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KulturTheaterTop News
Home›Kultur›Die Theatermacher: 100 Jahre Bühnenbild aus der Kunstakademie Düsseldorf

Die Theatermacher: 100 Jahre Bühnenbild aus der Kunstakademie Düsseldorf

Von Birgit Koelgen
15. April 2026
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Theater-Künstler: Bühnenbild-Professorin Lena Newton (zweite von links) mit Werkstattleiterin Ruth Groß (Mitte) und den Studierenden (von links) Emiliyan Todorov, Ziqian Zhang und Anastasiya Trifonenko. Foto: bikö

Alle reden von Regie. Wer eine Schauspielertruppe führt, wird zuerst gelobt – oder auch kritisiert. Viel weniger Beachtung finden jene Künstler*innen, die den dramatischen Raum gestalten und für die entscheidende Atmosphäre sorgen. Oft sogar für die Grundidee einer Inszenierung. „Man schafft Tatsachen“, bemerkt Lena Newton, preisgekrönte Bühnenbildnerin zwischen München, Berlin, Bochum und den Niederlanden, seit 2019 Professorin in Düsseldorf. Mit ihrer Klasse und Akademie-Theoretikerin Vanessa Sondermann hat sie „100 Jahre Bühnenbild an der Kunstakademie“ erforscht. Eine Ausstellung mit der Kraft des Theaters.

Wissenschaftliche Arbeit kann die Show manchmal abbremsen. Es ist etwas mühselig, die dicht gedruckten, trocken formulierten Stellwandtexte über den Beginn der akademischen Düsseldorfer Bühnenbildgeschichte zu lesen. Aber es ist wichtig. Denn der erste Professor fürs Bühnenbild, Walter von Wecus, 1926 von dem reformfreudigen Direktor Walter Kaesbach eingesetzt, war ein progressiver Künstler, der sich später dem Nazi-Regime andiente. Unter anderem entwarf Wecus eine beleuchtete NS-Flaggenstraße für die Ausstellung „Schaffendes Volk“. Während Kaesbach und andere Künstler wie Paul Klee gehen mussten, behielt Wecus seinen Posten – übrigens auch nach 1945, bis 1958.

Klassische Moderne

Dem Bauhaus verbunden: Strenge Linien zeichnete Walter von Wecus 1921 für ein Shakespeare-Bühnenbild im Düsseldorfer Schauspielhaus. Foto: bikö

Der Mann, der an den Bühnen der Propaganda arbeitete, war in jungen Jahren ein Freigeist. Im schlichten Bauhaus-Stil hatte Walter von Wecus 1921 „Der Widerspenstigen Zähmung“ von Shakespeare und 1925 mit schrägem Expressionismus Romain Rollands „Danton“ für das Düsseldorfer Schauspielhaus ausgestattet. Lena Newtons Schüler Emiliyan Todorov hat jetzt das rote Gestänge von Wecus‘ Shakespeare-Bühne akribisch nachgebaut – im Modell des historisch verschnörkelten Theaters. Er zeigt damit die radikale Modernität des Entwurfs.

Strenges Theater: Spartanische Entwürfe kennzeichnen die Ära des Professor Johannes Schütz. Emiliyan Todorov hat den Raum entsprechend gestaltet. Foto: bikö

Wie frei die Ästhetik der 1920er-Jahre war, beweisen auch Vergrößerungen von Fotos der Deutschen Theater-Ausstellung 1927 in Magdeburg, wo Entwürfe aus Wecus‘ Bühnenbildklasse Furore machten. Damit harmonieren Kostüme von Julia Zinnbauer, die Bühnenbild und Bildhauerei studiert hat und fasziniert ist von der Verbindung zwischen Mode und Architektur. Ihre skulpturalen Kleider wurden inspiriert von den hundert Jahre alten Gesolei-Bauten im Ehrenhof und den Mosaiken von Thorn Prikker.

Kleider wie Skulpturen: Die Bildhauerin und Bühnenbildnerin Julia Zinnbauer (vor historischen Fotos) lässt sich von Architektur inspirieren. Foto: bikö

Carmen und Picasso

Zwei feine, mit witzigen Zeitungscollagen ergänzte Bühnenbildentwürfe für Debussys „Jeux“ an der Berliner Staatsoper 1931 weisen auf den nächsten Professor hin: Teo Otto prägte von 1959 bis 68 die Düsseldorfer Bühnenbildklasse. Von Meister Otto sieht man die Skizze für eine leichte, bunte „Carmen“-Bühne (1968). In einem „Sommernachtstraum“ von 1965 durfte seine Assistentin Tymian Pachl die Kostüme beisteuern. Doch die Studenten, darunter Heinz Balthes und Thomas Richter-Forgách, wollten mehr. Im selben Jahr führten sie das Picasso-Stück „Wie man Wünsche beim Schwanz packt“ einfach selbst auf. Als Gesamtkunstwerk.

