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Home›Kultur›Gemütlich gruseln: Jon Rafmans KI-Werk im K21 Düsseldorf

Gemütlich gruseln: Jon Rafmans KI-Werk im K21 Düsseldorf

Von Birgit Koelgen
29. Mai 2026
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Hier geht’s zur virtuellen Geisterbahn: Mit großen Plakaten wirbt das K21 für die Schau von Jon Rafman. Foto: bikö

Sie kennen sich schon seit der Studienzeit in Chicago: Karen Archey (41), die neue amerikanische Chefkuratorin der Kunstsammlung NRW, und Jon Rafman (44), ein kanadischer Künstler, dessen digital erzeugtes Werk mit dem ausgeflippten Geist der Gegenwart arbeitet. „We have a long personal history together“, sie beide hätten eine lange gemeinsame Geschichte, bekannte Archey vor Journalisten im K21. Dort präsentiert sie den Düsseldorfern bis zum Herbst Rafmans „Main Stream Media“ – eine flirrende Gruselshow im kuscheligen Ambiente, ebenso anziehend wie abstoßend.

Der Künstler Jon Rafman ist des Lobes voll über seine Kuratorinnen Karen Archey (links) und Doris Krystof. Foto: bikö

Das Souterrain des Hauses ist nicht mehr wiederzuerkennen. Mit bedruckten Teppichen, Tapeten, Vorhängen, wurden die weißen Säle in so etwas wie das überdimensionale Kellerrefugium eines Nerds verwandelt – „in größtmöglicher Distanz zum tradierten White Cube des Museums“, wie es im Pressetext heißt. „Eine solche Transformation“ habe es noch nie gegeben, bemerkt die altgediente Kuratorin Doris Krystof, und sie hat schon viel gesehen. Hinhocken und/oder Fläzen ist überall erlaubt in den schummrig beleuchteten Räumen. Man soll es sich gemütlich machen, um die unzähligen Videos des Kanadiers in körperlicher Entspanntheit anzusehen.

Nehmen Sie Platz! In der Rafman-Ausstellung darf man es sich vor den Videos gemütlich machen. Foto: bikö

Düster oder lustig

Das schützt allerdings nicht vor einer wachsenden Beunruhigung, die durchaus beabsichtigt ist. Karen Archey und ihr Friend Rafman legen Wert darauf, dass „ein kritischer Blick und dunkler Humor“ typisch seien für seine Videos. Jedes Mal, wenn sie die Schau besuche, sagt die Chefkuratorin, entdecke sie etwas Anderes, „etwas Düsteres, etwas Lustiges“. Jon Rafman hat nichts gegen das digitale Universum, ganz im Gegenteil, er liebt es. Schon als Student der Fächer Philosophie, Literatur und Film habe er, verrät die Ex-Kommilitonin, viel Zeit im Internet verbracht, das damals ganz neue Möglichkeiten des Spiels und der Forschung eröffnete.

Auch ein paar altmodische Fernsehapparate gehören zur Installation von Jon Rafmans „Main Stream Media“. Foto: bikö

Wie viele Mitglieder seiner Generation, die noch eine Kindheit ohne Smartphone erlebt hat, eroberte Rafman mit Begeisterung das virtuelle Terrain und sieht mit einer gewissen Trauer, dass die neue, viel raffiniertere Künstliche Intelligenz den alten, etwas unbeholfenen Technikzauber verdrängen wird. So sucht in der Projektion „Punctured Sky“ ein ziemlich besessener Protagonist namens Jon nach einem geliebten Computerspiel, das offenbar gelöscht wurde. Drum herum stehen zusammengeklebte Büdchen („Pods“), die als private Videokabinen dienen. Wer Lust hat, darf sich hineinsetzen und zum Beispiel einem Erzähler folgen, der auf imaginären Reisen durch Wüsten und orientalische Städte einen Palast sucht und von römischen Legionen halluziniert.

