Tanz gegen die Resignation: Forsythe/Eyal in der Rheinoper

Das Drama um die Deutsche Oper am Rhein wäre Stoff für eine Netflix-Serie: Kampf, Frust, Hoffnung. Da verlässt der Intendant das sinkende Schiff, da scheitern alle Neubaupläne, da verschiebt sich der Saisonstart wegen eines wackligen Bühnenturms. „La Traviata“ beginnt mit Trillerpfeifen aus Protest gegen Entlassungspläne der neuen Chefin Ina Karr, auf die man viel zu lange warten muss. Geschäftsführerin Alexandra Stampler-Brown, die zuverlässige Rechnerin, wird ihren Vertrag nicht verlängern. Hilft nur eins: Tanz! Obgleich der neue Ballettabend nichts Eigenes zu bieten hat, jubelt das Premierenpublikum über „Forsythe/Eyal“ und die fabelhafte Compagnie.
Um es gleich zu sagen: Das 40 Jahre alte Stück „In the Middle, Somewhat Elevated“ von William Forsythe, dem einstigen Halbgott des Frankfurter Balletts (der in dieser Saison sein neuestes Werk in Dresden und Frankfurt zeigt), wirkt heute nicht mehr so frisch. Fast wie etwas Klassisches. Dabei war es unerhört wild, als es 1987 unter einem Direktor Rudolf Nurejew an der Pariser Oper uraufgeführt wurde. Von der Decke hängen zwei Kirschen, (etwas, wie der Titel sagt, „Erhöhtes in der Mitte“). Man kann die Früchte kaum erkennen, sie sollen nur eine Art Fixpunkt sein.

Nach dem Tanz: Vor der Pause gab es den ersten Applaus für die Forsythe-Aufführung der Düsseldorfer Compagnie. Foto: bikö
Andere Energie
Rätseln ist sinnlos. Es gibt nichts Erzählerisches auf der Bühne. Sechs Frauen – ordentliche Haarknoten, anmutig dekolletierte Trikots – und drei Männer bewegen sich mit- und zueinander, als wollten sie das alte Ballett nicht zerstören, sondern mit einer anderen, aggressiveren Energie aufladen, der Energie des 20. Jahrhunderts. Pirouetten und Sprünge werden mit strammen Gängen kombiniert, Soli sind mehr von Anspannung als von Schwerelosigkeit geprägt.
Beim Pas de Deux, besonders von Phoebe Kilminster und Olgert Collaku, schimmert manchmal die Erinnerung an romantischere Zeiten durch. Den Soundtrack (aus der Retorte) liefert eine Schlagwerk-Komposition von Thom Willems: ein Schlagen und Scheppern, ein Schaben und Bellen, ein gnadenlos harter Rhythmus am Rande des Erträglichen, körperlich spürbar bis in den Zuschauerraum.

Packende Performance: die Compagnie in Sharon Eyals Choreografie „Strong“. Vorne, im Plié: Rose Nougué-Cazenave. Foto: Altin Kaftira / Deutsche Oper am Rhein
Alle in Einem
Und dann kommt, nach der Pause, das jüngere, 2019 in Berlin uraufgeführte Stück: „Strong“, eine wahrhaft starke Offenbarung der israelischen Choreografin Sharon Eyal, die erst kürzlich mit ihrer eigenen Truppe beim Düsseldorf-Festival reüssierte („Delay the Sadness“). Wie Forsythe bevorzugt Eyal die Leere auf der Bühne. In einem Dunst, von mattem Licht durchdrungen, stehen 20 Tänzer*innen eng beisammen, man sieht sie zunächst von der Seite. Ein Flüstern liegt in der Luft, das, mit überraschenden Klängen und Gesängen, allmählich zu Musik wird (Ori Lichtik). Die Kompanie stürmt keineswegs los. Sie kann warten, in äußerster Konzentration. „Findet das Extreme im Nichts“, hat die Meisterin angewiesen, deren Choreografie hier von Aram Hasler einstudiert wurde.
Zunächst heben und senken die Männer und Frauen nur ihre Arme. Dann löst sich eine Solistin, windet sich heraus, spinnengleich. Die anderen ruckeln im Grand Plié, der tiefen Kniebeuge, halten die Köpfe schief. Erheben sich, marschieren auf Zehen, schwenken die Arme im Gleichklang wie Algen im bewegten Wasser, posieren dann „strong“ mit angespannten Armmuskeln, durchaus mit Witz. Trotz extremer Unterschiede in Größe und Statur wirken sie wie ein Organismus, wie ein dunkler Schwarm von Fischen oder Insekten, wie ein gewaltiges Menschentier. Man ist vollkommen gebannt, manchmal auch amüsiert. Jubelrufe für das Ensemble.

Im Licht des Beifalls: Standing Ovations gab es für die 20 Tänzer und Tänzerinnen nach der Aufführung von Sharon Eyals „Strong“. Foto: bikö
Weitere Termine
Der Ballettabend „Forsythe/Eyal“ mit Choreografien von William Forsythe und Sharon Eyal wird am 7., 13., 18., 19. und 29. November sowie am 4. Dezember im Düsseldorfer Opernhaus aufgeführt. Aufführungsdauer: anderthalb Stunden mit Pause. www.operamrhein.de