Eine beeindruckende Zeitzeugin zu Besuch in Düsseldorf: Eva Weyl

Nach den gut zwei Stunden im Foyer des Oberlandesgerichts (OLG) Düsseldorf wussten die Jura-Zweitsemester der Heinrich-Heine-Universität am Mittwochabend (8.7.) ganz genau, wer Albert Konrad Gemmeker war. Der in Düsseldorf geborene Gemmeker war SS-Sturmführer und unter anderem von 1942 bis 1945 Kommandant des Internierungslagers im niederländischen Westerbrock, von dem eine direkte Bahnverbindung zum Vernichtungslager Auschwitz führte. Das belegen nicht nur Dokumente und Unterlagen aus der damaligen Zeit, sondern auch der Zeitzeugenbericht von Eva Weyl.

Zahlreiche Gäste lauschten den Schilderungen
Die 91-jährige Niederländerin hält seit fast 20 Jahren Vorträge gegen das Vergessen der Gräueltaten der Nazi-Herrschaft. Dabei richtet sie sich vorwiegend an die junge Generation in Schulen und Hochschulen. „Die jungen Leute tragen keine Schuld für das was passiert ist, aber sie tragen wie wir alle Verantwortung dafür, dass sich so etwas nie mehr wiederholt“, erläuterte Weyl. „Deshalb habe ich eine Mission, aufzuzeigen, wozu Hass, Hetze, Intoleranz, Neid, Respektlosigkeit, Feindschaft, Ressentiments, Ausgrenzung führen können.“
Sie erzählte von extrem kalten Wintertagen im Lager, von Baracken, in den 375 Menschen zusammengepfercht waren und von ihrem unfassbaren Glück, nicht in ein Vernichtungslager deportiert worden zu sein. Von Westerbrock aus wurden 107.000 Juden, Sinti und Roma in die Vernichtungslager deportiert. Nur 5000 haben die Shoa überlebt. „Der Lagerkommandant Gemmeker hat die Deportationen organisiert, aber als Schreibtischmörder nie selbst Blut an den Fingern gehabt“, berichtete Weyl. Sie erzählte, dass ihr Vater, der 1934 als Kaufhaus-Inhaber aus Angst vor den Nazi-Repressionen aus Kleve in die Niederlande gezogen war, von Gemmeker als Teil der Lagerverwaltung herangezogen wurde und die Familie deshalb nicht deportiert wurde.
Als die Weyls nach 19 Monaten dann doch in den Deportationszug steigen sollten, warf ein Alliierter Bomberpilot nicht erst über dem Ruhrgebiet seine tödliche Fracht ab, sondern bereits über Westerbrock. „Der Deportationszug fuhr nie ab, die Deportationslisten wurden nie wieder aufgefunden“, so Weyl. Am 12. April 1945 befreiten kanadische Soldaten das Lager Westerbrock und nach mehr als drei Jahren Internierung war die Familie wieder frei. Als dann am 8. Mai 1945 die Wehrmacht kapitulierte, war der zweite Weltkrieg nach zig-millionenfachen Leid und Tod für Deutschland vorbei. „Ich wünsche mir, dass Deutschland den 8. Mai als Tag der Befreiung begeht, denn es wurde von einem barbarisch-grausamen Unrechtsregime befreit“, betonte Weyl.

OLG-Präsident Werner Richter spendet Eva Weyl Beifall für ihren berührenden und inspirierenden Geschichtsvortrag
Sie berichtete von ihren Verdrängungsstrategien nach dem Krieg, um ein normales Leben führen zu können. Erst das Studium in der Schweiz, dann die Heirat, sie bekam Kinder und ließ sich scheiden. „Ich habe nie mit meiner Mutter oder meinen Großvätern über das gemeinsam erlebte gesprochen“, gestand sie. „Ich habe in den Niederlanden in der Textilwirtschaft gearbeitet und habe mit Deutschen Geschäfte gemacht. Ich habe nie erwähnt, dass ich Jüdin bin.“
Ihr Verhältnis zu ihrer Vergangenheit veränderte sich, als ihr Vater an seiner alten Klever Schule zweimal als Zeitzeuge auftrat und von den Nazi-Verbrechen berichtete. Mit 73 begann sie ihre eigene Zeitzeugen-Laufbahn und redet seitdem an Schulen, Hochschulen und dort, wo sich die Gelegenheit ergibt über ihr Schicksal, steht Rede und Antwort.
So wie im OLG zum Abschluss des Justizkolloquiums. „Solche Vorträge sind enorm wichtig, weil sie Opfer nahbar machen, weil sie einer exorbitanten Anzahl und damit einer eher anonymen Masse ein Gesicht verleihen“, urteilte die ehemalige stellvertretende NRW-Ministerpräsidentin und derzeitige NRW-Antisemitismusbeauftragte Sylvia Löhrmann. „Eva Weyl setzt den Geschichtsleugnern einen Kontrapunkt entgegen.“

Eva Weyl und Wolfgang Steffen auf dem Podium
Weyl war aber nicht alleine. Unter den Zuhörer*innen war auch Wolfgang Steffen. Der Jurist hatte versucht, den ehemaligen Lagerkommandanten, nachdem der in den Niederlanden ein Haftstrafe abgesessen hatte, auch nach deutschem Recht zur Verantwortung zu ziehen. Als Untersuchungsrichter saß er dem „Schreibtischmörder“ und Nazi bei Verhören mehrfach gegenüber. „Er berief sich immer darauf, von der Massenvernichtung der Juden nichts gewusst zu haben“, erinnerte sich Steffen. „Als die Staatsanwaltschaft Düsseldorf das Ermittlungsverfahren gegen Gemmeker einstellte, war das der schwärzeste Tag meiner juristischen Laufbahn.“
Vor den angehenden Juristen im OLG-Foyer wurde auch nicht verschwiegen, dass Juristen als Helfershelfer der Nazis Unrechtsgesetze formulierten, Unrechtsurteile sprachen und willfährige Unterstützer gewesen sind. Nicht nur deshalb warnte NRW-Justizminister Benjamin Limbach. „Die Kenntnis dessen, was in der Nazi-Diktatur passiert ist, nimmt mit jeder Generation ab. Deshalb ist es wichtig die Aufgabe der Erinnerungskultur nicht nur Schulen und Eltern zu überlassen“, stellte der Minister fest. „Gerade in einer Zeit, in der Hass und Hetze wieder normal werden, zeigt sich wie wichtig es ist, nie wieder zu vergessen.“ Eva Weyl arbeitet so lange daran, wie sie nur kann.

Eva Weyl im Gespräch mit NRW-Justizminister Benjamin Limbach