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Home›Kultur›Schönes Chaos: 10 Jahre Sammlung Philara in Düsseldorf-Flingern

Schönes Chaos: 10 Jahre Sammlung Philara in Düsseldorf-Flingern

Von Birgit Koelgen
10. Juli 2026
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Kunstfabrik, Eingangshalle: Das Architekturbüro Sieber verwandelte die Glaserei Lennarz vor zehn Jahren in die Sammlung Philara. Foto: bikö

Es soll treue Fans der Sammlung Philara geben, die haben den Chef und Stifter noch nie gesehen, obwohl er oben im Haus eine Loft-Wohnung hat. Gleich an der öffentlich zugänglichen Dachterrasse. Doch Gil Bronner (64) hält sich zurück. Er lässt seine jungen Kuratorinnen – derzeit ist es Hannah Niemeier – die Kunst ordnen und die Kommunikation erledigen. Aus dem Off freut er sich über das coole Kulturinstitut, in das er die einstige Glasfabrik Lennarz in Flingern vor zehn Jahren verwandelt hat. Zum Jubiläum präsentiert er seine Sammlung jetzt als „House of Balagan“.

Teil des Kunstwerks werden die Besucher im verspiegelten Pavillon von Dan Graham („Aries/Fun“) auf der Dachterrasse der Sammlung Philara. Foto: bikö

Das ist nicht gerade für jedermann verständlich. Aber der Mensch kann ja googeln. Also: Balagan bedeutet im Polnischen und Hebräischen so etwas wie sympathisches Chaos. Soll heißen, der Sammler folgt keinem stilistischen Plan. Er fördert junge Talente und kauft ansonsten nach Gefühl, nicht unbedingt mit strengem Geschmack. Sein erstes Stück, 1991 in Barcelona erworben, ist auch zu sehen: „Der Seher“, ein kleines, damals ganz aktuelles Gemälde von Miguel Ángel Campano. Die kubistische Anmutung erinnert an die Klassische Moderne, der sich Gil Bronners Eltern, die Mäzene Cary und Dan Georg Bronner, besonders verbunden fühlten. Als Referenz steht schräg gegenüber ein Schätzchen aus der Sammlung der Senioren: einer der witzigen Quadratschädel-Typen von Max Ernst, „Unter den Brücken von Paris“ (Bronze, 1961).

Junger Blick: René Gipperich, Masterstudent der Kunstgeschichte, bei einer Führung. An der Wand: das erste Stück in Gil Bronners Sammlung, „Der Seher“ von Miguel Ángel Campano (1990). Foto: bikö

Große Kinder

Eine 1970 entstandene Gouache des grandios verspielten Alexander Calder („Le Grand Tremblement“, das große Beben) könnte auch aus der elterlichen Kollektion stammen, wurde aber erst vor ein paar Wochen von Gil Bronner gekauft. Wie ein Liebesbeweis. Erst ein Jahrzehnt alt ist hingegen eine große Assemblage der Französin Carolina Mesquita: „123 soleil“ nach einem Kinderspiel, bei dem alle stillhalten müssen, sobald sich der Zählende umdreht. Aus dünnen Stahl- und Messingplatten hat die Französin überlebensgroße Figuren gebogen. Ein golden schimmernder Kunstspaß.

Turbulente Installation: Von einem Kinderspiel inspiriert ist die Figurengruppe von Carolina Mesquita, „123 soleil“. Foto: bikö

Mehr skurriles Spiel gibt es in den Räumen gegenüber, die Marcel Dzama, einem Favoriten des Sammlers, gewidmet sind. Der kanadische Zeichner, Filmer und Objektemacher ist ebenfalls ein großes Kind unter den Künstlern. Mit einem Hang zum makabren Scherz. „On the banks of the red river“, am Ufer des roten Flusses, lässt er eine auf den ersten Blick drollige Jagdgesellschaft aus Keramikmännlein mit gereckten Flinten auf Mensch und Tier schießen. Groteskes Figurentheater präsentiert er auch in einem Video („To live on the Moon“), eine der Masken hält ein Schild hoch: „Help“.

Makabres Puppentheater: die Jagdgesellschaft „On the banks of the red river“ von Marcel Dzama. Foto: bikö

Prinzip Balagan

Auch der Kreis von 128 Leitz-Ordnern voller leerem, gewelltem Papier draußen in der großen, verspiegelten Eingangshalle zeugt vom Humor des Stifters. Das Objekt des Spaniers Ignacio Iriartes („The Ringbinder Circle“, 2014) erinnert Bronner an den früheren Sitz der Sammlung: die ehemalige Leitz-Fabrik in Reisholz. Schon in den 1960er-Jahren entworfen wurden Skulpturenteile aus Stahlblechrohren an der Tür: Minimalismus von Charlotte Posenenske. Nicht zu vergleichen mit den sinnlich-figürlichen Collagen von Anys Reimann („Die Nacht“, 2021), eine der kraftvollsten Entdeckungen Bronners. Was typisch ist für seinen Kunstgeschmack, lässt sich nicht feststellen. Balagan eben.

Zentauren in pinkfarbener „Flood“ von Marianna Simnett. Davor in der Kugel eine Pflanzenobjekt von Hito Steyerl („Animal Spirits“). Foto: bikö

Und so spaziert man staunend durch die Räume – wo es manchmal fast kitschig wird wie auf einem monumentalen Aquarell mit badenden (oder ertrinkenden) Zentauren („Flood“) der in Berlin lebenden, der Fantasy verbundenen Malerin und Filmerin Marianna Simnett. Davor hängen auch noch Kugeln mit Orchideen, gepflanzt von Hito Steyerl („Animal Spirits“). Sehr entfernt von der sachlich-akkurat gemalten „Trinkhalle“ von Christoph Ruckhäberle aus der Leipziger Schule. Im House of Balagan findet jeder, was ihm gefällt. Vorbei am Tanz zweier Männer auf dem Bild „Xapá“ (Freude) des Essener Griechen Kiriakos Tompolidis, sollte man zum Schluss auf jeden Fall noch hochsteigen auf die 500 Quadratmeter große Dachterrasse steigen. In den Himmel über Flingern ragt dort die Stahlskulptur „Altar“ von Kris Martin, und im verspiegelten Pavillon von Dan Graham („Aries/Fun“) werden Besucher*innen selbst zu Bildern.

Auch im Treppenhaus gibt’s Kunst: Kiriakos Tompolidis malte das Tanzbild „Xapá“ (Freude). Foto: bikö

Was, wann und wo?

„House of Balagan – Zehn Jahre Philara“: bis 14. Februar in der Sammlung Philara, Düsseldorf-Flingern, Birkenstr. 47A. Die private Kunsthalle in der ehemaligen Glasfabrik Lennartz ist regulär nur am Wochenende geöffnet: Fr. 16 bis 20 Uhr, Sa. und So. 14 bis 18 Uhr. Der Eintritt ist kostenlos, Spenden werden begrüßt („Pay what you wish“). Die Teilnahme an Führungen Sa./So., jeweils 15 Uhr, kostet 5 Euro. Anmeldung unter www.philara.de

StichworteFlingernSammlung Philara
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