Leidenschaftlich denken: Ruth Noack und die Düsseldorfer Akademie

„Vorboten der Leidenschaft“? Klingt etwas zaghaft. Als wisse man noch nicht genau, ob eine stürmische Liebe daraus wird. Ist was dran. Denn Ruth Noack (62), neue Professorin für Kunst und Öffentlichkeit an der Akademie und zugleich Leiterin der hochschuleigenen Galerie, hatte nicht viel Zeit, die Ausstellungsräume am Burgplatz neu zu gestalten und fürs Publikum zu beleben. Mit einem Mini-Etat und maximalem Schwung inszenierte die international renommierte Autorin, Dozentin und einstige Documenta-Kuratorin (2007) deshalb ein Spiel der Möglichkeiten.

Treffpunkt Donnerstagabend: Hier sprechen Akademie-Mitglieder über ein „Lieblingsstück“ aus der Sammlung. Foto: bikö
Dazu gehören auch ein paar nackte Holzpodeste, die sie aus dem Magazin geholt hat. Zum Teil blieben die Sockel leer – als Zeichen für eine offene Zukunft – und zum Teil weisen sie auf angedachte künftige Projekte hin. Ein Gips-Bein und eine bröselige Amphore aus der strapazierten Kollektion von Studienmodellen sowie Fotografien empfindlicher Blätter der im Kunstpalast verwahrten Graphischen Sammlung stehen für die 2028 geplante Beschäftigung mit den Themen „Archiv und Absenz“. Um Maßstäblichkeit soll es in „Scale“ gehen, dazu passt ein mit winzigen Wohnblöcken bedrucktes Kunst-Hemd von Katerina Šedá.
Lieblingsstück

Beispiel für die Sammlung der Akademie-Galerie: eine Serigrafie von Rupprecht Geiger: „leuchtrot kalt auf leuchtrot warm“ (1968). Foto: bikö
Für die nächste Schau Anfang 2027 hängt da eine geheimnisvolle Fotografie von Danica Dakić: „Jenseits modernistischer Transparenz“ drängen sich nicht identifizierbare Studierende hinter einem Milchglas. Ganz deutlich zu sehen ist im zweiten Raum eine Fotografie der in Düsseldorf lehrenden Video- und Konzeptkünstlerin Dominique Gonzalez-Foerster: „Foxyne I“ zeigt sie selbst mit Plüschohren im roten Haar – bei der maliziösen Verwandlung in eine Füchsin. Marley Schlarb, wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Akademie, wird das Bild am kommenden Donnerstag (5. November, 18 Uhr) als ihr „Lieblingsstück“ aus der Sammlung vorstellen.
Am Donnerstagabend, 18 Uhr, soll immer was los sein in der Akademie-Galerie. In dieser Woche gab es eine von fünf Vernissagen im mittleren Saal mit dem Titel „Aus dem Vollen schöpfen“. Das Volle sind in diesem Falle die Werkstätten der Akademie, deren künstlerisches Personal von Ruth Noack zur Geltung gebracht wird. Mit einem „Open Call“ fand sie 20 Expert*innen für die Technik und das Handwerk der Kunst, die auch eigene Ambitionen haben. Nach und nach stellen sie sich vor. Dazu gehört der Metallbildner Emil Walde, der ein zersplittertes Abbruchfenster aus dem Duisburger Bahnhof mit Stahlteilen in eine Skulptur gemacht hat: „Walker“ steht jetzt unter den blühenden Malereien von Sophie Urban aus der Druckwerkstatt.

„Aus dem Vollen schöpfen“ kann man in den Werkstätten der Akademie: Skulptur von Emil Walde unter Bildern von Sophie Urban. Foto: bikö
Himmelblaue Wände
Der Raum ist nicht weiß wie zuvor üblich, sondern hat ein warmes Braun. Ruth Noack konnte die auch in Düsseldorf vertretene Kultfarben-Firma Farrow & Ball als Sponsor gewinnen. Der letzte Raum strahlt verheißungsvoll himmelblau. Darauf kommen prächtig vier Gemälde von Nan Hoover (1931-2008) zur Geltung. Die langjährige Professorin war eigentlich bekannt für Videokunst und Performance. Aber das Sammlerpaar Ingrid Malkalns und Herbert Hennig hütet seit langer Zeit ein paar ebenso kraftvolle wie sensible Bilder aus dem Frühwerk der gebürtigen New Yorkerin – und lieh die Schätze aus.

„Zwei Leidenschaften“: Das Selbstporträt aus dem Frühwerk von Nan Hoover und die Skulptur von Luise Kimme (1968) stammen aus einer Privatsammlung. Foto: bikö
Dazu gehört ein androgynes Selbstporträt von Nan Hoover und ein um 1970 gemaltes, vermutlich weibliches Paar, das von den Sammlern als „Adam und Eva“ bezeichnet wurde. Herrlich uneindeutig ist auch die weinrot lackierte Polyester-Skulptur von Luise Kimme (1939-2013), die ein Vierteljahrhundert lang bis 2002 die Erstsemester im Orientierungsbereich unterrichtete. Ihr „Finch“ (Goldfink) sieht gar nicht aus wie ein Vögelchen, eher wie ein sinnliches Gemisch aus menschlichem Körper und Pflanze. Vielversprechende Vorboten.
Was, wann und wo?
Die Ausstellung „Vorboten der Leidenschaft“ ist bis 30. Januar 2027 in der Akademie-Galerie am Burgplatz zu sehen. Geöffnet Do. 14 bis 20 Uhr, Fr./Sa. 14 bis 18 Uhr. Eintritt: 6 Euro. Jeden Donnerstag um 18 Uhr präsentiert die neue Leiterin Ruth Noack ein besonderes Programm: Mitglieder der Akademie sprechen über ihr „Lieblingsstück“ aus der Sammlung, oder jeweils fünf Künstler*innen der Werkstätten feiern Vernissage mit neuen Werken: „Aus dem Vollen schöpfen“. www.kunstakademie-duesseldorf.de