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Home›Kultur›Der innere Tango: Piazzollas „María“ in der Oper am Rhein

Der innere Tango: Piazzollas „María“ in der Oper am Rhein

Von Birgit Koelgen
9. Februar 2026
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Noch ganz in Tango-Stimmung: Dirigent Mariano Chiacchiarini (Mitte, zwischen den Marías) freut sich über den Applaus bei der Premiere von "María de Buenos Aires". Foto: bikö

Ein bisschen Tango-Sehnsucht steckt in jedem von uns. Man möchte so aus dem Alltag tanzen können, voll kontrollierter Leidenschaft. Die Melancholie der Musik aufnehmen und in stolze Bewegungen umsetzen. Nie ganz Hingabe, der Fuß schlägt störrisch aus. Dabei bleibt alles berückend schön im Fluss. Der Argentinier Astor Piazzolla (1921-92), in New York aufgewachsener Sohn italienischer Einwanderer, würzte die traditionelle Tango-Musik mit anderen Rhythmen, Jazz, Klezmer, Klassik. Seine 1968 in einem Kabarett uraufgeführte Operita „María de Buenos Aires“ ist keine gefällige Show, sondern ein sperriges, verrücktes Stück Musiktheater. Johannes Erath hat es für die Rheinoper inszeniert. Die Düsseldorfer lieben es.

Ganz Leidenschaft: Maria Kataeva mit roter Perücke als “María de Buenos Aires”. Szene aus der Tango-Operita von Astor Piazzolla. Foto: Andreas Etter / Deutsche Oper am Rhein

Es fängt an mit einem Flüstern und Beten: „Gegrüßet seist du, Maria …“, auf Spanisch. Doch unheilig ist die Szene: Gangstertypen, Frauen mit Strapsen, Ungewisses. Kellner schleichen mit Tabletts durch ein Nachtleben, das Bühnenbildnerin Katrin Connan üppig mit Neonlichtern und Bistro-Möbeln dekoriert hat. Vorne wird eine rothaarige Puppe aus einem Kindersarg gehoben. Denn die fatale Frau, um die es hier geht, stirbt und will doch erneut leben: María de Buenos Aires. Ein Geist im pinken Anzug, El Duende (Alejandro Guyot), erzählt von ihr, „jetzt, da sie in der kläglichen rebellischen Verstimmung eines raffiniert vorgetäuschten Klaviers Tango spielen mit deinen Knochen.“

Trunkene Poesie

Das Zitat ist aus dem Programmheft abgeschrieben. Was El Duende mit viel Emphase und über weite Strecken in einer Art Sprechgesang vorträgt, verstehen leider nur Menschen, die fließend spanisch sprechen. Unangetastet bleiben soll das Libretto des Dichters Horacio Ferrer, mit dem Piazzolla gemeinsame Sache machte. Eine von Symbolen trunkene Poesie, rezitiert in der Original-Version. Anstrengend. Eingeblendete deutsche Übertitel geben ein paar Fetzen preis, von der „einäugigen Rose eines hinkenden Clowns“ oder den „zwei Trauerzeichen aus Ruß“. Sätze wie „Hier ist die Kapriole einer Rachsucht in Pantoffeln“ tragen zum Verständnis auch nicht viel bei.

Alejandro Guyot als El Duende (der Geist) spricht die lyrische Prosa des Librettisten Horacio Ferrer in der spanischen Originalversion. Foto: Andreas Etter / Deutsche Oper am Rhein

Deshalb: Lieber nicht den Hals verbiegen, um möglichst viel Holpriges mitzulesen. Lieber dem Tango-Trio zusehen – Agostina Tarchini, die „María als Tänzerin“ darstellt, war Weltmeisterin im Bühnen-Tango. Ihre Partner Mariano Agustin Messad und Andrés Sautel beherrschen wechselnde Formationen, auch unter Männern. Und vor allem sollte man der wunderbaren Musik lauschen, die keine plausible Handlung braucht, sondern von (alp-)traumhaften Empfindungen vorangetrieben wird. Der gefeierte Dirigent des südamerikanisch gedrillten Orchesters ist selbst ein echter Argentinier: Mariano Chiacchiarini aus Buenos Aires verschafft dem Klang seine Spannungen, seine Tiefe.

Tod und Liebe

Das Bandoneon, Piazzollas ureigenes Instrument, gibt auf der Bühne den Ton an: klagend, fordernd, furios. Die Virtuosin Carmela Delgado spielt mit einer Nonchalance, als säße sie in einer verrauchten Spelunke. Und dort, im Scheinwerferlicht, offenbart sich die verfluchte Heldin: „Yo soy María de Buenos Aires“, singt die russische Mezzosopranistin Maria Kataeva mit ihrem dunklen warmen Timbre: „María Tango, María der Vorstadt, María Nacht, María fatale Leidenschaft. María der Liebe von Bueno Aires bin ich.“ Hinreißend.

Gibt den Ton des Tangos an: das Bandoneon, auf der Bühne virtuos gespielt von Carmela Delgado. Foto: Andreas Etter / Deutsche Oper am Rhein

Diese María hat Feuer, Lebenslust. Aber sie ist verloren, verschwunden. Immer wieder wird ihr Tod inszeniert. Trauerzüge gehen über in Feste. Ein Priester, ein Dieb, ein seltsamer Psychiater und die „Stimme jenes Sonntags“ erscheinen in Gestalt des lustvoll agierenden Baritons Jorge Espino. María will nicht tot sein. Ihr Geist fordert neues Leben. Sopranistin Morenike Fadayomi ist der „Schatten Marías“ mit ihrer reifen Stimme, die auch zum Herzzerreißen ein Stück aus Bachs Matthäus-Passion schweben lässt (Piazzolla vergötterte den großen deutschen Barock-Meister). „Erbarme dich, mein Gott“, singt Marías Schatten, „um meiner Zähren willen!“ Passion ist Leiden und Leidenschaft. Das passt zum großen Tango.

Mehr Buenos Aires

Die Tango-Operita „María de Buenos Aires“ von Astor Piazzolla mit einem Libretto des Dichters Horacio Ferrer ist von Johannes Erath für die Deutsche Oper am Rhein inszeniert worden. Die nächsten Vorstellungen im Düsseldorfer Opernhaus sind am 13., 21. und 27. Februar, am 22. März sowie am 4., 10. und 22. April. www.operamrhein.de

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