Auch Kostümbild gehört dazu: Die Entwürfe für den “Sommernachtstraum” stammen von Tymian Pachl. Foto: bikö

Es nahten die 1970er-Jahre mit ihrer kühnen Kreativität. Bei Karl Kneidl, der die Professur von 1974 bis 2008 innehatte, studierte eine der berühmtesten deutschen Bühnenbildnerinnen: Anna Viebrock, heute 74 und kein bisschen müde. Ein Tresen aus Marthalers Inszenierung von Lehárs „Giuditta“, die Viebrock 2021 in der Bayrischen Staatsoper einrichtete, steht mitten im Raum als Lesepult. Am Fenster übt eine Papp-Dame aus dem Rokoko eine anmutige Pose. Kneidl-Schülerin Ruth Groß, heute Werkstattleiterin der Bühnenklasse, hat sie für ein Projekt über die tänzerischen Ambitionen am Hofe des Sonnenkönigs Louis XIV. in die Welt gesetzt.

Verspielt: Ruth Groß, die Werkstattleiterin der Bühnenbildklasse, mit einer tanzenden Rokoko-Figur, die sie aus Pappe konstruiert hat. Foto: bikö

Archiv der Träume

Im Traum gesehen: Die „Hütte der tausend Gräser“ wurde für die Studentin Ziqian Zhang zu einem ganz eigenen Bühnenbild. Foto: bikö

Sehr zurückhaltend ging es 2006-19 unter Johannes Schütz zu. Ein mit grauer Pappe ausgeschlagener Raum mit spartanischen Entwürfen und kopflosen Figurinen beschwört die subtilen Prinzipien des Professors. Wunderbar losgelöst wirken dagegen die Ideen der gegenwärtigen Klasse unter Leitung von Lena Newton. Vor einem bunten „Bedroom of Fantasy + Dreams“, gebaut vom Kommilitonen Julius Bach, folgen die Student*innen ihren Träumen. Im wahrsten Sinne. Ziqian Zhang baute eine „Hütte der tausend Gräser“, die sie im Traume sah, und lässt darin Linjie Shengs Video „A Dream like a Dream“ laufen.

Einfach lauschen: die Lesung von Traumnotizen einer in der NS-Zeit geflohenen Journalistin gehört zur Installation der Studentin Anastasiya Trifonenko. Foto: bikö

Anastasiya Trifonenko lädt in ein „Archiv der Träume“, wo man (über Telefon) den Traumberichten der 1939 aus Deutschland geflohenen Journalistin Charlotte Beradt lauschen und selbst Geschichten des Unterbewussten notieren kann. In einen Kasten mit Gucklöchern hat Anastasiya Bilder versteckt, dazu können Traum-Interviews gehört werden. Lena Newton fördert die freie Assoziation. Sie selbst hält sich zurück und zeigt nur einen kleinen Hinweis auf eine rotgolden glühende Kulisse, die sie für das Projekt „Heat“ (Hitze) im Theater Rotterdam entwarf. Und wer noch nicht genug vom Theater gesehen hat – im Flur stehen etliche, geheimnisvoll beleuchtete Modelle von Bühnenbildern aus 100 Jahren.

Rotgolden leuchtet das Bühnenbild zur Produktion „Heat“ im Theater Rotterdam, entworfen von Professorin Lena Newton. Repro: bikö

Was, wo und wie?

„100 Jahre Klasse Bühnenbild an der Kunstakademie Düsseldorf“: bis 14. Juni in der Akademie-Galerie Düsseldorf, Burgplatz 1. Geöffnet Fr.-So. 12 bis 18 Uhr. In Kooperation mit der Akademie eröffnet das Theatermuseum Düsseldorf, Jägerhofstr. 1, am Freitag, 17. April, ab 18 Uhr die Ausstellung „Bühnenkunst in den 1920er-Jahren“. Bis 6. September. Geöffnet Di.-Do. 12 bis 17 Uhr, Fr./Sa. 11 bis 19 Uhr, So. 11 bis 17 Uhr. www.theater-museum.de und www.kunstakademie-duesseldorf.de

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