Rheinoper: Neumeiers Tanz an der Endstation Sehnsucht

Nur, wer die Sprache des Körpers ganz genau kennt, kann aus Literatur einen Tanz machen. Ganz ohne die Kraft und die Klarheit der Worte. John Neumeier ist ein Meister des modernen Handlungsballetts, er weiß um die Gesten und Gefühle, die ein Drama ausdrücken. 1983 in Stuttgart verwandelte er Tennessee Williams‘ Psycho-Tragödie „Endstation Sehnsucht“ in eine Choreografie für die legendäre Ballerina Marcia Haydée. Auch Bühnenbild und Kostüme sind sein Werk. Und jetzt, mit 87 Jahren und voller Vitalität, zeigt der große alte Herr in der Düsseldorfer Rheinoper, wie grandios dieses Gesamtkunstwerk immer noch ist. Verehrung!

„Endstation Sehnsucht”: Der legendäre Choreograf John Neumeier (87, im Anzug) verbeugt sich mit den Solisten (von links) Clara Nougé-Cazenave, Olgert Collaku und Sophie Martin. Foto: bikö
Die älteren unter uns haben die Dramen des amerikanischen Realismus noch im Kopf. Sie kennen sicher auch Marlon Brando in der berühmten Verfilmung von 1951 in der Rolle des verdammt schönen Proleten Stanley Kowalski, der in der erotisch aufgeladenen Hitze von New Orleans seine von versunkener Vornehmheit träumende Schwägerin Blanche durch einen Gewaltakt in den Wahnsinn treibt. Die vibrierende Vivien Leigh spielte die Blanche mit Kaskaden von Text, sie lamentierte, hauchte und schrie. Nichts davon geht im Ballett. Und doch versteht man das Leid und die Gelüste der Blanche, getanzt von der hinreißenden Sophie Martin.
Traumsequenz
Die französische Ballerina, nicht mehr ganz jung und umso anmutiger, sitzt am Anfang auf dem Bett einer „Irrenanstalt“, als würde sie warten. Erstarrt, mit Hut und leise zitternder Hand. Erst nach Minuten setzt Musik ein, die „Vision fugitives“ von Prokofieff. Die Tänzerin erhebt sich, dehnt die langen Glieder, den Rücken. Drei Männer erscheinen, umgarnen sie gierig, eine Frau in Schwarz schreitet umher. Hinten geht ein Vorhang auf, es erscheint eine säulengeschmückte Fassade, und Blanche befindet sich in ihrer Erinnerung an „Belle Rêve“, den Südstaaten-Herrensitz, wo sie mit ihrer Schwester Stella aufwuchs und von einer glänzenden Zukunft träumte.

Getanzte Erinnerung an glückliche Momente: Die verschleierte Blanche (Sophie Martin) und ihr Bräutigam Allan (Gustavo Carvalho). Foto: Ingo Schaefer / Deutsche Oper am Rhein
Dort wird gewalzert, rosa Damen streuen Blütenblätter, offenbar feiert die Gesellschaft eine Hochzeit. Blanche, deren weißer Brautschleier wie ein Totentuch über das Gesicht fällt, soll Allan (gestandener Charakter: Gustavo Carvalho) heiraten. Doch da kommt ein Freund (Dukin Seo), der ihn umarmt und küsst. Es fällt ein Schuss, Allan fällt um. Und obwohl Blanche ihn mehrfach aufrichtet, ins Leben zurückzieht, ist die Illusion zerstört. Der Tod geht um. Mitglieder der Familie stürzen mit den Stühlen des Salons zu Boden. Der Kronleuchter der Herrlichkeit sinkt herab. Blanche verliert alles.
Sündenpfuhl
Die getanzte Rückblende ersetzt alle wortreichen Erklärungen. „Im Ballett“, sagt Neumeier, „muss Vergangenheit sichtbare Gegenwart werden.“ Einer singt ein lockendes Lied vom „Papermoon“, und man sieht, dass sich Blanche mit den seltsamen Männern unter der pinkfarbenen Leuchtreklame eines Billighotels vergnügt. Ihre schwanenhaften Gebärden verlieren sich in triebgesteuertem Gerangel. Doch das ist erst das Vorspiel für den zweiten Teil des Abends.
In New Orleans, wohin sich die verarmte Blanche flüchten muss, dröhnt und hämmert die Sinfonie Nr. 1 von Alfred Schnittke, für Neumeier die einzig passende Musik. Voller Dissonanzen, freiem Jazz, Posaunen und Trompeten. Die Kompanie tanzt dazu das Leben der Leute zwischen Sinnlichkeit und Aggressivität. Blanches Schwester Stella (Clara Nougé-Cazenave), die ihr eine Zuflucht geben soll, befindet sich in ständiger erotischer Verschlingung mit ihrem Mann, dem Arbeiter Kowalski. Olgert Collaku, vom Typ ein schlanker Prinz, füllt die Partie mit zwielichtiger Energie. Er lässt die Muskeln im Faustkampf spielen, bedroht die Männer, bedrängt die Frauen mit seiner prächtigen Körperlichkeit.

In New Orleans wird Blanche (Sophie Martin) von ihrem boxenden Schwager Kowalski (Olgert Collaku) bedrängt. Foto: Ingo Schaefer / Deutsche Oper am Rhein
Atemberaubend
Die Spannung steigt, man spürt die Gefahr bis ins Parkett. Auch der hilflose Verehrer Mitch (Nelson López Garlo) kann und will Blanche nicht retten. Der rote Lampion wird abgerissen, grelles Licht scheint Blanche ins bleiche Gesicht. Kowalski reißt das Blumentuch der falschen Idylle von ihrem Bett, zerrt sie umher und vergewaltigt sie. Das Pas de Deux der beiden, performt in einem unaufhaltsamen, tierischen Rhythmus, ist atemberaubend. Neumeiers Choreografie braucht keine Nacktheit, keine realistischen Details um zu zeigen, welcher Gewaltakt hier geschieht.
Blanche verliert sich in Wahnvorstellungen. Sie wird abgeholt. Das Stück endet, wo es begann: in der Klinik, die damals Irrenanstalt hieß. Das Publikum sitzt ganz still, dann brandet der Applaus auf. Und John Neumeier, elastisch wie ein junger Tänzer, nimmt mit seinen Solisten die Ovationen entgegen. Man denkt kurz an Demis Volpi, den Ex-Chef der Düsseldorfer Kompanie, der als Nachfolger des Ballett-Genies Neumeier in Hamburg gescheitert ist. Scheitern musste. Zu hoch gespielt.
Weitere Vorstellungen
„Endstation Sehnsucht“: Ballett von John Neumeier nach dem Stück von Tennessee Williams. Vorstellungen in der Düsseldorfer Oper am 14., 16., 20., 25. und 31. Mai, 18. und 26. Juni, 4. und 9. Juli. Dauer: zwei Stunden, eine Pause. www.operamrhein.de