Einzeln eintreten! Gregor Schneiders „Haus u r“ in der Kunsthalle Düsseldorf

Das ist so verrückt, wie nur die Kunst sein kann. Seit 1985 baut und bastelt der Mönchengladbacher Bildhauer Gregor Schneider an einem Haus aus Familienbesitz an der Unterheydener Straße in Rheydt. Es wurde sein Atelier, sein Material, sein Schaffenskern, seine Idee, sein Lebenswerk: „Haus u r“. 2001 hat er es ausgeschlachtet, alle 24 Räume in den deutschen Pavillon bei der Biennale in Venedig geschafft – und dafür den Goldenen Löwen bekommen. Jetzt kann man in der Düsseldorfer Kunsthalle ein Gefühl für die geheimnisvolle, immer noch im Wandel befindliche Immobile entwickeln: „Haus u r 2026“.

Mit äußerster Entschlossenheit arbeitet der Bildhauer Gregor Schneider (hier mit Kuratorin Alicia Holthausen) seit vier Jahrzehnten an seinem „Haus u r“. Foto: bikö
Es gab ja eigentlich überhaupt keinen Plan für die Kunsthalle, deren Schließung und Sanierung im Frühjahr überraschend um drei Jahre verschoben wurde. Alicia Holthausen, die sich als kommissarische Leiterin in dieser Krisenzeit tapfer bewährt, hat jetzt einen Herbst-Coup aus dem Hut gezogen. Eine Schau mit Schneider war für „irgendwann“ angedacht und wurde jetzt ziemlich spontan in die Tat umgesetzt. Zum Glück arbeitet der sympathische Künstler seit zehn Jahren auch als Professor an der hiesigen Akademie – sozusagen in der Nachbarschaft. Dort lernen seine Studierenden alles über den Raum als Skulptur. Und als Behältnis der Empfindungen.
Reich der Lichter

Erst einmal warten! Nur nach Freigabe und einzeln dürfen Besucher die Rauminstallationen in der Kunsthalle betreten. Foto: bikö
Das zweistöckige, recht schlichte „Haus u r“ steht immer noch in Rheydt, gleich neben dem Metallverarbeitungsbetrieb, der seit Generationen von der Familie Schneider betrieben wird. Ein unspektakulärer Bau. Aber das Plakat, auf dem „Haus u r“ im Schein einer Straßenlaterne hinter einem Blütenbaum erscheint, erinnert an Magrittes berühmtes Tagnacht-Bild „Reich der Lichter“. Magisch. Schneider kennt die Verlockungen von Türen, Fenstern und Fassaden, er spielt mit dem Drang, das Innere zu erkunden. Hereinspaziert, liebes Publikum! Aber nur einzeln! Kann ein bisschen unheimlich werden, ganz allein. Soll so sein.
Ein strenger Herr bewacht den Eingang zum großen Kinosaal, der nicht mehr wiederzuerkennen ist. Eine schlichte weiße Tür führt durch einen pechschwarzen Korridor – die Dielen knarren – in ein leeres, hell erleuchtetes Flurzimmer mit Heizung und marmorierten Bodenfliesen. Von dort geht es weiter in das Schlafzimmer eines gewissen Herrn Schmidt, den Schneider zum imaginären Mitbewohner machte. Da ist aber kein Bett in dem Raum, nur ein Fenster mit hellem Rollo und ein Spiegelschrank, in dem sich der Besucher irritiert selbst betrachtet. Abgeschnitten von allen Anderen. Eine gewisse Geborgenheit mischt sich mit Unbehagen.
Kaltes Grauen

Mit sich allein: Der „Streaming Room A“ spiegelt die Introvertiertheit des digital manipulierten Lebens wieder. Foto: bikö
Beide Stimmungen verstärken sich in „Streaming Room A und B“: raffiniert beleuchtete Rückzugs-Paradiese mit komfortablem Chefsessel, Keyboards und mehreren Bildschirmen für Nerds, Gamer, Influencer, die in einer digitalen Welt leben. Umso finsterer wirkt ein winziger Zwischenflur, der durch Plastikplanen und eine hermetisch wirkende Tür in eine „Kühlzelle“ führt, den tatsächlich kalten Nachbau eines Raums, der in Guantánamo zur Misshandlung von Häftlingen durch Reize wie Kälte, Hitze, Licht diente. Die sogenannte „Weiße Folter“ hinterlässt keine sichtbare Narben. Ein leeres kaltes Grauen mitten im „Haus u r“.

