Schwerpunktkontrolle in Düsseldorf: Jeder achte Fahrgast fährt ohne gültigen Fahrschein

Es wurde geschrien und geweint, jede Menge gelogen und am Ende doch gezahlt – 60 Euro pro Person für das Fahren ohne gültigen Fahrschein. Siebeneinhalb Stunden lang dauerte der zweite „Aktionstag Sicherheit“ von Rheinbahn und Polizei am Freitagabend (23.10.). Im Schnitt entpuppte sich dabei jeder achte Fahrgast als Schwarzfahrer.

Wer keinen gültigen Fahrausweis besaß, musste zur Aufnahme der Personalien aussteigen. Die Polizei griff nur auf Wunsch der Fahrkartenkontrolleur*Innen ein.
Wenn das teure Deutsche Bahn-Ticket nicht in der Straßenbahn gilt
Bei der Schwerpunktkontrolle auf Bahnsteig drei des U-Bahnhofs Steinstraße/Königsallee kam auch die Auskunft der Deutschen Bahn im Hauptbahnhof Düsseldorf schlecht weg. Denn dort waren offenbar Fahrgäste auf dem Weg nach Neuss und Krefeld per Rheinbahn weitergeschickt worden, weil der Herbststurm Luise den linksrheinischen Eisenbahnverkehr lahmgelegt hatte. Was die Bahner ihren genervten Kunden offenbar nicht mit auf den Weg gaben: Sie hätten für die Fahrt von Düsseldorf nach Krefeld mit der Straßenbahn eine Fahrkarte der Rheinbahn lösen müssen.

Schicke Klamotten, aber kein Ticket: Schwarzfahren ist in allen Gesellschaftsschichten beliebt.
Zahlreiche Bahnkunden als Schwarzfahrende erwischt
So wie ein Ehepaar, das komplett erbost die ICE-Bahnfahrkarten Berlin-Krefeld hochhielt plus eine gestempelte und unterschriebene Bestätigung der Deutschen Bahn darüber, dass sie in Düsseldorf gestrandet waren. Dort ging es mit der Deutschen Bahn nicht weiter – sie wurden auf die Rheinbahn verwiesen und hatten sich darauf verlassen, dass ihr Bahnticket natürlich bis zum Zielort gilt. Tat es aber nicht. Sie strandeten – wie viele weitere empörte Kunden der Deutschen Bahn – ohne gültigen Fahrausweis in der Schwerpunktkontrolle. Zum Teil mehrere Stunden Verspätung und 60 Euro für Schwarzfahren – die Deutsche Bahn hat an diesem Abend einige Kunden verloren.

Wer bezahlt hatte, durfte in der Bahn sitzen bleiben und weiterfahren.
Beschwerden gegen die Zahlung von 60 Euro sind im Nachhinein möglich
Die Kartenkontrolleure der Rheinbahn und vom Personaldienstleister Klüh haben auch in solchen Fällen keinen Ermessensspielraum, wie Michael Strotmann, Abteilungsleiter Fahrausweisprüfung bei der Rheinbahn vor Ort bestätigte: „Unsere Kontrolleure stellen fest, ob jemand einen gültigen Fahrausweis mit sich führt oder nicht. Wer keinen Fahrausweis vorweisen kann, muss 60 Euro zahlen. Wenn unsere Mitarbeiter vor Ort über Kulanzfragen entscheiden sollten, hätten sie viel zu tun.“ Wer meint, dass Unrecht geschehen ist, muss Rückzahlungsansprüche im Nachhinein schriftlich bei der Rheinbahn geltend machen.

Arbeiten täglich an der Sicherheit in Rheinbahn-Fahrzeugen: die Fahrkartenkontrolleure bekommen Deeskalationskurse von ihrem Arbeitgeber.
Fahrkarten im Hotel vergessen
Wie eine Touristin im Seniorenalter, die mitsamt Ehemann ohne Fahrschein erwischt wurde – obwohl ihr Hotel Rheinbahn-Tickets für Hotelgäste anbietet. Die Frau hatte es nicht dabei und brach in Tränen aus. Sie musste von den Fahrkartenkontrolleur*innen getröstet werden. Auch sie bekam den Rat, den Vorgang im Nachhinein zu klären. Zahlen mussten die beiden Touristen genauso wie drei Asiatinnen aus den Niederlangen, die angaben, zum ersten Mal in Düsseldorf zu sein und das komplizierte Ticketsystem nicht verstanden zu haben.

Wer laut und aggressiv wurde, bekam Kontakt zur Düsseldorfer Polizei.
Schreie und Widerstand
Wenige Meter weiter zeigte sich, warum es gut war, die Polizei an der Kontrolle zu beteiligen. Je später der Abend wurde, desto aggressiver verhielten sich manche, überwiegend männlichen Fahrgäste. Einige von ihnen landeten auf dem Bauch auf dem Bahnsteig, während bis zu drei Polizisten auf ihnen knieten. Ein randalierender Mann wollte sich gar nicht beruhigen und wurde von vier Beamt*Innen zum Streifenwagen getragen. Andere ließen sich stumm Handschellen anlegen. Da war offenbar ein Haftbefehl offen.

