Glanz des Abschieds: Schauspiel Düsseldorf feiert Wilfried Schulz

Was braucht ein guter Theaterchef? Seriosität, natürlich. Um das Chaos zu ordnen. Aber auch: „einen Funken Wahnsinn“. Diese Kombination hat NRW-Kulturministerin Ina Brandes in allen Sitzungen bei Wilfried Schulz festgestellt. „Atemberaubend professionell“ sei er zudem. Und so gelang es dem stets korrekt gekleideten Herrn, das „D’Haus“ zu dem zu machen, was Kulturdezernentin Miriam Koch einen „leuchtenden Ort der Offenheit“ zu machen. Die Düsseldorfer, jung und alt, straight und queer, konservativ und wild, lieben ihr Schauspielhaus. Sie feierten Schulz zum Abschied mit einem tränenseligen Ensemble und Standing Ovations.

Die Politik spielt immer mit: Wilfried Schulz (links) und sein Chefdramaturg Robert Koall begrüßen im Foyer NRW-Kulturministerin Ina Brandes. Foto: bikö
„Always Under Construction“, immer im Bau, hieß das Motto des Abends mit Reden und Revue. Der erste Teil, mit den Reden, war ziemlich anstrengend, denn die Hitze ballte sich im Foyer, und die meisten Gäste mussten eine Stunde lang stehen und schwitzen. Immerhin gab es (ziemlich warmen) Frei-Sekt und reichlich Wasser. Und keiner wollte meckern, alle wollten ihre Bewunderung für den Mann zeigen, der von sich ganz bescheiden sagt: „Ich bin kein Künstler, ich ermögliche Kunst.“
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„Always Under Construction“, immer im Bau, war das Motto des letzten Abends der Ära Schulz – mit Reden im Foyer und Revue auf der Bühne. Foto: bikö
Das war in seiner Ära bekanntlich nicht leicht. Als er 2016 die Intendanz übernahm, war das Schauspielhaus wegen Sanierung geschlossen. Man behalf sich mit der Probebühne am Bahnhof (heute „Central“) und feierte die erste Premiere („Gilgamesh“) in einem Zirkuszelt auf dem Corneliusplatz, das sich am Ende öffnete und den Blick freigab auf die nächtliche Stadt. Ein Sinnbild, denn das Theater unter Schulz sollte kein abgeschlossener Raum für ältere Bildungsbürger mehr sein, sondern „vielfältig wie die Gesellschaft“.
Bisschen schwierig in der Corona-Zeit, als die Kultur wie das ganze öffentliche Leben zum Stillhalten verurteilt war. Nachher gab es strenge Test- und Maskenpflicht, viel Nervkram. Trotzdem kamen die Leute wieder, und das Theater blühte auf – als ein Stück Heimat für alle, inklusive Kleidertausch, Yoga-Sessions, Singen und Tanzen im Foyer. Das Junge Schauspiel im Central kümmert sich um den Nachwuchs. Im Stadt-Kollektiv macht die Jugend unter Profi-Leitung ihre eigene Show. Im Unterhaus feiert die Drag-Queen Effi Biest das Anderssein.

„Sehr bewegt“ zeigte sich Wilfried Schulz vom Applaus, den er für seine zehn Jahre als Generalintendant bekam: „Eine große Bestätigung!“ Foto: bikö
Unter Sternen
„Es lebe die Baustelle“, ruft die hochblonde Queen, die mal ein Dramaturg namens Lasse Scheiba war, im Finale der Show „Always Under Construction“, die André Kaczmarcyk und der musikalische Leiter Matts Johan Leenders zum Abschied im gekühlten Großen Haus auf die Bühne zaubern. Unter künstlichen Sternen, Palmen, Wolkenhimmeln und rosa Berggipfeln, die mal mitgespielt haben. Mit sehr viel Gold und Glitzer. Vorwiegend wehmütig, herzzerreißend schön. Gleich zu Anfang ist man zutiefst gerührt, wenn Rosa Enskat im blauen Licht ein Lied von Quincy Jones singt und raunt: „Everything Must Change“, alles muss sich ändern, nichts bleibt gleich, die Jungen werden die Alten … „und Musik lässt mich weinen“.
Auch im Ensemble fließt manche Träne. Es gibt Handküsse und Umarmungen, die nicht im Buche stehen. Alle machen mit, auch die Stars, die wegen wachsender Berühmtheit und filmischer Chancen das feste Engagement verlassen haben. Kino-Künstler Christian Friedel („Zone of Interest“), der zuletzt in Düsseldorf für Robert Wilson den „Dorian“ gab, ist auch ein fantastischer Musiker und Sänger. Er setzt sich ans Klavier und gibt mit Rosa Enskat ein Potpourri aus der Kult-Stück „Der Sandmann“.

Der letzte Vorhang war aus Konfetti: Das alte Ensemble des D’Haus hat sich mit einer glanzvollen Show vom Publikum verabschiedet. Foto: bikö
Jodeln für Wilfried
Lou Strenger, demnächst am Münsteraner Tatort, schmettert noch einmal mit voller Lebensenergie: „Life is a Cabaret“. Christian Erdmann, oft in TV-Krimis, früher ein Düsseldorfer Bühnenstar („Michael Kohlhaas“, „Unterwerfung“), sorgt für einen Moment der Heiterkeit mit dem Monolog eines frustrierten Schauspielers, den ein feixender Zuschauer in der dritten Reihe total aus dem Konzept bringt: „Ich und der große Text nun also vorne an der Rampe hell im Licht“. Geschrieben hat das köstliche Stückchen Robert Koall, der als Chefdramaturg ausscheidet und sich in Zukunft wieder auf sein Leben als Dramatiker konzentrieren will.
Nicht alle, die auftreten, singen. Aber die meisten. Und sie können es, denn im D’Haus wird das Wort ja oft in Musik verwandelt. Echte Talente zeigen sich in der Show. Belendjwa Peter im Glamour-Cape schmettert „Dear Muinda“ aus seiner gleichnamigen Produktion. Und Charakterdarsteller Burkhart Klaußner („König Lear“) überrascht mit Bill Haley: „Rock Around the Clock“. Die mit Ende 70 immer noch wunderschöne Manuela Alphons (Lady Macbeth), in Österreich geboren, jodelt „für Wilfried“ einen rau verträumten Abschiedsländler: „Holla reiduli reidulio aho.“ Aber niemand will so recht gehen. Späßchen und Zugaben am Ende. Ganz großer Applaus!