Rheinoper für alle: Was die künftige Chefin Ina Karr will

Warum eine erfolgreiche Theaterchefin das bilderbuchschöne Luzern und den Schweizer Franken hinter sich lässt, um eine Zukunftsbaustelle im Rheinland zu übernehmen – das weiß nur sie selbst genau. Auf jeden Fall spielt der Ehrgeiz eine Rolle, und da ist noch ein „sehr begeistertes Publikum“, das sie hierzulande ausgemacht hat. Ina Karr (58), designierte Generalintendantin der Deutschen Oper am Rhein, reist zurzeit viel hin und her zwischen der Schweiz und Düsseldorf, wo sie sich jetzt in der Zentralbibliothek-Reihe „Musik im Gespräch“ interviewen ließ.
Ein sehr bescheidener Rahmen war das für die künftige Opernchefin, die sich wünscht, dass demnächst „das gesamte Haus als Bühne“ gesehen und genutzt wird. Noch kann sie diese Bühne allerdings nicht nutzen. Sie wird ihr Amt erst zur Spielzeit 2027/28 antreten, bis dahin regieren Operndirektor Marwin Wendt als kommissarischer künstlerischer Leiter an der Seite der alleinigen Geschäftsführerin Alexandra Stampler-Brown. Und da gibt es offenbar eine saubere Trennung, sonst wäre die neue Chefin gewiss im Opernfoyer und nicht im dünn besuchten Vortragssaal der ZB aufgetreten.
Am Toy-Piano

Skurriles Konzert: Die Moderatorin, Performerin und Expertin für Toy-Pianos Frederike Möller spielte zwischendurch ernste Werke auf Spielzeug-Klavieren. Foto: bikö
Immerhin amüsierte sich das Publikum. Die eloquente Moderatorin Frederike Möller ist nicht nur Intendantin des Internationalen Düsseldorfer Orgelfestivals (IDO), sondern selbst Pianistin und Performerin. Sie würzte das Gespräch mit allerlei musikalischen Darbietungen an Spielzeug-Klavieren – ihre Spezialität. Auf den winzigen Tastaturen klimperte sie Chopin, Mussorski und John Cage und bewies dabei große Fingerfertigkeit. Ina Karr, die neben Musikwissenschaft und Germanistik ebenfalls Klavier studiert hat, guckte staunend zu, muss allerdings wesentlich größer denken. „Oper hat immer etwas Überbordendes“, bemerkte sie.
Schon als Kind hat die gebürtige Schwäbin mit ihrer Oma in Stuttgart das Musiktheater kennengelernt und einen „Wunsch zu gestalten“ entwickelt. Sie arbeitete als Dramaturgin unter anderem in Mannheim, Mainz und den Salzburger Festspielen, denn, so schwärmt sie für ihren Beruf: „Dramaturgie ist Herz und Hirn eines Theaters“. Ob Sänger, Schauspieler und Regie-Kollegen das auch so sehen, bleibt dahingestellt. Immerhin ist klar, dass die Kunst einen ordnenden Geist braucht und Leute, die sich zum Beispiel um den literarischen Hintergrund, die Programmhefte und die Einführungsgespräche kümmern.
Großer Schatz

Mit Temperament und Lust auf die Zukunft: Die Dramaturgin Ina Karr, zurzeit noch Intendantin in Luzern, wird zur Spielzeit 2027/28 die Leitung der Rheinoper übernehmen. Foto: bikö
Die Dramaturgie bestimmt aber auch die grundsätzliche Richtung: „Wo wollen wir hin mit dem Theater?“ Ina Karr möchte das Haus tagsüber öffnen („Es sind ja große Foyers …“) und vermehrt Programme für Kinder und Jugendliche anbieten. Die ganze Familie soll mit der Oper vertraut sein. Aber: nicht nur das Vertraute hören. Karr ist entschlossen, mehr neue Musik aufzuführen, „Komponistinnen und Komponisten einzuladen“, auf der Suche nach, wie Frederike Möller es ausdrückte, „Erzählungen unserer Zeit“. Die sollen nicht schnell wieder vom Spielplan verschwinden, sondern Eingang finden in das Repertoire der Oper, das Ina Karr ganz konservativ pflegen will: „ein großer Schatz“.
Ähnliches gilt für das feste Ensemble, in dem sich Stimmen in Ruhe entwickeln können: „We don’t buy stars, we make them“, wir kaufen keine Stars, wir machen sie, ist Karrs Devise. Neue Entdeckungen werden vielleicht noch leichter werden, wenn das Konzept für den Neubau der Oper aufgeht und demnächst drei Institutionen – Musiktheater mit Ballett, Musikbibliothek und vor allem die Musikschule – unter einem Dach zusammenkommen. Ina Karr freut sich, auch für junge Talente eine Gastgeberin zu sein. Und die neue Heimatstadt Düsseldorf richtig kennenzulernen. Ihre Söhne (17 und 20 Jahre alt) finden es schon mal „cool hier“.