Der Narr im Krieg: „Tyll“ am Schauspiel Düsseldorf

Hereinspaziert, „hochversehrtes Publikum“! Schon vor Beginn der Vorstellung haben sich die Gaukler auf der Bühne versammelt. Mit Klampfen, Trommeln, Geige und Harmonika machen sie trotzige Straßenmusik. Dabei stehen sie im Schatten vor hellem Hintergrund, einem Scherenschnitt gleich. Der größte trägt eine zweizipfelige Narrenkappe. Wie Till Eulenspiegel aus der mittelalterlichen Schelmenerzählung – und wie der Held des 2017 erschienenen Romans von Daniel Kehlmann: „Tyll“. Sein Possenreißer irrt ein paar hundert Jahre später durch den 30-jährigen Krieg. André Kaczmarczyk hat aus der verschachtelten Prosa im Schauspiel Düsseldorf ein zündendes Stück gemacht. Voller Sehnsucht, Tod und Teufel.
Statt selbst in Tylls Rolle zu glänzen, wirkt der einstige Star des Theaters („Macbeth“, „Richard III.“) nun lieber hinter den Kulissen. Als Lehrer der hiesigen Filiale der Leipziger Hochschule für Musik und Theater arbeitet er mit jungen Talenten – und verschafft ihnen den ganz großen Auftritt. Seine sieben Student*innen zeigen mit ungeheurer Power, was in ihnen steckt. Körperlich, stimmlich, musikalisch. Sie schonen sich keinen Moment. Es wird vielleicht ein bisschen viel geschrien, mehr leisere Nuancen könnten nicht schaden. Das nah sitzende Publikum im Kleinen Haus ist etwas angestrengt, aber hingerissen.
Freiheitskampf

Spielt die Hauptrolle: Maurice Schnieper ist Kehlmanns „Tyll“, der umherziehende Narr, der im 30-jährigen Krieg allen Gefahren entkommt. Foto: Sandra Then / Schauspiel Düsseldorf
Denn man wird gleich hineingezogen in den „Zirkus Ulenspiegel“. Mit seiner Freundin Nele und allerlei fahrendem Volk zieht Tyll, der Spaßmacher, Seiltänzer und Eselflüsterer, durch die kriegsverwüsteten Lande, auf der Suche nach Freiheit, denn „etwas Besseres als den Tod finden wir überall“. Wie szenisch erzählt wird, ist der Müllerssohn Tyll einst mit der Bäckerstochter Nele davongelaufen, nachdem sein Vater wegen Hexerei von der Inquisition hingerichtet wurde. Nicht nur auf der Straße sucht Tyll sein Glück – und sein Heil im Spott – auch als Hofnarr des entthronten Prager „Winterkönigs“ Friedrich von der Pfalz. Seine Nele verlässt ihn irgendwann um zu heiraten. Da zieht Tyll selbst in den Krieg, „der irrende Narr“.

Wilde Truppe (von links): Die Schauspielstudent*innen Vincent Wiemer, Flavia Berner, Ludowika Held, Anastasia Schöpa, Jonas Hanke, Alisa Lien Hrudnik als Gaukler. Foto: Sandra Then / Schauspiel Düsseldorf
„Ein Weiser, seiner Welt entfloh’n, halb Heil’ger, halb verlor’ner Sohn“, so singt inbrünstig der schöne Maurice Schnieper als Tyll. Ja, den Text kennt man aus den 70er-Jahren, ein alter Song von Reinhard Mey. Unter der bewährten Leitung von Matts Johan Leenders mischen die Gaukler die Musik. Es gibt Kirchenklänge, Volkslieder, ein bisschen Brecht: „Am Grunde der Moldau wandern die Steine…“. Und der gefallene Eisenkurt (Jonas Hanke) richtet sich noch einmal auf und spielt auf der Kinderharmonika eine Weise aus dem 17. Jahrhundert: „Es ist ein Schnitter, heißt der Tod …“.
Rollenwechsel
Hanke mimt in anderen Szenen einen verwirrten Jesuiten und mörderischen Inquisitor, den sadistischen Vorgaukler Pirmin und am Ende einen Botschafter des siegreichen Königs von Schweden (Vincent Wiemer). Bis auf Schniepers Tyll spielen alle Student*innen wechselnde Gestalten, in lumpigen Klamotten, bestickt mit blutigen Schwären, beschmiert mit dem Dreck der Zeit, getrieben, sich verzweifelt ans Leben klammernd, herzzerreißend. Flavia Berner, Virtuosin mit Violine in Tylls Truppe, wird zu Elisabeth Stuart, englische Gattin Friedrichs, exilierte Königin von Böhmen. Gedemütigt fordert sie Respekt, schreit ihre Forderungen, eine in den Staub getretene Majestät.

Künstlerglück: Das Ensemble von „Tyll“ auf der Bühne nach der gelungenen Premiere. Foto: bikö
Auch Alisa Lien Hrudnik ist vor allem als kranker, aber unbeugsamer Friedrich nicht zu überhören, genau wie Anastasia Schöpa, die als Graf Wolkenstein zum ersten Mal eine Schlacht sieht und atemlos kreischend beschreibt. Subtiler arbeitet Ludowika Held als Nele, die mit schwebender Stimme die von Hanns Eisler vertonte „Moldau“ singt und mehr sein will als Tylls schwesterliche Gefährtin. Der Narr lässt sie gehen und zieht allein weiter, ein Überlebender, denn: „Ich bin aus Luft gemacht.“
Weitere Vorstellungen
„Tyll“ von Daniel Kehlmann, Bühnenfassung und Regie von André Kaczmarczyk. Mit den Studierenden des Schauspielstudios Düsseldorf der Hochschule für Musik und Theater „Felix Mendelssohn Bartholdy“ Leipzig. Kleines Haus, zweieinhalb Stunden mit Pause. Die Vorstellungen am 27. Februar, 7., 23. und 26. März sowie am 2. April sind schon ausverkauft, für den 6. April gibt es noch wenige Karten. www.dhaus.de