Wucht im Raum

Unheimliche Räume: ein Korridor aus Server-Schränken und KI-erzeugte Pseudo-Malerei mit grotesken Szenen. Foto: bikö

Das Besondere an Rafmans Arbeit ist, dass er nicht nur Projektionen zeigt, sondern das digitale Erleben, so Doris Krystof, „mit Wucht in den Raum“ gebracht hat. Wie ein Theater, in dem alle mitspielen. So stiefelt man lautlos über Bilderteppiche, vorbei an altmodischen Fernsehklötzen, in einen unterirdischen Salon mit großer Couch. Sehr bequem. Im Home-Cinema an der Wand erzählt eine künstliche Schöne etwas Verschwörungstheoretisches, ein Riesenemoji geht in Flammen auf, ein Alligator kriecht unter dem Bordstein hervor, Kinder treffen Aliens, am Strand tappen alle Leute mit AR-Brillen umher. Als sei die Realität nicht auszuhalten. Und dazu klingt ein schöner Song von James Blake über „The End … something’s coming for us.“

Animierter Alptraum: das „Dream Journal“ in der Abteilung „Cinema“ mit figurenförmigen Stühlen. Foto: bikö

Im „Cinema“ hinter dem Vorhang wird’s noch schauriger. In einem Alptraum mit einer fetten Familie, einem bewaffneten Mädchen und einer Art Höllenhund werden Figuren angegriffen und aufgelöst, machen eklige, gemeine, triebgesteuerte Dinge. Alles ist möglich in Rafmans „Dream Journal“. Und im Raum daneben. Ein aus Computerserver-Schränken gebauter Korridor bietet da keine Festigkeit, sondern Videos mit fratzenhaft verzerrten Gesichtern und wirren Geschichten. An roten Wänden hängen malerisch wirkende Bilder mit grotesken, unkenntlichen Wesen, die Rafman durch sprachgesteuerte Animation geschaffen hat.

Neun Augen

„Die neun Augen von Google Street View“: Kuriose Randszenen hielt Rafman per Screenshot fest. Foto: bikö

Vergleichsweise harmlos wirken da „Die neun Augen von Google Street View“, auch wenn das wie eine moderne Folge von Dr. Mabuse klingt. Seit 2008 hat Jon Rafman kuriose Szenen aus dem damals ganz neuen und höchst umstrittenen Straßenerfassungsprogramm von Google per Screenshot erfasst. In aller Welt kurvten die Google-Autos mit ihren neun Kameras umher – und hielten auch Rand-Szenen fest: einen Autounfall, seltsame Gestalten. Mit KI hat Rafman daraus einen kuriosen Film gemacht, in dem ein maskierter Löschtrupp unliebsame Erscheinungen verschwinden lässt. Ein gespenstischer Mann sucht vergeblich nach Spuren seiner verschwunden Geliebten. Oder so.

Wer wagt’s? Mit dem neuartigen „Golems“-Programm können sich Besucher mit Fremden aus aller Welt verbinden. Foto: bikö

Klare Handlungen gibt es natürlich nicht in dieser Schau. Sie hat aber einen Sog wie das ziellose Scrollen, das wir alle kennen. „I was looking for something, I can’t remember what“, ich weiß nicht mehr, wonach ich gesucht habe, sagt eine der spukenden Stimmen. Versteht man. Nach ein, zwei Stündchen in der anstrengenden unterirdischen Szenerie des Jon Rafman braucht der Mensch unbedingt frische Luft und einen Spaziergang am nicht virtuellen Schwanenspiegel.

Was, wann und wo?

„Jon Rafman: Main Stream Media“. Eröffnung am Freitag, 29. Mai, 19 Uhr, im K21 Düsseldorf, Ständehausstr. 1. Bis 27. September Di.-So. 11 bis 18 Uhr. Eintritt: 14 Euro, Jugendliche bis 18 Jahre haben freien Eintritt. Jeden 1. Mittwoch im Monat ist KPMG-Kunstabend (18 bis 22 Uhr) mit freiem Eintritt für alle. Der Katalog erscheint im Hatje Cantz Verlag und kostet 25 Euro. www.kunstsammlung.de

StichworteKunstsammlung NRW
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