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KulturKunstkritikTop News
Home›Kultur›Die Stille des Augenblicks: Fotografie von Eva Rubinstein im Schloss Benrath

Die Stille des Augenblicks: Fotografie von Eva Rubinstein im Schloss Benrath

Von Birgit Koelgen
30. August 2026
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„Menschenkinder“ von Eva Rubinstein: Diese gewitzten Knaben entdeckte die Fotografin 1969 und 1972 in Irland. Foto: bikö

Sicher hätte Eva Rubinstein im Schloss Benrath und seinem Park die richtigen Motive für ihre lyrische Fotografie gefunden. Keine Postkarten-Ansichten. Eher einen vergessenen Winkel oder einen Weg im Dunst. Die amerikanische Lichtbild-Künstlerin mit europäischen Wurzeln, Tochter des legendären Pianisten Artur Rubinstein, ist heute 93 Jahre alt und macht keine weite Reise mehr. Doch sie verfolgt aus New York mit Freude, wie man sie in Düsseldorf würdigt. Mit Hilfe der Galeristin und Werkshüterin Clara-Maria Sels präsentiert das Benrather Schloss in seinem Ostflügel eine berückend schöne und feine Rubinstein-Ausstellung: „Proof of Life“, Lebenszeichen.

Das Museum für Gartenkunst im Ostflügel von Schloss Benrath eröffnet in der kommenden Woche eine Ausstellung mit Fotografien von Eva Rubinstein. Foto: bikö

So richtig lieb war der charismatische Vater nicht zu der kleinen Eva mit den spektakulären Locken, einem von fünf Kindern aus seiner Ehe mit der über 20 Jahre jüngeren Tänzerin Nela Mlynarska. „Don’t touch the piano“, fass das Klavier nicht an, soll er in Verachtung ihrer musikalischen Ambitionen gesagt haben. Also übte sie Ballett wie die Mama und studierte Tanz und Schauspiel in Kalifornien. Ihre Heimat, sagt sie, sei eigentlich nirgendwo. Zufällig wurde sie 1933 in Buenos Aires geboren. Die Eltern waren auf einer Konzertreise und kehrten danach zurück nach Paris. 1939, als die Nazis näherkamen, musste die polnisch-jüdische Familie das alte Europa verlassen und emigrierte in die USA. Und schließlich war es Lódz, die polnische Heimatstadt des Vaters, wo Eva Rubinstein ihre vielleicht tiefgründigsten Bilder aufnahm.

Stille Ansichten: Eva Rubinsteins Vater Artur am Klavier, der Markus-Platz in Venedig, ein geisterhaftes Selbstporträt „in shadows“. Foto: bikö

Schattierungen

In jungen Jahren hatte sie anders gelebt – als Schauspielerin, als Ehefrau des Kaplans und Friedensaktivisten William Sloane Coffin, als dreifache Mutter. Erst nach der Scheidung, als sie im Theater einem Porträtisten zur Hand ging, entdeckte Eva Rubinstein ihre wahre Berufung: die Fotografie. Ende der 1960er-Jahre wurde sie ein Profi, erst als Bildjournalistin der Vogue, dann als freie Künstlerin. Die knalligen Farben der Moderne interessierten sie allerdings nicht. Ihr Werk blieb schwarz-weiß, mit allen Schattierungen von Grau.

Begegnungen: Eva Rubinstein hat auch Porträts von Freunden und Prominenten auf ihre zurückhaltende Art gemacht. Foto: bikö

In den kleinen, salonartigen Räumen des Museumsflügels am Schloss kommt der dezente Zauber der Fotografien perfekt zur Geltung. Stefan Schweizer, wissenschaftlicher Vorstand der Stiftung Schloss und Park Benrath, und Kuratorin Silke Tofahrn haben die Bilder behutsam nach Kapiteln geordnet. Mit „Menschenkindern“ fängt es an. Wir sehen den Filmstar Sylvester Stallone („Sly“) 1971 als jungen Beau im Jeanshemd, und vier verlegen feixende Schuljungs mit Krawatten und kurzen Hosen vor einer dunklen Türe 1969 in Dublin. „Four boys in doorway“, Sujet und Ort werden kurz im Titel genannt. Ganz nüchtern. Die Interpretation, die Geschichte ist dem Betrachter überlassen.

