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Home›Kultur›Ausflug ins Unterbewusstsein: Videos der Stoschek Collection Düsseldorf

Ausflug ins Unterbewusstsein: Videos der Stoschek Collection Düsseldorf

Von Birgit Koelgen
13. März 2021
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Hereinspaziert – aber mit Maske und Zeitfenster: Jasmin Klumpp, wissenschaftliche Assistentin, am Eingang zur Stoschek Collection

Der Körper ist in dieser Krise ja ausreichend gefüttert worden. Aber auch der vom Dauerfernsehen erschlaffte Geist braucht seine Nahrung. Mit Begeisterung nutzen die Düsseldorfer die vorsichtigen Öffnungen der Ausstellungshäuser. Die Julia Stoschek Collection (JSC) an der Schanzenstraße hat die mediale Kunst wieder eingeschaltet – und obgleich nichts Populäres dort gezeigt wird, waren die Zeitfenster für dieses erste Wochenende sofort ausgebucht. Filme und Sound von zwölf Künstler/innen der Collection („JSC on View“) sowie die anspruchsvollen Konzepte des Kanadiers Jeremy Shaw fordern die intelligente Aufmerksamkeit des Publikums. Nur Mut!

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Untersuchung des menschlichen Gefühls: Video und Wallpaper von Jeremy Shaw.

Aufstrebende Kuratorin aus New York

Die Chefin Julia Stoschek, Sammlerin „zeitbasierter Medienkunst“ und Profi im Global Play, hat für die neue Präsentation eigens eine aufstrebende Kuratorin aus New York für eine „Forschungs- und Arbeitsresidenz“ nach Düsseldorf eingeladen: Rachel Vera Steinberg. Die junge Expertin konnte coronabedingt jetzt nicht zur Öffnung der Schau kommen, hat aber in der zweisprachigen Ausstellungsbroschüre schwer gescheite Texte hinterlassen: „Die Arbeiten bedienen sich unterschiedlicher kultureller Narrative und vermitteln einen Eindruck davon, in welchem Sinn sie ein Inkubator für soziale Mythologien sein können.“

Auf die innere Reise gehen

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Performance in New York: die Künstlerin Klara Lidén in ihrem Video „Grounding“ von 2018.

Nun, Videokunst wird ja gerne mit einem anstrengenden intellektuellen Überbau geliefert. Dabei arbeitet sie ganz suggestiv mit bewegten Bildern, Stimmen und Geräuschen. Man muss nicht alles verstehen, sondern sich eher darauf einlassen wie auf einen Traum. Schön passt dazu ein Satz aus einem ziemlich poetischen Kunstfilm, den Laure Prouvost 2019 für den französischen Pavillon bei der Biennale von Venedig geschaffen hat: „Wir machen einen Road-Trip durch das Unterbewusstsein.“ Die umgebauten Fabrikräume der Stoschek Collection sind dafür besonders geeignet. Denn dank gläserner Wände und Türen, die den Schall dämpfen, erlauben sie sowohl faszinierende Durchblicke als auch eine Konzentration auf einzelne Werke. Stuhlreihen oder schöne Lederbänke laden zum Platznehmen ein. Und so kann man ganz gemütlich auf die innere Reise gehen.

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Drohnenflug: Das Video des Studios WangShui durchdringt die Fassade von Hongkonger Luxus-Wohntürmen.

Erste Station ist Hongkong, wo im Stadtteil Bel-Air luxuriöse Wohntürme nach Feng-Shui-Art gebaut wurden – mit eigenartigen Durchbrüchen für den Flug der imaginären Drachen zum Fluss. Die Stimme eines nicht näher bezeichneten Künstlers vom New Yorker Studio WangShui erzählt von alten Märchen und Traditionen inmitten modernster Architektur. Und lässt uns mit Hilfe einer Drohnenkamera langsam auf die bläulich schimmernden Fassaden zufliegen und durch die Öffnung hinaus ins Freie.

