Mutterliebe killt Moral: „Inter Alia“ im Schauspielhaus Düsseldorf

Jessica Parks kann stolz auf sich sein: Sie ist ehrenwerte Richterin am Londoner Strafgericht, Feministin und eine Heldin der Gerechtigkeit. Trickreiche Verteidiger übergriffiger Männer werden von ihr in die Schranken gewiesen, weibliche Zeugen und Opfer mit Sensibilität behandelt. Unbestechlich ist ihr Urteilsvermögen. Doch was geschieht, wenn der eigene Sohn sich schuldig macht? Nach „Prima Facie“ hat die australische Juristin und Dramatikerin Suzie Miller ein neues packendes Drama über Gesetz und Gefühl geschrieben: „Inter Alia“ wurde jetzt in Düsseldorf erstaufgeführt – mit einer grandiosen Meike Droste in der Hauptrolle.
Man kennt Meike Droste als Dorfpolizistin Bärbel Schmied aus der Serie „Mord mit Aussicht“, aber die Wahl-Berlinerin ist eine renommierte Bühnenschauspielerin mit Engagements in den Tempeln der deutschsprachigen Theaterkunst wie dem Berliner Ensemble, der Wiener Burg, der Münchner Residenz. Jetzt gehört sie zum hiesigen Ensemble des neuen Intendanten Andreas Karlaganis – und wird vom Publikum mit Bravo-Rufen gefeiert. Am Broadway spielt Filmstar Rosamund Pike die Rolle, am Düsseldorfer Schauspielhaus, unter der straffen Regie von Anna Stiepani, brilliert Meike Droste.
Lebensrollen
Wie sie da oben steht, diese zarte Person, mit britischer Traditionsperücke und Samtkragen an der Robe, sehr aufrecht, ganz Autorität! Suzie Miller lässt die Richterin Parks selbst erzählen. Sie beteuert, wie gut sie zuhört, wie sie „Vergewaltigungsmythen“ erkennt (das Mädchen war ja selbst schuld), wie sie das Gleichgewicht herstellt. Doch Jessica ist nur „inter alia“ (Latein für unter anderem) eine Top-Juristin. So wie sich das Podest im klaren Bühnenbild von Thurid Peine in einen coolen Küchenblock verwandelt, wechselt sie die Lebensrollen.

Noch ist sie obenauf: Die Richterin Jessica Parks (Meike Droste) ahnt nicht, welches Verhängnis auf sie zukommt. Foto: Sandra Then / Schauspiel Düsseldorf
Sie ist auch quasselnde Hausfrau mit dem Wischlappen, charmante Gastgeberin, rücksichtsvolle Ehefrau eines leicht frustrierten, weil weniger erfolgreichen Anwalts (Philipp Hauß macht das Unausgesprochene spürbar), kichernde Freundin in einer Mädelsclique mit Vorliebe für peinliche Karaoke-Auftritte und vor allem: eine Löwenmutter. Ihr Sohn Harry, 18-jähriger Schüler zwischen kindlichem Trotz und jungmännlicher Kraftprotzerei, wird gespielt von dem stattlichen Theo Thun, der sich vor der mächtigen Mama ganz klein machen kann.
Gerechtigkeit
Immer hat sich Jessica um den angeblich so sensiblen Jungen gesorgt. Ihn beschützt vor gemeinen Mitschülern. Ihm beigebracht, wie er sich verhalten muss, wenn sich mal ein Missetäter nähern sollte (ganz laut schreien: „Nein!“). Nichts soll er sich gefallen lassen. Aber Mädchen mit Respekt behandeln. Klar. Irgendwas scheint er da nicht verstanden zu haben. Denn nach einer versoffenen Party beschuldigt ihn seine Kindheitsfreundin Amy, sie missbraucht zu haben. Nach einem Kuss, einer harmlosen Knutscherei, als sie im Alkoholschlaf lag. Wie es heißt, sei das Mädchen jäh erwacht, während sie vergewaltigt wurde.
Das bleibt nicht verborgen. Öffentlich wird Harry von Amy in den Social Media beschuldigt. Die Polizei ermittelt, die Eltern sind empört, ein Spitzenanwalt soll eingreifen. Denn das kann doch gar nicht sein. Ihr kleiner Harry ein Triebtäter? Niemals. So ein guter Junge. Oder etwa nicht?
Verzweiflung
Suzie Miller lässt den Zweifel langsam in das Denken der Mutter eindringen. Jessica reagiert zunächst mit Selbstvorwürfen, dann mit unbändiger Wut, die sie hinausschreit. Man könnte einen Psychokrimi mit vielen Personen daraus machen, aber das Spiel konzentriert sich nur auf drei Personen: Mann, Frau, Kind. Das elegante Ambiente am Kulissen-Waldesrand bleibt makellos, die Gewissheiten gehen zu Bruch.
Am Ende, als Harry trotz schwacher Beweislage gestehen will, fleht die Mutter ihn an zu schweigen und das Rechtssystem auszunutzen wie einer der windigen Anwälte, die sie immer bekämpft hat. In höchster Aufregung schmiert sie ihren sonst so akkuraten Lippenstift über das Gesicht. „Was ist mit der Scheiß-Gerechtigkeit?“ brüllt Harry. Das wird nach dieser intensiven Inszenierung viel diskutiert werden.

Entspannung: Meike Droste mit Theo Thun (links) und Philipp Hauß beim Applaus nach der packenden Premiere von „Inter Alia“. Foto: bikö
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„Inter Alia“: Die deutsche Fassung des neuen Stücks von Suzie Miller wurde im Großen Haus des Düsseldorfer Schauspielhauses erstaufgeführt. Die nächsten Vorstellungen sind am 9. und 15. November sowie am 5., 10., 16. und 28. Dezember. www.dhaus.de