Gemeinsam präsentieren sie das Werk von Eva Rubinstein: Stefan Schweizer, wissenschaftlicher Vorstand der Stiftung Schloss Benrath, die New Yorker Film- und Fotokünstlerin Renate Aller (Mitte) und die Düsseldorfer Galeristin Clara Maria Sels. Foto: bikö

Geheimnisse

„Ich füge eine Story hinzu, und Du erlaubst es mir“, sagt die Filmemacherin Renate Aller in ihrem einfühlsamen Video „In Conversation with Eva Rubinstein“. Man versteht sofort, was sie meint. Was denkt das streng gekämmte „Mädchen im Zug“ („Girl on Train“, London 1969), das bei der Abfahrt so maliziös aus dem Abteilfenster guckt, zurück zum Bahnsteig? Ohne Bedauern, eher mit Trotz. Endlich frei? Man weiß es nicht. Rubinstein meidet die Eindeutigkeiten. Sie begegnet Menschen und Orten mit Respekt, lässt sie für sich selbst sprechen wie die melancholische Frau mit dem Vogelkäfig, die hinter einem Fenstergitter sitzt.
„If there was no mystery, there would be no art“, „ohne Geheimnis gäbe es keine Kunst“, sagt Eva Rubinstein und präsentiert sich 1972 auf einem Selbstporträt als verschwommenes, geisterhaftes Wesen hinter einem Stuhl im Schatten einer Zimmerecke. Ein Rückenbild von ihrem alten Vater beim Üben am Klavier in einem römischen Hotel – man sieht weder die Hände noch das Antlitz des Musikers – wird für ein Plattencover ausgesucht. Nur Konzentration und Reduktion.

Sie ist 93 Jahre alt und erzählt putzmunter von Leben und Werk: Eva Rubinstein in einem Interview-Film von Renate Aller. Foto: bikö

Unsichtbarkeit

Ganz abwesend ist der Mensch auf Interieurs, die in vollkommener Stille vom Lebenden erzählen. Da sind die Falten eines ungemachten Bettes, eine Anzugjacke am Türhaken, ein Nachthemd, eine flatternde Gardine am offenen Fenster. Man erkennt die Zusammenhänge nicht, aber man spürt eine Präsenz. „Eva Rubinstein macht das Unsichtbare zum Thema“, sagt Stefan Schweizer.

Licht und Schattenspiele von Eva Rubinstein: eine Treppe in Dubrovnik, ein kleines Kind in Kalifornien. Foto: bikö

Licht und Schatten sind die Verbündeten. Sie schaffen den Ausdruck im todtraurigen Gesicht der von Depressionen geplagten Fotografin Diane Arbus, die sich im Frühjahr 1971, kurz vor ihrem Selbstmord, von Eva Rubinstein porträtieren ließ. Und sie sorgen für die Strukturen einer geschwungenen Treppe in Dubrovnik und für die poetische Tristesse einer vernebelten Brücke. Statt erkennbarer Bauten zeigt Eva Rubinstein ihre Details: ein Gitter in Jerusalem, eine kahle Platane in Lódz, die Abdeckung eines Karussells vor dem nächtlichen Himmel von Paris. Man möchte – und kann – diese Bilder stundenlang ansehen und Frieden finden.

„Seelenlandschaften“ – so nennen die Kuratoren die schwarz-weißen Stimmungsbilder von Eva Rubinstein. Foto: bikö

Was, wann und wo?

Die Ausstellung „Proof of Life“ mit Fotografien von Eva Rubinstein wird am 2. September, 19 Uhr, im Ostflügel von Schloss Benrath eröffnet und ist dann vom 4. September bis zum 29. November zu sehen. Adresse: Museum für Gartenkunst, Benrather Schlossallee 106. Geöffnet: Sa.-Di. 10 bis 19 Uhr, Mi.-Fr. 14 bis 19 Uhr. Tickets im Museumsshop oder online, www.schloss-benrath.de

Parallel zeigt die Düsseldorfer Galerie Clara Maria Sels, Poststr. 3, bis zum 31. Oktober eine Ausstellung über Eva Rubinstein plus eine Würdigung von Rubinsteins Künstlerfreund Duane Michals. Di.-Fr. 15 bis 18.30 Uhr, Sa. 12 bis 15 Uhr. Bildband über die Künstlerin: 50 Euro. www.galerie-claramariasels.de

StichworteAusstellungGalerieRubinsteinSchloss Benrath
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