Kunst denken: Mundt und Dümling in Oberkasseler Stiftungen

Oberkassel ist nicht nur Jagdrevier für Makler und Amüsierviertel für Influencerinnen von nah und fern. Das linksrheinische Stück Düsseldorf hat auch seine feinen Kunstadressen. Zwei Stiftungen, nur einen Spaziergang voneinander entfernt, sorgen in diesem Herbst für ganz besondere Ausstellungen. Im ehemaligen Beuys-Atelier am Drakeplatz zeigt die Brunhilde-Moll-Stiftung die geheimnisvollen Trashstones von Wilhelm Mundt. In einer Stadtvilla an der San-Remo-Straße führt eine ehemalige Beuys-Schülerin, Brigitte Dümling, einen malerischen Dialog mit der Kollegin und Stifterin Sigrid Kopfermann (1923-2011): „In der Leere ist das Licht“.

Der neueste Trashstone, Nr. 856, von Wilhelm Mundt (Mitte) hat einen schwarzen Fadenfluss auf der Rückseite. Foto: bikö
Zum Beispiel, Joseph Beuys
Fangen wir mal bei Beuys an, wo der rheinische Bildhauer und langjährige Dresdner Kunstprofessor Wilhelm Mundt (1959 in Grevenbroich geboren) mit liebevoller Ironie auf das erhaltene Ofenrohrloch des 1986 verstorbenen Kunst-Heiligen reagiert. Hinter einem 3-D-Scan des Lochs zeigt Mundt im anderen Raum ein Video von seinem Atelier in Rommerskirchen bei Köln: „und gestern war heute morgen“ hat Mundt die Installation genannt. Eine kleine philosophische Spielerei. Seine Hauptwerke haben mehr Wucht. Ende der 1980er-Jahre entwickelte der einstige Schüler von Tony Cragg, Klaus Rinke und Irmin Kamp das bildnerische Konzept, das ihn unverwechselbar macht: die Trashstones.

Balance der Erscheinungen: Elza Czarnowski, Künstlerische Leiterin der Moll-Stiftung, vor Trashstone 856 und einer Fotoarbeit von Wilhelm Mundt. Foto: bikö
Geballte Form
Abfallsteine? Hinter dem krassen Begriff verbirgt sich gestalterische Entschlossenheit. Mundt sammelt, was vom Tage übrigblieb – vom Kinderfahrrad bis zum Winterreifen, von aussortiertem Kunstmaterial bis zu medizinischen Masken, Giftiges und Gewöhnliches. Er presst, verschnürt und verklebt die Dinge, bis eine geballte Form mit einigen Beulen und Dellen entsteht. Die wird mit farbigem Kunstharz ummantelt, nach dem Trocknen geschliffen, klar überlackiert und nummeriert. Über 850 Trashstones sind schon in der Welt – Nummer 632 liegt auf der Wiese im Malkastenpark.

Unheimliche Tiefe: Wie ein schwarzes Loch wirkt die digital gelöschte Abbildung eines roten Trashstones, der Raum spiegelt sich im Schutzglas. Foto: bikö
Niemand weiß, was sich hinter der glänzenden Oberfläche verbirgt. Der Künstler selbst behauptet, er erinnere sich nicht. Aber das verborgene Konzentrat erzeugt eine ungeheure Spannung. Zu spüren ist die innere Kraft. Vielleicht auch eine Gefahr? Mit solchen Gefühlen hat Mundt gearbeitet, als er 2022 für seinen grünen Trashstone Nummer 531 von 2011 einen ebenfalls grün lackierten Stahlkäfig entwarf. Im Beuys’schen Gartenzimmer ist das ganze Werk jetzt aufgebaut, und man fragt sich, wer oder was von den Stäben geschützt wird: die seltsam lebendig wirkende Skulptur, die da auf der Lauer liegt, oder das Publikum?
Dunkel und Licht
Wie es darin aussieht, geht niemand was an. Umso raffinierter ist ein Strang von schwarzen Fäden, die aus dem neuesten, weißen Trashstone mit der Nummer 856 baumeln. Wie ein Pferdeschwanz. Aber der Künstler sieht darin eher etwas Fließendes, passend zum Titel der Ausstellung, „Zuflussregelung“. Jedenfalls korrespondiert es mit einer monumentalen Fotoarbeit, bei der Mundt das Abbild eines roten Trashstones digital entfernt hat. Was man jetzt hinter einer spiegelnden Schutzscheibe sieht, ist eine Art schwarzes Loch, das schwebend alle Bilder, Erklärungen und Gewissheiten ins Dunkle zieht.

