Vorhang auf! Was Andreas Karlaganis am Schauspiel Düsseldorf plant

So ein Übergang ist immer ein bisschen heikel. Der alte Chef sitzt noch oben in seinem Büro, da wird im Foyer der Neubeginn gefeiert. Mit Gebäck und dicken Programmheften. Generalintendant Wilfried Schulz war nicht zugegen, um dem Schweizer Dramaturgen Andreas Karlaganis im Foyer des Düsseldorfer Schauspielhauses den Stab zu übergeben, aber sein Nachfolger dankte ihm ausdrücklich für ein Theater, „das in der Mitte der Gesellschaft steht“. Wohlweislich übernimmt er nicht nur einige Hits aus dem Repertoire, sondern auch bewährte Leute.

Neu und vertraut: die Denkertruppe für das Schauspielhaus. Von links: Stefan Fischer-Fels, Leiter des Jungen Schauspiels, Birgit Lengers vom Stadt:Kollektiv, Intendant Andreas Karlaganis, Dramaturgin Natalja Starosta, Schauspielvertreter Philipp Heuß und Chefdramaturg Sebastian Huber. Foto: bikö
So saßen neben Karlaganis auf dem Podium zwei bekannte Teamplayer. Stefan Fischer-Fels, der, mit einer fünfjährigen Berliner Unterbrechung, schon seit 2003 das Junge Schauspiel leitet, macht weiter Theater für Kinder und Jugendliche. Und Birgit Lengers ist auch in Zukunft die Leiterin des Stadt:Kollektivs, das die Bühne frei macht für Talente und Impulse aus der Bürgerschaft. Ebenfalls im Amt bleibt Pressechefin Martina Aschmies mit ihrem Team. Sie kennt sich aus.
Traum der Kunst
„Glamour für alle“ verspricht der künftige Intendant und ein Programm, das „die Arme weit ausbreitet.“ Dabei geht er allerdings auf Nummer Sicher mit zwei Referentinnen und mit einem halben Dutzend Dramaturg*innen unter der Leitung von Sebastian Huber, die für Theorie und politische Korrektheit zuständig sind. Huber, der unter anderem in Wien, München und Salzburg gearbeitet hat, will den „Traum von der Kunst und ihren Freiheiten“ zelebrieren. Dabei ist er so frei, die Perlen der Schulz-Zeit zu bewahren. Wer den „Sandmann“, „Dorian“ oder „Moby Dick“ verpasst hat, kann sich auf neue Aufführungen freuen. Denn, so Karlaganis, „wir sind Erben der Robert-Wilson-Aufführungen“.

Meister der Theorie: Der erfahrene Schweizer Dramaturg Andreas Karlaganis startet im Herbst in seine erste Saison als Düsseldorfer Generalintendant. Foto: bikö
Schätze der jüngsten Theatergeschichte versenkt man lieber nicht. So bleiben auch die Wilson-Stars Christian Friedel („Dorian“) und Rosa Enskat („Moby Dick“) der Stadt erhalten. Ebenfalls weiter im Angebot: Sorokins furioser „Schneesturm“, das beliebte „Cabaret“ und, im Kleinen Haus, Dürrenmatts „Physiker“ sowie die ausverkaufte Kehlmann-Show „Tyll“ mit Düsseldorfs Schauspielstudenten. Regie beim „Tyll“ führt André Kaczmarczyk, der, trotz neuerlichen Ruhms als Polizeiruf-Kommissar, weiter der Stadt Düsseldorf verbunden bleibt. Fans dürfen sich schon mal auf seine Premiere am Silvesterabend freuen, wenn er im Kleinen Haus mit Liedern und Szenen an Charlotte von Mahlsdorf (1928-2002) erinnert, die herrlich uneitle Transfrau und Berliner Ikone der queeren Bewegung: „Ich mach ja doch, was ich will“ heißt das Stück des amerikanischen Autors Doug Wright.
Neue Perspektive
In der Damenriege verharren bekannte Schauspiel-Persönlichkeiten wie Claudia Hübbecker, Cathleen Baumann und Friederike Wagner, neu dazu kommt eine Berühmtheit, die schon länger schon in Düsseldorf lebt: Anna Schudt, die sich in einer dramatischen Episode vom Dortmunder „Tatort“ verabschiedete, um nicht auf eine Krimi-Rolle festgelegt zu werden. Die vielen neuen jungen Leute im Ensemble wird man mit der Zeit kennenlernen. Ihren Spirit vertreten soll der Kollege Philipp Hauß als Mitglied der künstlerischen Leitung. 1980 in Münster geboren, war Hauß ein Vierteljahrhundert am Wiener Burgtheater engagiert und will jetzt dafür sorgen, dass die „Perspektive der Schauspieler“ von Anfang an „mitgedacht wird“.

