Düsseldorf im Spannungsfeld zwischen Denkmalschutz und Stadtentwicklung

Die Mahnungen von Wirtschaftshistoriker Horst A. Wessel, Thorsten Scheer (Peter-Behrens-School of Architecture), Anja Schmid-Engbrodt (LVR Amt für Denkmalpflege im Rheinland) und Reinhard Lutum (Rheinischer Verein für Denkmalpflege und Landschaftsschutz, RVDL) gehen in dieselbe Richtung. „Wenn wir vergessen, wie die Entwicklung in der Vergangenheit gewesen ist, dann wird es schwer, die Schwierigkeiten der Gegenwart zu meistern und die Zukunft verantwortungsvoll zu planen“, warnte Wessel. „Umbrüche und Rückschläge gehören zum Leben einer Stadt und ihrer Menschen. Das Wissen darum und die Gewissheit, in der Vergangenheit erfolgreich gewesen zu sein, gibt Kraft, neue Herausforderungen zu bestehen. Wir müssen unsere Erinnerungen lebendig erhalten und auch unsere baulichen Denkmäler pflegen.“

Zahlreiche Interessierte waren in den Saal im Palais Wittgenstein gekommen
Genau das ist nach Ansicht des Experten-Quartetts in der Landeshauptstadt zuletzt viel zu selten passiert. Das machten sie am Donnerstag (16.4.) auf dem Abendforum der Aktionsgemeinschaft Düsseldorfer Heimat- und Bürgervereine (AGD) und des RVDL im Palais Wittgenstein deutlich. Die Veranstaltung stand unter der Fragestellung „Denkmalschutz und Stadtplanung – wie viel Vergangenheit braucht Düsseldorfs Zukunft?“. Auf dem Podium waren neben den Denkmal-Experten auch Svenja Schrickel (Leiterin des Instituts für Denkmalschutz und Denkmalpflege der Stadt Düsseldorf), Dirk Baackmann (stellvertretender Leiter im Planungsamt der Stadt Düsseldorf), Maximilian Schönauer (Stadtbildpfleger der Düsseldorfer Jonges), Fabian Zachel (stellvertretender Vorsitzender des Planungsauschusses) und Marcus Münter (Kulturausschuss) vertreten.

(v.l.) Thorsten Scheer, Horst A. Wessel und Reinhard Lutum hielten die Impulsreferate
Beispiele für den nicht akzeptablen Umgang mit historischen Gebäuden und Einrichtungen in der Landeshauptstadt gibt es für die Denkmalpfleger genug. „Zuletzt erwies sich die Entscheidung der Stadt über die Umrüstung der Gasbeleuchtung auf Strom als denkmalfachliches Desaster“, betonte Reinhard Lutum (RVDL). Er trug das Impulsreferat der erkrankten Schmid-Engbrodt vor.
In der Vergangenheit habe sich Düsseldorf in Sachen Denkmalschutz nicht immer mit Ruhm bekleckert. „Der Tausendfüßler war ein Ingenieurbauwerk von europäischem Rang und ist ohne Not zerstört worden“, kritisierte Scheer. „In direkter Nachbarschaft zum Drei-Scheiben-Haus und dem Schauspielhaus gelegen, symbolisierte der Tausendfüßler Düsseldorfs prägenden Dreiklang von Industrie-, Kultur- und Verkehrsstadt und war damit architektonisch charakterbildend für die Landeshauptstadt.“ Die Hochstraße durch die Düsseldorfer City war 1962 erbaut, 1993 unter Denkmalschutz und 2013 dem Erdboden gleich gemacht worden um den Kö-Bogen inklusive Ingenhoven-Tal zu errichten.

Auch die Düsseldorfer Jonges waren mit ihrem Stadtbildpfleger Maximilian Schönauer (links) und Baas Reinhold Hahlhege (rechts) dabei
Die Gefahr, dass beispielsweise denkmalgeschützte Bauwerke, wie die alte Oper und die Theodor-Heuss-Brücke, bald nicht mehr als monumentale „Geschichtsbücher“ im Stadtbild vorhanden sind, sei groß.
Im Spannungsfeld zwischen erhalten und modernisieren hat die Verwaltung kaum Spielraum. „Aktuelle technische Bestimmungen stehen dem Denkmalschutz oft konträr gegenüber. Um die Funktionalität von Gebäuden zu erhalten, müssen sie nach geltenden Vorschriften und technischen Anforderungen saniert werden. Dadurch würde beispielsweise die Theodor-Heuss-Brücke ein völlig anderes Gesicht bekommen“, erklärte Baakmann. „Wir schätzen historische Gebäude, aber sie müssen auch zur Stadtplanung passen.“

Wirtschaftshistoriker Horst A. Wessel und Dirk Baackmann vom Stadtplanungsamt
Und auch zur wirtschaftlichen, Infrastruktur- und gesamtgesellschaftlichen Entwicklung. „Die Stadt der Zukunft beruht auf ihrer Historie. Aber wie wie kriegen wir das überein?“, fragte Bürgermeister Fabian Zachel, der auch stellvertretender Vorsitzender des Ausschusses für Planung und Stadtentwicklung ist. „Jeder Entscheidungsträger im Rat der Stadt macht sich Gedanken, niemand trifft leichtfertige Entscheidungen. Wir müssen die Geschichte erhalten und abwägen, wie wir mit unseren Ressourcen umgehen.“ Zachel hatte ein Beispiel für das Spannungsfeld zwischen Geschichte, Verkehrs- und Wirtschaftsentwicklung parat. „In der Verlängerung der Theodor-Heuss-Brücke steht das Sprinter Werk, in das Mercedes viele Millionen investiert,“ so Zachel. „Das Sprinter Werk ist die größte Industrieansiedlung die Düsseldorf noch hat. Wir müssen in die Verkehrsinfrastruktur investieren, auch um die 5500 Arbeitsplätze abzusichern.“
Der nächste Aufreger ist bereits ausgemacht. Die Stadt möchte das 1907 bezogene Luisen-Gymnasium an der Bastionstraße veräußern. Das würde zu einer Umnutzung führen und damit zum weiteren Verlust historischer Bausubstanz in Düsseldorf.