Das Wilde und das Klare: Gaul im Kunstpalast Düsseldorf

Langweilig wird es nie im Düsseldorfer Kunstpalast. Besucher können die große Schau genießen (derzeit: Niki de Saint Phalle und Immendorff), und in den Sammlungssälen Überraschendes erleben: Blumengestecke vor Bildern, Düfte in der Luft, Dating mit Fremden. Neulich durfte man in den heiligen Hallen sogar Hunde ausführen, demnächst an Fitnessgeräten turnen. Generaldirektor Felix Krämer, nicht ganz unumstritten in puristischen Kreisen, ist für jede Idee zu haben, die das Publikum erweitert und bei Laune hält. Aber, darauf legt er Wert: „Wir machen auch stille Ausstellungen.“ So wie die Würdigung von Winfred Gaul (1928-2003).
Abstraktion kann sehr wohltuend sein, wenn die wimmelnden Gesichter und Geschichten der Medien- und Kunstwelt uns auf die Nerven gehen. Für viele Künstler der Kriegsgeneration war sie mehr: geistige Rettung nach einer apokalyptischen Zeit, die ihre Grausamkeiten hinter verherrlichenden Bildern verbarg. Winfred Gaul, in Düsseldorf geboren, im damaligen Ostpreußen aufgewachsen, war 1944 mit 16 Jahren eingezogen worden – Kanonenfutter in aussichtslosen Schlachten. Nur zwei Jungs aus seiner Schulklasse überlebten, Gaul wurde verwundet und geriet in britische Gefangenschaft. Das Abitur konnte er 1948 nachholen, in der Kunst suchte er Erlösung.
Ohne Titel

Mit Verstand und Gefühl: Die junge Kuratorin Therés Lupinetzki (vor „Couleur et signification 1“, 1958) erklärt das Werk von Winfred Gaul (1928-2003). Foto: bikö
Seine Professoren an der Stuttgarter Akademie waren Willi Baumeister, der die Formen frei schweben ließ, und der Neo-Expressionist Manfred Henninger. Auch in Paris ließ sich Gaul inspirieren – und reüssierte schon bald mit informellen Bildern. Nichts Erzählerisches sollten die dichten wilden Pinselhiebe erfassen, nur die Aufgewühltheit der Seelen. Rot, weiß und blau wallen die Gefühle 1958 „ohne Titel“. Dunkle Abgründe öffnen sich in undurchdringlichen Flächen. „Couleur et signification“, Farbe und Bedeutung, nannte Gaul ganz lapidar einige dieser Werke.
1959/60 ließ er die Aufgeregtheiten in fast monochromen Farbflüssen verschwinden. Hier und da zeigt sich auf der Serie der „Wischbilder“ ein Licht oder eine Finsternis. Und schließlich beruhigten sich die Flächen, Gaul malte gerade Linien, Dreiecke, ordentliche Kreise. Geometrie sorgte für Klarheit, außen und innen. Nach der marokkanischen Stadt „Tetuan“ benannte Gaul ein rechts geneigtes Parallelogramm mit einer schwarzen und einer weißlich getupften Hälfte, getrennt von einer schrägen blau-roten Linie. Ein Bild wie ein Zeichen im Raum, 1967 entworfen, 1989 gemalt.
Verkehrszeichen

Die „Verkehrszeichen“ waren Kunstwerke von Winfred Gaul, womit er 1967 die Passanten im Ort Neunkirchen irritierte (Fotografie). Foto: bikö
Tatsächlich faszinierten Gaul auch Schilder in ihrer grafischen Struktur. Er spielte in der Kunst damit – und installierte 1967 mehrere malerische „Verkehrszeichen“ in den Straßen des Ortes Neuenkirchen in Niedersachsen. Die kreative junge Kuratorin Therés Lubinetzki hat eine zeitgenössische Fotografie lebensgroß an die Wand tapezieren lassen. Da sieht man, hinter einem geparkten VW-Käfer, eine Dame im Faltenrock von hinten, die die Arme in die Hüften stemmt und offenbar rätselt, was das große quadratische Schild am Straßenrand bedeuten könnte. Köstliche Szene.
Heute, glaubt Krämer, würde wahrscheinlich sofort das Ordnungsamt einschreiten. Kann sein, dass die Moderne des 20. Jahrhunderts in mancher Beziehung freier, weniger ängstlich war als heutige Kunst, die stets Rücksicht auf politische Korrektheit und die Straßenverkehrsordnung nimmt. Im wildesten Jahr der Jugendrevolution, 1968, lernten der Düsseldorfer Steuerberater und Sammler Willi Kemp und seine Frau Ingrid den Maler Winfred Gaul kennen – in der Wohnung des Informel-Meisters und Düsseldorfer Akademieprofessors K.O. Götz. Das war der Beginn einer wunderbaren Freundschaft.

Geometrie mit leichter Schräglage: Nach einem Entwurf von 1967 malte Winfred Gaul 1989 das Bild „Tetuan“. Foto: bikö
Erinnerungen
Ein Jahr später besuchten die Kemps den Künstler Gaul in seinem italienischen Atelier bei Genua und kauften das hellblaue, von weißroten Streifen durchkreuzte Bild „D2“. Kemp, ein erklärter Liebhaber der Abstraktion, erwarb im Laufe der Zeit nicht weniger als 224 Werke von seinem Künstlerfreund Gaul, der in reiferen Jahren wieder informeller im Ausdruck wurde, die Stilarten mischte. Er und Kemp waren auch privat verbunden, sie diskutierten, feierten, verreisten zusammen mit ihren Frauen. Die Schau zeigt Briefe hier, Faltblättchen da und eine Postkarte, die Gaul aus den Ferien an Kemp schickte.
„Der Willi hat alles aufgehoben“, bemerkt Krämer. Das ist ein großes Glück für den Kunstpalast, dem Willi Kemp (1927-2020) im Jahr 2011 seine Sammlung von 3000 vorwiegend abstrakten Werken (plus 1000 Kleinigkeiten) stiftete. Der Deal ist, dass in jedem Jahr ein Teil der Sammlung gesondert ausgestellt wird. Und einen schönen Katalog gibt es dazu.

Im Spätwerk vermischten sich bei Gaul das Informelle und das Konstruktive. Links: „Blühende Landschaft im Posten“ (1994), rechts: „Monet in Arizona“ (1988). Foto: bikö
Was, wann und wo?
„Winfred Gaul: Werke aus der Sammlung Kemp“. Bis 7. Februar 2027 im zweiten Stock des Kunstpalastes Düsseldorf, Ehrenhof 4-5. Geöffnet Di.-So 11 bis 18 Uhr, Do. bis 21 Uhr. Ticket: 17 Euro, für alle Ausstellungen und die Sammlung. Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren haben freien Zugang. Der Katalog mit 156 Seiten kostet 29,80 Euro. www.kunstpalast.de