Auf dem Schirm: Neu im Ensemble ist Fernsehstar Anna Schudt, die seit längerer Zeit schon mit ihrer Familie in Düsseldorf lebt. Foto: bikö
Und was wird gespielt? Erst mal was Klassisches. Mit Kleists „Prinz Friedrich von Homburg“ in einer Inszenierung von Ulrich Rasche wird am 18. September die Saison im Großen Haus eröffnet, gefolgt von „Bernarda Albas Haus“, nach Lorca neu erdichtet von Alice Birch (24. September) und Tschechows melancholischer „Möwe“ in der Regie von Karlaganis‘ Züricher Ex-Chefin Barbara Frey (16. Oktober). Im Kleinen Haus gibt es eine Dramatisierung von Ingmar Bergmanns Kino-Familiendrama „Fanny und Alexander (19. September, Regie: Thorleifur Örn Arnarsson). Dann öffne sich, so der stolze Intendant, ein „Herbst der Ur- und Erstaufführungen“.
Hobbit für alle
Zwei Tage nach dem 80. Geburtstag der berühmt-berüchtigten österreichischen Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek wird am 22. Oktober im Kleinen Haus ihr Drama zum Kriegsende uraufgeführt: „Ein Übertritt“ – in der Regie des Jelinek-Spezialisten Jossi Wieler mit der Ausstattung der berühmten Bühnenbildnerin Anna Viebrock. Auf der großen Bühne glänzt am 31. Oktober die Erstaufführung von „Inter Alia“, dem neuen Werk der amerikanischen Juristin und Dramatikerin Suzie Miller („Prima Facie“), wieder eine Tour de Force über Recht und Moral und sexualisierte Gewalt.
Comedy-Autor Canberk Köktürk präsentiert im November den „Komiker“, eine „Tragödie“ oder vielmehr einen „tragikomischen Stand-up-Abend“ über eine schlingernde Karriere, inszeniert von Bassam Ghazi. Und die Familie darf sich laut Karlaganis eine „ganz schöne Weihnachtspremiere“ freuen: „Der Hobbit“ nach dem Roman von Tolkien soll alle begeistern. Auch das kommende Jahr birgt seine Überraschungen: eine „Blechtrommel“ nach Grass, „Niemandes Schwester“ über Hannah Arendt und, im April, ein frischgebackenes Festival im Namen von Heinrich Heine (1797-1856), dem exilierten Düsseldorfer Freiheitsdichter, dessen Name von Kuratorin Sandra Küpper etwas umständlich und humorfrei so buchstabiert wird: H.orizonte, E.rweitern, I.dentitäten, N.eu, E.rzählen.
Flotter Hamlet
Und dann ist da noch das Central mit dem Jungen Schauspiel, das sich tapfer den Herausforderungen der Düsseldorfer Bahnhofsgegend stellt. Dort gibt es unter anderem einen jungen „Hamlet“ von Felix Krakau, flott nach Shakespeare, einen „Krabat“ nach Otfried Preußler und für die Kleinen ein Stück über die letzten Dinosaurier: „T-Rex, bis du traurig?“ Das „Neinhorn“ und andere beliebte Stücke bleiben im Spielplan. Ebenfalls im Central probt das Stadt:Kollektiv für eine Saison voller „Macht – Gefühle“, getrennt und zusammen zu lesen.
Zur Eröffnung am 25. September steht eine große, verzwickte Kunstaktion auf dem Plan: „7 Todsünden. 7 Künstlerinnen. 7 Orte“. Nicht nur auf der Bühne spielt die Show über Neid, Stolz, Zorn, Wollust, Trägheit, Habgier und Völlerei, auch im Foyer, im Treppenhaus, in digitalen Sphären. Mit dabei: ein Chor ukrainischer Frauen. Mehr Musik wird im Rahmen der Konzertreihe „Whale Songs“ angekündigt. Mit dabei: die Schweizer Allround-Künstlerin Sophie Hunger.

Männlein oder Weiblein? Zweierlei Cover zum Aussuchen hat das dicke Saisonbuch für 2026/27, das ab sofort verteilt wird. Foto: bikö
Wer und wo?
Der neue Generalintendant Andreas Karlaganis wurde 1975 in Bern geboren, studierte Germanistik und Theaterwissenschaft und arbeitete als Dramaturg und zum Teil in der künstlerischen Leitung in Graz, München, Zürich, dem Burgtheater Wien und bei der Ruhrtriennale. Sein Vertrag läuft zunächst über fünf Jahre. Alle Details und Erklärungen zu seinem ersten Spielplan kann man im 178 Seiten dicken Saisonbuch mit tollen Schauspielerporträts des belgischen Fotografen Athos Burez entdecken. Tickets und Abos können ab 26. Juni gebucht werden. www.dhaus.de