Im Inneren von „Haus u r“: Die Tür führt in weitere Räume – und in die Ungewissheit. Foto: bikö
Letzte Station vor der Rückkehr in die Außenwelt ist eine Art Kellerraum mit schrägen Lichtern von oben, einem Holzverschlag, einer schäbigen Matratze, einem Kinderrad. Sehr düster. Erleichtert tappt man durch den dunklen Flur wieder ans Licht. Der Besuch hat sieben Minuten gedauert, manche brauchen auch länger, bis zu 20 Minuten. Wer eintreten will, muss geduldig warten. Das gehört zum Konzept. Auch vor der Empore, wo Schneider eine Abfolge von Bädern ohne Waschbecken installiert hat, hat sich schnell eine Schlange gebildet.

Keller des Unbehagens: „Unter im Kern“ nennt Gregor Schneider diesen künstlichen Abstellraum. Foto: bikö
Kaffeezimmer
Ohne Verzögerung wird in der Ausstellung noch auf andere Weise vom „Haus u r“ berichtet. Unten am Eingang zeigen freundlich eingefärbte Fotografien das „Kaffeezimmer“ mit spießigem Geschirr auf dem Tisch. Hier empfing der Künstler schon 1993 immer mal wieder Gäste und aß mit ihnen ein Stück Kuchen, während sie nicht bemerkten, dass sich der Raum samt Fenster ganz langsam um 360 Grad drehte. Die Gemütlichkeit wurde so sanft aus den Angeln gehoben. „Abgründig“, bemerkt Kuratorin Holthausen. Das gilt auch für die neun Überwachungskameras aus dem „Haus u r“, deren Aufnahmen aus Bad und Keller, Kaffeezimmer und Liebeslaube live in den Seitenlichtsaal projiziert werden. Das Haus ist omnipräsent.

Blick auf die Treppe der Kunsthalle. Oben warten Besucher auf Eintritt in die Rauminstallation „Bad“. Foto: bikö
Auf einer schwarz-weißen Fotoserie im Foyer sieht man Zwischenräume, vergessene Ecken und Abfälle, die bei der permanenten Arbeit im „Haus u r“ entstehen. Zwei Videos hat der Künstler selbst mit der Handkamera beim Rundgang durchs immer weiter zugebaute und verschachtelte Gebäude aufgenommen. Sehr eng wird das oft, manche Räume kann er selbst kaum noch finden oder betreten. Aber er macht weiter. Mit einer gewissen Besessenheit konstruiert und sammelt Schneider unbeirrt seine „Enzyklopädie der Räume“, eine Lagerhalle ist voll von zerlegten Dingen. Konsequenz in der Kunst kann auch ein Fluch sein. Ob er sich manchmal wünscht, sich von dem Haus zu befreien? „Ja, schon“, sagt Schneider. Aber man glaubt’s ihm nicht.

Das „Haus u r“ ist immer präsent. Im Seitenlichtsaal werden Live-Schaltungen aus neun Räumen projiziert. Foto: bikö
Was, wann und wo?
„Gregor Schneider: Haus u r 2026“. Bis 17. Januar 2027 in der Kunsthalle Düsseldorf, Grabbeplatz. Geöffnet Di.-So. 11 bis 18 Uhr, Do. bis 21 Uhr. Die Raum-Installationen dürfen nur einzeln betreten werden (Kinder mit Begleitung). Eintritt: 7 Euro, Kinder und Jugendliche bis 18 Jahre frei. Öffentliche Kurzführungen jeden Sonntag 13.30 bis 14.30 Uhr und Dialoge zum „Haus u r“ jeden Samstag 13.30 bis 17.30 Uhr, Teilnahme im Eintrittspreis inbegriffen. www.kunsthalle-duesseldorf.de