Alles ist Performance

Dahinter erscheint der Engländer Mark Leckey mit seinem Lockenkopf vor einer filmischen „Parade“ aus Werbefiguren in unwirklichen Räumen und führt in einem weiteren Video „Fiorucci made me Hardcore“ mit Archivmaterial in die Tanz-Subkultur der 1970er- bis 90er-Jahre. Eine Zeit, als es die knallharte Genderdiskussion der Gegenwart noch nicht gab. Die in Berlin und USA lebende Skandinavierin Klara Lidén legt Wert auf einen „ambivalent gegenderten“ Körper. Man meint, in ihrem Video „Grounding“ einen jungen Mann zu sehen, der durch den schicken New Yorker Finanzdistrikt spaziert und Passanten irritiert, weil er immer wieder hinfällt, ein Stück weit kriecht, aufsteht und weiterläuft, zu rhythmischer Musik.

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Auch Fotografien unter Prismenglas gehören zum Konzept des Kanadiers Jeremy Shaw.

Es geht der Künstlerin um die Reaktion auf Hautfarbe und Geschlecht. Als weißer Mann, glaubt sie, bleibt man unbehelligt. Doch ganz abgesehen von der politischen Botschaft zeigt sie eine nahezu tänzerische Performance zu rhythmischer Musik. Man ist fasziniert – genau wie von den knöchellangen roten Haaren, die eine feenhafte Schauspielerin in Mika Rottenbergs Video „Chasing Waterfalls“ vor den Niagara-Fällen flattern lässt. Das Spiel geht weiter mit den grotesk verkleideten, ziemlich sadistischen Clowns in einem Video des 2012 verstorbenen Mike Kelley. Dagegen ist die Dokumentation über einen queeren Club in Los Angeles von Wu Tsang („Wildness“) schon richtig seriös.

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Gruselige Clowns in der Finsternis: bewegliches Bild von Mike Kelley (1954-2012).

Gefühle der Vergangenheit

Manche Werke kommen auch ohne Bild aus – wie die Soundinstallation „Hunky Bluff“ von Lina Lapelytė. In einem langen Flur kann man unter Klangglocken die Aufzeichnung einer Opernperformance aus London hören und sich optisch ein bisschen erholen, bevor man in die obere Etage zur Ausstellung von Jeremy Shaw geht: „Quantification Trilogy“. Der in Berlin lebende Kanadier hat so etwas wie eine Zukunftswelt konzipiert, in der eine vollkommen rational agierende Menschheit die Gefühlsausbrüche der Vergangenheit wissenschaftlich untersucht. In altmodisch anmutenden Filmen, auf großen Wallpapers und auf Fotos unter Prismenglas sieht man Menschen tanzen, beten, wirres Zeug erzählen.

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Bitte hinhören: In einem Flur singt die Soundinstallation „Hunky Bluff“ von Lina Lapelytė.

Die vom Haus gelieferten Erklärungen sind leider ebenfalls wirr und wahnsinnig kompliziert. Es empfiehlt sich, die Ästhetik der Installation einfach auf sich wirken zu lassen und eigene Assoziationen zuzulassen. Es riecht nach neuem Teppich. Perfektionist Shaw hat sogar die Auslegeware für sein Arrangement ausgesucht. Zum Abschluss kann man noch ins Kellerkino gehen und dort elf Minuten lang unverwandt dem alten Kunstguru Joseph Beuys (1921-1986) in die gelegentlich blinzelnden Augen schauen. Der Filmer Lutz Mommartz würdigte mit dem lebenden Standbild 1969 die Beuys’sche Idee von der „Sozialen Plastik“. Ein Düsseldorfer Klassiker.

Wann, wo und wie?

Die neue Präsentation der Stoschek Collection „JSC on View: Mythologists“, die „Quantification Trilogy“ von Jeremy Shaw sowie der Beuys-Film „Soziale Plastik“ von Lutz Mommartz können bis zum 19. Dezember 2021 jeweils an den Wochenenden besucht werden. Der Eintritt ist frei, es müssen allerdings Zeitfenster gebucht werden. Auf der Website www.jsc.art gibt es auch Zugang zu einem virtuellen Bestandskatalog von zahlreichen Video-Werken aus der Sammlung Stoschek.

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