Pas de Deux mit der KI: Priovilles Company im Tanzhaus Düsseldorf

Die Künstliche Intelligenz ist eine ganz fiese Streberin. Weiß die Antwort auf alles und zwar sofort. Da geraten wir lahmen menschlichen Denker schon mal in Verlegenheit. Aber was ist mit dem Körper? Den hat die KI doch noch nicht im Griff. Oder etwa doch? Tatsächlich gibt es längst Sportprogramme, in denen eine Virtual-Reality-Brille das Spielfeld ersetzt. Auch die Kunst flirtet heftig mit der KI – wie die aktuellen Ausstellungen im K21 zeigen. Dazu passt eine Uraufführung im Düsseldorfer Tanzhaus, wo sich der Choreograf Fabien Prioville mit seiner kleinen freien Company von der Technologie herausfordern lässt: „Once Upon Zeros“.
Der Franzose Prioville war sieben Jahre lang (bis 2006) im Wuppertaler Tanztheater der legendären Pina Bausch engagiert. Er suchte schon immer nach einem traumsicheren Ausdruck jenseits des klassischen Balletts, ohne die alten Regeln zu missachten. In seinem Stück wird geschlichen, gerutscht und geruckelt, gezögert und herumgelegen. Aber mit vollendeter Körperbeherrschung. Auf Spitzenschuhen erscheint ganz am Anfang des Stückes die Italienerin Marta Maestrelli, sehr dünn, graziös, äußerst biegsam. Eine typische Tänzerin, die mit schwarzen Shorts und weißem Poloshirt wie ein sportliches Mädchen angezogen ist.
Leuchtende Spur
Marta performt einen ruckartigen Pas de Deux mit dem Spanier Kino Luque, bis das zweite Paar getrennt voneinander zu spaciger Musik die weiße Bühne betritt. Der Italiener Tommaso Bertasi und die Ukrainerin Yeva Silenko tragen weiße Anzüge und mit glitzernden Netzen verschleierte VR-Masken. Wie Imker vom anderen Stern. Ihre Bewegungen sind seltsam, suchend. Sie betrachten den Raum ja wirklich durch die Brillen, die von MIREVI, dem Labor für Mixed Reality und Visualisierung der Hochschule Düsseldorf, mit Trackern und einigen Extras ausgestattet wurden.

Am Ende wird der Mensch ganz von der leuchtenden KI umflirrt: Kino Luque und Marta Maestrelli in der letzten Szene. Foto: Tanzhaus, Bastian Hessler
So sieht das Publikum immer wieder Projektionen der schwebenden Doppelbilder, die auch die Tänzer vor Augen haben: Gesichter, Körperteile der anderen. Und überall, wo die Maskenträger gehen und tanzen, hinterlassen sie eine flirrende, blubbernde Leuchtspur. Am Ende wird sich das Leuchten von selbst verbreiten und das Paar vom Anfang ganz verschlingen.
Mehr Glitzer
Doch bis dahin tanzen alle Vier erst einmal ohne Masken. Man hört Geräusche aus der wirklichen Welt: Kinderlachen, Vogelgezwitscher, Regenprasseln. Die Frauen und Männer sehen einander direkt an, tasten sich ab, probieren sich aus. Kurze Schritte, minimale Gesten. Dann gerät eine der Frauen, Yeva, isoliert in krampfartige Zuckungen. Sie flieht und erscheint wieder im Masken-Anzug, mit mehr Glitzer und in High Heels, sehr dominant. Die KI obsiegt. Offenbar.

Der Choreograf winkt den Helfern. Fabien Prioville beim Applaus inmitten seiner Truppe (von links): Tommaso Bertasi, Kino Luque, Marta Maestrelli, Yeva Silenko. Foto: bikö
Schwerer Stoff, obwohl die zarten Gardinen, die als Bühnenbild genügen, so federleicht wirken. Prioville befrachtet sein Tanzstück mit viel, allzu viel Bedeutung, verweist auch noch auf die undurchschaubaren Gesetze der Quantenmechanik. Umrahmt wird die Vorstellung mit einem gesprochenen Text des niederländischen Philosophen und Computeringenieurs Bernardo Kastrup, der Vergangenheit und Zukunft nur für eine Wahrnehmung der Gegenwart hält. Gegenwart gibt es aber nicht, weil schon die letzte Milli-Sekunde in der Vergangenheit liegt. Alles ist im selben Moment immer schon vorbei. Auch der herzliche Applaus für die Truppe.
Letzte Vorstellung
Am Sonntagabend, 5. Juli, 18 Uhr, gibt es im Tanzhaus Düsseldorf, Erkrather Str. 30, noch eine Vorstellung des experimentellen Stücks „Ones Upon Zeros“ der Fabien Prioville Dance Company. Tickets über www.tanzhaus-nrw.de

Ort für Kurse und extravagantes Bewegungstheater: das Tanzhaus an der Erkrather Straße. Foto: bikö