Ein Mann wollte sich gar nicht beruhigen und wurde schließlich von vier Beamt*Innen zum Streifenwagen getragen
Die Bilanz der langen Sicherheitsnacht
Die Bilanz der Sicherheitsnacht laut einer gemeinsamen Mitteilung von Rheinbahn und Polizei: 41 Fahrausweisprüfer*innen überprüften von 20.30 bis 4 Uhr an der U-Bahn-Haltestelle „Steinstraße/Königsallee“ insgesamt 5.166 Fahrgäste. Dabei stellten sie 612 Beanstandungen fest, was einer Quote von 11,8 Prozent entspricht. Unterstützt wurden die Kontrollen von 28 Einsatzkräften (PRIOS) der Polizei Düsseldorf sowie zehn Sicherheits- und Servicekräften im Auftrag der Rheinbahn.

Auffällige Rheinbahnkunden wurden von den Beamt*innen durchsucht.
Auch die Polizei hatte viel zu tun
Die Polizei leitete 22 Strafanzeigen ein, unter anderem wegen Beleidigung und Widerstand. Zudem überprüfte die Polizei 231 Personen. In vier Fällen ergab sich der Verdacht einer Ordnungswidrigkeit, drei Personen wurden in Gewahrsam genommen sowie drei Personen festgenommen, davon zwei aufgrund von offenen Haftbefehlen. 15 Personen erhielten einen Platzverweis. Außerdem wurden zwei Jugendschutzmeldungen an das Jugendamt Düsseldorf getätigt.
„Präsenz zeigen“
Der für Betrieb und Infrastruktur zuständige Rheinbahn-Vorstand Christian Finke war nicht selbst vor Ort, aber ließ sich im Nachhinein so zitieren: „Sicherheit muss für unsere Fahrgäste und Mitarbeitenden jeden Tag spürbar sein. Dafür reicht es nicht, Konzepte zu entwickeln – entscheidend ist, dass wir vor Ort handeln, Verantwortung übernehmen und konsequent Präsenz zeigen. Mit unserer Sicherheitsstrategie 2030 haben wir dafür einen klaren Rahmen geschaffen. Der heutige Aktionstag zeigt, wie wir diesen Anspruch gemeinsam mit der Polizei in die Praxis umsetzen. Wir machen deutlich: Im öffentlichen Nahverkehr gelten klare Regeln, und wir schauen nicht weg, wenn diese missachtet werden. Unser Ziel ist ein Nahverkehr, in dem sich die Menschen zu jeder Tages- und Nachtzeit sicher fühlen können.“
Tim Neubert, Prograqmmleiter für die Sicherheitsstrategie der Rheinbahn, verwies in der Kontrollnacht auf die vier Säulen des Rheinbahn- Sicherheitskonzepts: Prävention, Präsenz, Technologie & Prozesse sowie Verhalten & Kultur. „Dieser Prozess ist bewusst langfristig angelegt – denn Sicherheit ist kein Zustand, sondern eine kontinuierliche Aufgabe, bei der wir stetig dazulernen und uns weiterentwickeln,“ betonte er.

Bislang haben nur die direkt bei der Rheinbahgn angestellten Fahrkartenkontrolleur*innen Bodycams. Sie haben die Zahl von Übergriffen deutlich gesenkt.
KI-gestützte Kameras sollen Sicherheit in Bussen, Bahnen, Bahnhöfen und Haltestellen erhöhen
Die Rheinbahn hat am U-Bahnhof Heinrich-Heine-Allee mittlerweile ein KI-gestütztes Kamerasystem im Einsatz, das bei Notlagen und Straftaten Alarm schlagen soll. Nach etlichen Fehlmeldungen in der Anlernzeit für die Künstliche Intelligenz soll es nun zuverlässiger funktionieren – heißt es. Ein Einbau in die Fahrzeuge der Rheinbahn sei geplant.
Bodycams demnächst für alle Fahrkartenkontrolleure
Michael Strotmann, Abteilungsleiter Fahrausweisprüfung, lobte den Einsatz von Bodycams bei den Rheinbahn-Fahrkartenkontrolleur*innen. Die Bodycams sind per Knopfdruck einschaltbar. Schon die Aktivierung des Spiegel-Modus der Kamera – die Person sieht sich und ihr Verhalten also selbst – wirkt deeskalierend bei den Fahrgästen. Die erfolgreiche Bilanz: Es gab weniger Konfrontationen und Übergriffe auf das Prüfpersonal, sie gingen im Testbetrieb um 27 Prozent zurück. Voraussichtlich 2027 sollen deshalb auch die Mitarbeitenden der mit Fahrkartenkontrollen und Sicherheit beauftragten Fremdfirmen mit Bodycams ausgestattet werden.