Was der böse Bube träumte: Immendorff im Kunstpalast Düsseldorf

Solche Typen haben heute keine Chance mehr im politisch korrekt geführten Kunstbetrieb: Jörg Immendorff (1945-2007) inszenierte sich als Macho in Frack oder Leder, war Kommunist und Society-Darling, eröffnete eine Bar auf der Reeperbahn, heiratete als Professor und Ladykiller eine blutjunge Studentin und sorgte für Schlagzeilen, als er, schon todkrank, mit Nutten und allzu viel Koks in einem Düsseldorfer Luxushotel erwischt wurde. Seither ließen die Kuratoren die Finger vom Thema Immendorff. Der Kunstpalast durchbricht endlich das Tabu und zeigt, was für ein kraftvoller und sensibler Maler der böse Bube war.

Drei Frauen und ein nachdenklicher Direktor (von links): Die Kuratorinnen Westrey Page und Felicity Korn, Pressesprecherin Sarah Wulbrandt und Felix Krämer vor Immendorffs Bild „Naht“ (1981). Foto: bikö
Zwei junge Frauen, nicht verstrickt in alte Verbindungen und Anekdoten, haben die Schau eingerichtet: Felicity Korn, Chefin der modernen Sammlung, und ihre Co-Kuratorin Westrey Page. „Wir waren beide sehr skeptisch“, gibt Korn zu, aber „am Ende überzeugt“. Und sie geben Immendorff seinen großen Auftritt: 120 zum Teil monumentale Werke aus Sammlungen und dem Nachlass. Immendorffs Witwe mit dem von ihm verliehenen Künstlernamen Oda Jaune (jaune/gelb war seine Lieblingsfarbe, der altdeutsche Vorname Oda heißt Erbin) hat sich, so Krämer im Katalog, „leidenschaftlich für die Schau eingesetzt“.
Der innere Affe
Und da steht er nun, überlebensgroß, mit Schnauzbart, Silberringen, Basecap und Lederjacke. Fotografiert 1987, vor einer Mauer in Auckland. Was für ein Tier er da auf dem Arm hat, Hund oder Hase, kann man nicht genau erkennen. Das Tier in Immendorffs Kunst ist jedenfalls ein anderes: der Affe, so etwas wie sein anderes Ich, die innere Stimme, frech, gefühlvoll. Auf einem über drei Meter hohen Bild hockt ein Äffchen auf seinem Rücken, während er (was Gelbes) malt, und flüstert vermutlich Selbstkritisches. Denn, so der Titel: „Der Malerfeind im Maler ist sein bester Freund“.

Jörg Immendorff im Kunstpalast: Ein Porträtfoto aus dem Jahr 1987, eine Affenbronze von 1996, ein Gemälde („Der Malerfeind im Maler ist sein bester Freund“) von 1985. Foto: bikö
Mit dem Malen hatte es sein Meister Joseph Beuys allerdings nicht so. 1964, nach drei Semestern Bühnenbildstudium bei Teo Otto, war der aus dem Landkreis Lüneburg stammende Offizierssohn Jörg Immendorff in die Düsseldorfer Akademieklasse des charismatischen Mannes vom Niederrhein gewechselt. Obwohl der erst 19-jährige Jörg mit ästhetischem Minimalismus sicher wenig anfangen konnte, agierte er doch als „Ritter“ und folgte Beuys im Kampf gegen eine heuchlerische Gesellschaft. „Für alle Lieben in der Welt“ schuf der 22-jährige Immendorff 1966 eine Serie pazifistischer Bilder von aufgeblasenen Babys, deren Züge erotischen Details gleichen. Make love, not war: In Zeiten des Vietnam-Kriegs war das die Devise der Jugendbewegung.
Café Deutschland

Relikte einer wilden Zeit: „Lidl“ hieß 1968 eine Reihe von Happenings, die Immendorff mit Kollegen veranstaltete. Foto: bikö
Dazu passend entwickelte Immendorff 1968 mit seiner damaligen Frau Chris Reinecke die Happening-Reihe „Lidl“ (nach einem Babylaut, den Discounter gab’s damals noch nicht). In kreativer Gemeinschaft wurde gekaspert und politisiert. Während der junge Immendorff sein Geld als Kunstlehrer an Düsseldorfer Schulen verdiente, protestierte er gegen Wohnungsnot und Ungerechtigkeit, trat sogar in die maoistische KPD ein, machte vorübergehend Agitprop statt Kunst. Heute sieht man die wilden Jahre mit einer gewissen Wehmut. Denn in der fröhlichen Revolte der Zeit lebte die Hoffnung auf eine bessere Welt.

