Abgebremst: „Prinz von Homburg“ im Schauspielhaus Düsseldorf

Gute Laune lag in der Luft, Lust auf Neues, ein Prickeln, nicht nur vom Frei-Sekt für die Eröffnungsgäste der Saison. „Jetzt geht’s endlich los“, freute sich der neue Intendant des Düsseldorfer Schauspielhauses, Andreas Karlaganis. „Schön, dass wir gemeinsam die Freiheit, die Vielfalt und die Debattenfreude der Kunst feiern können“, sagte Ina Brandes, die Kulturministerin des Landes. Das Gefühl für die Kraft des Theaters kam so richtig in Schwung – und wurde dann lahm gelegt von einer sehr feierlichen, quälend langsamen Inszenierung von Kleists „Prinz Friedrich von Homburg“ mit einem abgebremsten André Kaczmarczyk in der Hauptrolle.

Bestens gelaunt begrüßte der neue Generalintendant Andreas Karlaganis die Gäste: „Wir möchten Ihnen zeigen, was Theater alles kann.“ Foto: bikö
Regisseur Ulrich Rasche (57) ist berühmt-berüchtigt für seine theatralischen Gesamtkunstwerke: raffiniert beleuchtete Bühnenbilder, in denen die Schauspieler auf Drehscheiben und Laufbändern in ständiger, gleichmäßiger Bewegung ihre Texte deklamieren. Der gebürtige Bochumer Rasche hat viel bei Pina Bausch und Robert Wilson abgeguckt, geht nur viel sturer vor, ohne Überraschungen. Der Kurfürst Friedrich Wilhelm wird in Kleists Männerdrama wird zwar von einer Frau gespielt (Patrycia Ziolkowska), das spielt aber keine Rolle. Sie schreitet so schwer daher wie jeder der Herren im durchweg schwarz gekleideten Ensemble.

Hinten raus ist es auch schön: Vor der Premiere schnappten viele Zuschauer noch frische Luft an der Hofgartenseite des Schauspielhauses. Foto: bikö
Immer langsam
Denn so ist das Grundkonzept der Inszenierung: nur nicht zu heftig spielen, unbedingt im zähen Rhythmus bleiben und, weich nur im Knie, einen Fuß vor den anderen setzen. Vorwärts, rückwärts, über Kreuz, immer ganz ruhig. Passend kommen auch die Worte. Eins. Nach. Dem. Anderen. Originalgetreu, aber ohne Emphase. Das dient immerhin der Verständlichkeit – solange die Mikros funktionieren. Man braucht viel technische Verstärkung, weil das (mit Pause) vierstündige Spektakel von suggestiver Live-Musik durchzogen wird: Cello, Schlagzeug, Electronics.
Es tönt und dröhnt ohne Unterlass über Rasches selbst entworfenem Bühnenbild. Leuchtende, lautlos gleitende Lichtstäbe schweben in wechselnden Farben, bilden Wände und Gassen. Später steigt etwas Theaterqualm auf, golden beschienen. Die Wirkung? Durchaus hypnotisch. Das macht zunächst Sinn. Wie alte Humanisten und gequälte Oberschüler wissen, ist der Prinz von Homburg ein zur Sinnverwirrung neigendes Träumerchen. Gerade hat er noch als Reitergeneral „den flücht’gen Schweden munter nachgesetzt“, da geistert er schlafwandelnd durch die Nacht – und wird von seinem Fürsten und der leider verehrten Natalie von Oranien (würdevoll nuschelnd: Lucia Kotikova) ein wenig gefoppt.

Großer Auftritt, strenges Konzept: André Kaczmarczyk (Mitte) als Prinz von Homburg in einer Szene mit Wael Kreiker (links) und Theo Thun. Foto: Thomas Rabsch / Schauspielhaus Düsseldorf
Alles ein Traum
„Ist es ein Traum? Ein Traum, was sonst?“ Ein entrücktes Gefühl wird den Prinzen auch nach dem Aufwachen immer wieder heimsuchen. Ohne lange nachzudenken, führt er in der nächsten Schlacht seine Truppe ohne Befehl in den Kampf – und trägt einen Sieg davon. Das wird nur erzählt. Denn es geht bei Kleist nicht um Action, sondern um Moral. Das Kriegsrecht verlangt, dass der Kurfürst seinen geliebten Protegé, den Prinzen, wegen Ungehorsams und Eigensinns zum Tode verurteilt. Nach anfänglicher Ungläubigkeit, dann großem Entsetzen und Aufbegehren fügt sich der Prinz schließlich der grausamen Logik des Gesetzes, erkennt es als gerecht, geht gefasst zur Hinrichtung. Und wird begnadigt, um weiter das Kriegsgeschäft zu betreiben.
Eine der großen Charakterrollen des deutschen Theaters. Herrlich für jeden jungen Schauspieler. André Kaczmarczyk, atemberaubend als Macbeth oder Richard III., könnte aus dem Vollen schöpfen. Aber nicht unter Rasches Regie. Schon die Art, wie der Prinz in der Premiere flehte: „Rette mich!“ zeigte wahrscheinlich spontan schon mehr Emphase, als das Konzept erlaubt. Die meiste Zeit schleicht und schleppt sich Kaczmarczyk vorschriftsmäßig durch die Rolle. Eine Zweitfigur, „Der tote Prinz“ (Yannik Stöbener) mit Blutfleck auf der blanken Brust, tritt aus dem Zwielicht, hält Händchen mit dem Prinzen, langsam schreitend. Eine personifizierte Todesfurcht und Todessehnsucht (Kleist trieb ja beim Schreiben um 1810 schon auf den Selbstmord zu) ersetzt das emotionale Spiel. Schläfrigkeit stellt sich ein. So manchem Zuschauer fallen sanft die Augen zu. Und doch wird am Ende von den Fans wie üblich gejauchzt und gejubelt.

Fast vier Stunden (mit Pause) dauert die langsam dahinschreitende Kleist-Inszenierung. Das Ensemble beim Applaus im Großen Haus. Foto: bikö
Weitere Vorstellungen
„Prinz Friedrich von Homburg“ von Heinrich von Kleist in der Inszenierung von Ulrich Rasche wird im Großen Haus am Düsseldorfer Gründgens-Platz gespielt. Aufführungsdauer: mindestens dreieinhalb Stunden, plus Pause. Die nächsten Vorstellungen sind am 25. September, am 4., 17. und 18. Oktober. Hinweis: Programmhefte gibt es jetzt nur noch digital. Vor Ort wird ein Faltblatt für einen Euro verkauft. www.dhaus.de