Art Düsseldorf: Die Kunst der guten Laune

Lausige Zeiten für das Gute, Wahre und Schöne. Wer heute sein Geld vermehren will, investiert in Rüstung und Immobilien. Doch das Sammeln von Kunst gibt dem Businessleben eine tiefere Bedeutung, ein besseres Grundgefühl. Walter Gehlen, Direktor der Art Düsseldorf, registriert jedenfalls trotz Wirtschaftskrise rekordverdächtige Anmeldungen. Bei der VIP-Preview am Donnerstag drängten sich bereits potenzielle Kunden. Die ließen sich zwar, so Gehlen, „mehr Zeit für eine Kaufentscheidung“, aber 119 beteiligte Galerien – mehr denn je – sind hoffnungsvoll.

Optimistisch: Walter Gehlen, Kölner Direktor der Art Düsseldorf, im Gespräch mit seiner Pressesprecherin Kathrin Luz. Foto: bikö
Wie immer lohnt sich der Besuch der Messe auch für Besucher, die nichts erwerben wollen als das Tagesticket (29 Euro) und vielleicht ein Käffchen mit Zimtschnecke. Die Atmosphäre in den zwei schick-rustikal sanierten Schmiedehallen der einstigen Böhler-Werke ist hell und einmalig schön. Auch legen die Kölner Veranstalter besonderen Wert auf kuratorische Konzepte, luftige Skulpturenplätze und kundige Führungen. Denn, so der neu etablierte künstlerische Leiter Gilles Neiens, die Leute seien „super kunstaffin hier im Rheinland“.

Die Ruhe vor dem Ansturm: Die Kaltstahlhalle im Areal Böhler gehört zu den Schauplätzen der Art Düsseldorf. Skulpturenplatz mit dem Werk „Schnittstücke“ von Inge Schmidt. Foto: bikö
Kosmisches Gefühl
Deshalb hat Neiens den Ausstellern drei Leitthemen vorgeschlagen: „Panic Attack“ (wegen der Weltlage), „Cosmic Feel“ zur Entspannung und „õjigi“, was der japanische Begriff für Respekt und eine höfliche Verbeugung ist. Kann ja nicht schaden. Etwa die Hälfte der Kojen hat diese Überschriften mehr oder minder berechtigt aufgenommen. Manuel Ludorff, einer der Düsseldorfer Top-Galeristen mit Stammhaus an der Kö, setzt lieber ganz unabhängig auf „Bandbreite“.

Heimspiel: Kö-Galerist Manuel Ludorff neben einem Großformat von Winfred Gaul und einem kleinen Quadrat von Josef Albers. Foto: bikö
An seinem großzügigen Eckstand glitzert eine Stele von Heinz Mack, lächelt eine Lady von Alex Katz, leuchtet neongelb mit schwebenden Streifen die „Hommage an den unbekannten Maler“ von Winfred Gaul. 56.000 Euro soll das mannshohe abstrakte Bild von 1971 kosten. Ein Schnäppchen gegen die „Hunde“ hinter einem monumentalen Polstermöbel, die Karin Kneffel, Düsseldorfer Star-Malerin, vor 20 Jahren verewigte. 290.000 Euro ist der Preis für großzügige Liebhaber des Hyperrealismus.
Sprechende Bilder

Sprechende Kunstwerke: Die Bilder und Skulpturen in der Koje der Galerie Zink sind von dem Künstlerduo Muntean/Rosenblum. Foto: bikö
Tatsächlich zieht das Kenntliche überall die Blicke an – und scheint bei Sammlern besonders beliebt. Deshalb schwingt ein von Stephan Balkenhol geschnitztes und in Bronze gegossenes Nixen-Pärchen munter die Fischschwänze neben dem akkuraten Ölbild eines taubeträufelten Blattes von Stephan Kaluza. „Tell what cannot be told“ (erzählen, was nicht erzählt werden kann), fordern die sprechenden Skulpturen vor ebenfalls betexteten Mystery-Bildern des Künstlerpaares Muntean/Rosenblum, die Galerist Michael Zink aus Waldkirchen mitgebracht hat. Man mag die Werke seltsam pathetisch finden (eine Nackte badet mit Schwan), kann sie aber nicht übersehen, genau wie die neuromantische Wolke auf einer großen Himmelsfotografie von Margarete Jakschik bei Linn Lühn, Galeristin in Flingern.

