen: „Er geht dann auch mal duschen sich.“ Aber man bleibt gewissermaßen im Rhythmus der Hochkultur – zweieinviertel pausenlose Stunden lang. Welche Schuld genau zugrunde liegt, wird im Stück erst spät, auf dem Programmzettel sofort verraten. Jeder weiß also, dass die 96-jährige Maria, die nach einem Zusammenbruch im Krankenhaus liegt, kurz vor Kriegsende 1945 in ihrem Dorf einen vielleicht flüchtigen Soldaten gemeldet und dessen standrechtliche Erschießung ausgelöst hatte. Nach dem Krieg kam sie dafür in Haft. Uneinsichtig blieb sie, weil sie nur der herrschenden Ordnung gefolgt war.

Doch die fatalen Mechanismen des Gewaltapparats der NS-Zeit sind nur ein Randthema für Palmetshofer. Es geht um die inneren Spuren, die eine Schuld hinterlässt, wie ein Fluch, der sich fortsetzt nach alter Väter Vorstellung. Wie viele Mitglieder der Kriegsgeneration hat Maria ihrer eigenen Tochter Ingrid gegenüber eher Härte gezeigt, Herzenskälte. Eine Verbindung existiert eher zur Enkelin Ulrike, die ihre Liebhaber verachtet und mit obszönen Fotos piesackt.

Die Hundsmäuligen

Prachtrollen allesamt. Die bayerische Vollblut-Theaterfrau Traute Hoess spielt die Greisin, schimpft, jammert, zetert im Klinikbett, wild entschlossen: „Ich sterb’ hier drinnen nicht!“ Doch alleingelassen, da zittert sie doch, ein Häufchen Elend. Denn vier „Schwestern“, die Palmetshofer „Die Hundsmäuligen“ nennt, sind die gnadenlosen Erinnyen ihres Lebens. Fnot Taddese, Friederike Ott, Janina Sachau und Anya Fischer strapazieren im Wechselchor ihre Stimmen, verschieben die Klappwände der Gewissheit (Regisseur Kriegenburg hat das Bühnenbild selbst entworfen), geben keine Ruhe. Sie erzählen auch vom Prozess gegen Maria, verwandeln sich in Pflegerinnen und Mitgefangene in der Gemeinschaftszelle, schleichen durch die Zuschauerreihen, immer präsent.

Pauline Kästner als Enkelin Ulrike berichtet atemlos von ihren Liebschaften und fatalen Launen. Das nervöse Lamento und Gezappel ist oft kaum zu ertragen. Eine Getriebene, freundlich nur zur Oma, deren Rolle sie in Erinnerungsszenen übernimmt. Dann wird Kästner plötzlich zur Gefangenen im Nachkriegsknast, bedrückt, drangsaliert. Dazwischen geistert die elegante Claudia Hübbecker als „Mittlere“ umher, Marias Tochter und Ulrikes Mutter Ingrid. Auch „Mutti“ genannt, aber nicht so behandelt. Ignoriert von beiden Seiten. Vergebliche Liebesmüh verbreitend. Und plötzlich bricht aus der zierlichen Person der tödliche Zorn. Sie schreit: „Ich bin Elektra! Frucht des üblen Baums!“ Zum Fürchten.

Weitere Vorstellungen:

„die unverheiratete“ von Ewald Palmetshofer wurde von Andreas Kriegenburg im Kleinen Haus des Düsseldorfer Schauspielhauses inszeniert. Weitere Vorstellungen am 17. Mai und 1. Juni, jeweils 20 Uhr, und am 9. Juni, 18 Uhr. Vorstellungsdauer zweieinviertel Stunden ohne Pause. www.dhaus.de

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