„Landschaft, die ich brauche“ nannte Immendorff (auf einem Foto im Hamburg) das Kneipenbild von 1988. Foto: bikö
Und die lebt auch in großen Bildern des aufstrebenden Malerstars Immendorff, der in den 70er-Jahren das „Café Deutschland“ beschwor. In monumentalen, düster-behaglichen Kneipenszenen wird vom geteilten Land erzählt. Da hockt Immendorff selbst mit seinem ostdeutschen Malerfreund A.R. Penck an einem Tisch und malt, neben dem Stacheldraht. In einer anderen Szene bricht er durch ein Stück Mauer und reicht am anderen Deutschland die Hand. Eine Narbe in Form des Brandenburger Tors brandmarkt das Fleisch der Nation auf dem Bild „Naht“ (1981).
Kneipenseele

Begegnung: Ein Betrachter zwischen den Immendorff-Bildern „Zeig, was Du hast“ (1983, links) und „Wartebiene I“ (1991/92). Foto: bikö
In Kneipen hocken, von Kneipen träumen, mit Kneipen erzählen – das war Immendorffs Ding. Er wollte nicht nur als Gastprofessor in Hamburg, Köln und München künstlerisches Prestige kassieren. 1984 übernahm er die Reeperbahn-Spelunke „La Paloma“ und stand da gern hinterm Tresen. „Landschaft, die ich brauche“ heißt ein Bild, von 1988, das ihn rauchend mit Wein und Kunststücken am Bar-Tisch zeigt, im Gespräch mit einem Mann, der wie er selbst aussieht. Einsam folgt er 1991 dem Licht durch einen unwirklichen Wald („Wartebiene“), während er 1992/93 erschöpft sein eigenes Reittier füttert – in einer Vision des Pariser Café Flore, wo unter anderem die Literaten Heine, Brecht, Heiner Müller geistern und Beuys einen Besen schwingt.

Der subtile Immendorff: Entwürfe auf Papier für das Bühnenbild von „Rake’s Progress“. Foto: bikö
Die Idee des Bühnenbilds hat Immendorff nie ganz verlassen. Und so entwirft er Kulissenbilder fürs Theater – unter anderem für Strawinskys „Rake’s Progress“ in Salzburg. Dem Wüstling („rake“) fühlt er sich verwandt und sieht sich zugleich einsam und bleich am Tisch auf dem „Bild mit Geduld“ – und mit der zur Besinnung mahnenden Biene. 1996 wird er Professor an der Düsseldorfer Kunstakademie, Stern der hiesigen Schickeria, Gaststar auf Parties, umgeben von schönen Mädchen. Eins davon, die Kunststudentin Oda Jaune, wird seine Ehefrau, sie bekommen eine Tochter.
Letzte Bilder

Menschliche Tiere: Die Affen aus dem letzten Atelier von Jörg Immendorff repräsentieren seinen „Malerstamm“. Foto: bikö
Doch Immendorffs Schicksal ist besiegelt. Er hat ALS (Amyotrophe Lateralsklerose), die tückische lähmende Nervenerkrankung. Bald kann er seine linke Malhand nicht mehr gebrauchen, schafft mit der anderen wolkenhafte Gestalten. Zahlreiche Affenskulpturen nach seinen Entwürfen entstehen. Das Alter Ego bleibt munter. Ab 2004 verwirklicht ein Team von Assistenten das Werk von Jörg Immendorff: „Ich setze die Noten, ich bin der Composer und der Conductor“, so wird der Künstler zitiert.

Neben dem goldenen Bildnis des Kanzlers Gerhard Schröder hängt das „Selbstporträt nach dem letzten Selbstporträt“, das 2007 nach Immendorffs Tod bei der Trauerfeier präsentiert wurde. Foto: bikö
Melancholisch schwingt die Schau aus. Von der Koks-Party im Luxushotel und dem nachfolgenden Prozess, Top-Thema des Sommers 2004, ist im Katalog nur kurz als „Medienskandal“ die Rede. In der Tat will man sich nicht mehr über die Sünde des sterbenskranken Mannes aufregen, der zuletzt noch – unter viel Häme – das güldene Porträt seines eitlen Kanzlerfreundes Gerhard Schröder entwarf. Gleich daneben hängt das „Selbstporträt nach dem letzten Selbstporträt“, eine Art Malcollage, auf dem der Künstler im Affenkostüm vom Adler der Zeit verschlungen wird.
Was, wann und wo?
„Immendorff“: Bis 10. Januar 2027 im Kunstpalast Düsseldorf, Ehrenhof 4-5. Geöffnet Di.-So. 11 bis 18 Uhr, Do. bis 21 Uhr. Tickets: 17 Euro (für das ganze Haus). Kinder unter 18 Jahren haben freien Eintritt. Der Katalog ist im Verlag der Buchhandlung König erschienen und kostet 29,80 Euro. www.kunstpalast.de