Stille Ansichten: Der brasilianische Galerist Henrique Martins Modenesi hat Bilder des Malers Andrey Rossi mitgebracht. Foto: bikö
Von viel weiter her, aus dem brasilianischen São Paulo, kam Galerist Henrique Martins Modenesi zur Art Düsseldorf und zeigt unter anderem Andrey Rossis stille, zart melancholische Gemälde von verlassenen Räumen. Die Werke der Berlinerin Alina Frieske (bei Robert Morat) sehen aus wie expressive Malerei, sind aber in Wirklichkeit digitale Collagen. Aus fotografischen Fragmenten komponiert Frieske hintergründige Menschenbilder, die aus der Nähe betrachtet wieder in ihre Datei-Tupfer zerfallen.

Was wie Malerei aussieht, ist eine digitale Collage: Künstlerin Alina Frieske neben ihrem Bild „In Absence“. Foto: bikö
Spritzender Brunnen
Das Geheimnis vergrößert den Reiz der Kunst. Das gilt auch für die schwarzen Schattenfiguren in einer wild leuchtenden Landschaft, die Daniel Richter gemalt hat („Das Auge war kaputt“, 2011). Bei Sies + Höke, Galerie aus der Düsseldorfer Altstadt, hängt das monumentale Bild auf einer Wand voll blauer Vögel, mit denen Hedda Roman die ganze Koje in Kunst verwandelt hat. Sowas hebt die Laune – genau wie der „Crime Hater“, der Krimihasser von Connor Crawford aus der Shore Gallery, eine mit Brille, Hut und Trenchcoat ausgestattete Schaufensterpuppe, die mechanisch rauchen kann und vor sich hin murrt: „Ah, goddamnit“, verdammt nochmal.

Kunst ist schön, macht aber viel Arbeit: Das Spritzwasser am Brunnen von Lenor Serrano Rivas muss regelmäßig aufgewischt werden. Foto. Bikö
Ganz in der Nähe fließt ein mit metallenen Blumen und Früchten konstruiertes Kunst-Brünnlein, das die Spanierin Lenor Serrano Rivas vor der Galerie Carlier/Gebauer (Berlin, Madrid) platziert hat. Mit subversiv spritzendem Wasser, das immer wieder weggeputzt werden muss. Wer abstrakte Ruhe bevorzugt, wird sich über die Spiegelobjekte von Christian Megert freuen, die bei Dorothea van der Koelen (Mainz, Venedig) zu finden sind. Das Gegenständliche mag uns viel erzählen, aber es ist die gute altmoderne Abstraktion, die unseren Geist befreit.

Abstraktion macht glücklich: Dr. Dorothea van der Koelen, seit 47 Jahren im Kunstgeschäft, zwischen Spiegelobjekten von Christian Megert. Foto: bikö
Was, wann und wo?
Die achte „Art Düsseldorf“ ist bis Sonntag, 19. April, für das Publikum geöffnet. 119 internationale Galerien, davon 32 zum ersten Mal, zeigen zeitgenössische Kunst in zwei ehemaligen Schmiedehallen auf dem Areal Böhler, Hansaallee 321. Geöffnet Freitag 12 bis 19 Uhr, Samstag 11 bis 19 Uhr, Sonntag 11 bis 18 Uhr. Der Eintritt kostet 29 Euro, ermäßigt (auch für Jugendliche und Rentner) 23 Euro. Infos und Tickets online unter www.art-dus.de

Auch die Wand, von Hedda Roman gestaltet, wurde bei Sies + Höke zur Kunst. Das monumentale Bild ist von Daniel Richter. Foto: bikö