Einigkeit: Die Malerin Brigitte Dümling (vorne) dankt der Kunsthistorikerin und Vernissage-Rednerin Gabriele Uelsberg. Foto: bikö
Das Licht und die Freiheit der Geste ist hingegen das große Thema in der Kopfermann-Fuhrmann-Stiftung, wo die Düsseldorfer Malerin Brigitte Dümling (1950 in Wuppertal geboren) ihr Werk auf feinsinnige Art mit Bildern der 2011 verstorbenen einstigen Hausherrin Sigrid Kopfermann kombiniert hat. Die beiden Frauen kannten sich gut. Im Sommer 1984 waren sie sogar gemeinsam zum Wandern, Zeichnen und Kunstdenken in die österreichischen Alpen gefahren.

Eine „Hommage an Sigrid Kopfermann“ ist Brigitte Dümlings Keramikarbeit, die neben einem Kopfermann-Bild von 1996 steht. Foto: bikö
Lautlose Melodie
In den abstrakt gestischen Arbeiten der Künstlerinnen ahnt man immer auch Landschaft. Sonnenstrahlen, Regen, Nebel, windzerzauste Gewächse, schwingende Horizonte. Von der Abbildung hatten sie sich beide früh befreit. Bei Dümling schwingt es leichter, musikalischer, wobei schwarze, durchlässige Pinselschwünge oft den Ton angeben. Bei Kopfermann blüht es dichter, üppiger und farbiger. Sehr berührend ist eine leuchtende „Hommage à Sigrid Kopfermann“, die Brigitte Dümling auf eine ihrer bauchigen Keramiken gemalt hat.

Malerei erobert den Raum: Eine Besucherin betrachtet Keramiken und ein Bild von Brigitte Dümling. Foto: bikö
Diese Keramiken, nach Dümlings Entwurf gefertigt, rund oder spitz, sind „an Gefäße erinnernde Körper“, so Kunsthistorikerin Gabriele Uelsberg, frühere Direktorin des Rheinischen Landesmuseums in Bonn. Sie geben der Malerei Brigitte Dümlings ein dreidimensionales Leben. Sogenannte „Schilde“, die sie selbst in Tonscheiben drückt, hängen als wehrhafte Objekte an der Wand, bemalt und angeritzt wie von träumerischen Kämpfen. Dümlings eigentliches Element aber ist die Fläche, Leinwand, Metall, Karton, worauf sie die farbigen Gesten fliegen und tanzen lässt nach einer lautlosen Melodie.

Große Bildmelodie: In den hellen Salons der Kopfermann-Stiftung kommt auch Brigitte Dümlings 15-teiliges Gemälde (2020) perfekt zur Geltung. Foto: bikö
Was, wann und wo?
„Wilhelm Mundt: Zuflussregelung“. Bis 31. Januar 2027 bei der Brunhilde-Moll-Stiftung im ehemaligen Beuys-Atelier, Drakeplatz 4. Geöffnet Sa./So und Di. 12-16 Uhr, Do. 14 bis 18 Uhr. Der Eintritt ist frei. www.brunhildemollstiftung.de
„Brigitte Dümling und Sigrid Kopfermann: In der Leere ist das Licht“. Bis 10. Januar 2027 in Kopfermann-Fuhrmann-Stiftung, San-Remo-Str. 6, Düsseldorf-Oberkassel. Eintritt ebenfalls frei. Geöffnet Sonntag von 14 bis 18 Uhr und nach Vereinbarung. Ein Katalog ist im Kettler-Verlag erschienen und kann gegen eine Spende mitgenommen werden. www.kopfermann-fuhrmann.de