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KulturTheater
Home›Kultur›Düsseldorf: Ein bisschen Wunderland – „Alice“ im Schauspielhaus

Düsseldorf: Ein bisschen Wunderland – „Alice“ im Schauspielhaus

Von Birgit Koelgen
30. Oktober 2020
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Kraftvolle Heldin des Traums: Lou Sprenger als Alice.

Es ist kein Märchen mit Moral und Happy End. Eher so etwas wie ein quälender Traum. Die Ereignisse ergeben keinen Sinn, die Figuren nerven. Trotzdem oder gerade deshalb gehört „Alice im Wunderland“ seit der Veröffentlichung 1865 zu den Evergreens der Jugendliteratur. Bis heute wird die Geschichte wieder und wieder vorgelesen, dramatisiert, gemalt, verfilmt. Mal süß wie bei Disney, mal spooky wie bei Tim Burton. Das Düsseldorfer Schauspielhaus macht daraus ein beglückendes kleines Musical fürs Herz mit Songs von Matts Johan Leenders, inszeniert vom großen Spielkind André Kaczmarczyk.

D_Alice_Bühne_30102020

Auftritt mit Corona-Abstand: Judith Bohle, André Kaczmarczyk und Lou Strenger.

Der Applaus war so begeistert wie es eben geht auf den wenigen erlaubten Plätzen des Großen Hauses. Maskengedämpfter Jubel! Mancher im Publikum war zu Tränen gerührt, denn die Premiere am 29. Oktober wurde ein Abgesang vor der neuerlichen Schließung der Theater. Generalintendant Wilfried Schulz stand sehr traurig auf der Bühne. Schließlich hatte sein Team das Schauspielhaus mit ausgetüftelter Belüftung, Maskenpflicht und einem superstrengen Hygiene-Konzept zu einem „der sichersten Orte, die man sich vorstellen kann“ gemacht. Alle November-Vorstellungen waren ausverkauft. Aber Schulz beklagt sich nicht, sondern sieht ein, dass „gehandelt werden muss“ und meint: „Ich möchte kein Politiker sein.“

D_Alice_Haus_30102020

Alice (Lou Sprenger) mit Puppenhaus, Regisseur André Kaczmarczyk als falsche Suppenschildkröte.

Ein zärtlicher Abschied

So nehmen wir mit Zärtlichkeit unseren Abschied von dem tapferen Ensemble, das uns trotz Abstandsregeln auf der Bühne und allerlei erschwerten Bedingungen auch in diesem wahnsinnigen Corona-Jahr den Glauben an die Kraft und den Zauber der Kultur erhalten hat. Zum Glück macht Kaczmarczyk mit seiner Alice keine gemeinen Experimente, sondern gönnt uns ein weitgehend unbefangenes Erlebnis. Dabei gibt es durchaus eine gewisse Doppelbödigkeit, wenn Kaninchen-Darsteller Kilian Ponert die Öhrchenkappe ablegt und kurz mal als erotischer Jüngling posiert. Das ist keineswegs abwegig, denn die siebenjährige Heldin Alice wächst nicht nur immer mal wieder rapide durch die Magie des Traums, sie macht ohnehin einen erwachsenen Eindruck und ist bekanntlich die Vernünftige in dem Schlamassel. „Wunderland ist hirnverbrannt“, so singt sie munter.

Man weiß übrigens nicht genau, ob die Kinderliebe des viktorianischen Schriftstellers Lewis Carroll, der eigentlich Charles Lutwidge Dodgson hieß, so ganz unschuldig war. Fest steht, dass ihm die Mutter einer realen kleinen Alice, die ihn zu der Erzählung inspiriert hatte, irgendwann den Umgang mit ihren Töchtern verbot. Wie dem auch sei: Die Alice auf der Bühne lässt sich nichts gefallen. Lou Strenger trägt zwar lange Locken und ein hellblaues Puppenkleid, aber sie ist die furchtlose Superheldin ihres eigenen seltsamen Traums.

D_Alice_Locken_30102020

Judith Bohle spielt im Wunderland unter anderem die verrückte Herzogin.

Wo die Katze grinst

Und der hat es in sich, wie man seit 155 Jahren weiß. Ein sprechendes Kaninchen, das ständig Angst hat, zu spät zu kommen, lockt Alice in seinen Bau, wo sie ein paar Mal ihre Größe wechseln muss, bevor sie durch eine geheimnisvolle Tür ins Wunderland gelangt. Dort ist alles absurd. Alice wird unter anderem mit einer schwebenden Grinsekatze (Judith Bohle) und dem wandelnden Ei Humpty-Dumpty (Thomas Wittmann) diskutieren. Sie wird, very british, an der nie endenden Teegesellschaft des irren Hutmachers teilnehmen („It’s always teatime!“), Sprachverwirrungen erleben und den Hof der Horror-Herzkönigin besuchen, wo man mit Igel-Kugeln und Flamingo-Schlägern Croquet spielt und bei Ungehorsam unverzüglich enthauptet werden soll.

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Showdown: André Kaczmarczyk als Hutmacher, Thomas Wittmann als Herzkönig.

„Kopf ab!“ ist die Parole der Königin in Gestalt von Claudia Hübbecker, die zuvor schon aus der neunmalklugen Raupe eine elegante Figur machte. Alle tragen lustig bunte Kostüme aus der Verkleidekiste des Theaters ohne Anspruch auf Perfektion, die Show ist wie ein Kinderspiel für Menschen jeden Alters. Die magischen Effekte sind folgerichtig der Fantasie überlassen. André Kaczmarczyk, der selbst den Hutmacher und, mit langem weißen Haar, die melancholische Falsche Suppenschildkröte mimt, hat keine spektakuläre Technik zur Verfügung. Ihm genügen die einfachsten Mittel – allerlei Vorhänge, Licht und Schatten, ein bisschen Nebel – um die Bühne in ein Wunderland zu verwandeln.

Die Neugier bleibt jung

Der bewährte Pianist und Komponist Matts Johan Leenders, mit drei Kollegen am Rand sitzend, liefert dazu eine unaufdringliche Musik mit vielen poetischen, manchmal aufsässigen Tönen. Dabei verarbeitet er auch Vertrautes. So singt der arme Ritter Herzbube (Sebastian Tessenow) mit seinem Holzpferd das Goethe-Gedicht vom „Röslein rot“ in der volkstümlichen Vertonung von Heinrich Werner. Und behauptet, es sei von ihm. Alice durchschaut auch diesen Schwindel, doch sie bleibt trotzdem neugierig auf weitere Abenteuer in einem Leben, das vielleicht sowieso nur ein Traum ist.

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Das wandelnde Ei Humpty-Dumpty: Thomas Wittmann.

Tickets der Hoffnung

Vier Tage nach der Premiere von „Alice im Wunderland“ wird das Düsseldorfer Schauspielhaus vom 2. bis 30. November wie alle Theater geschlossen. Alle, die Karten für die ausfallenden November-Vorstellungen haben, werden informiert. Mit Glück wird der Spielbetrieb im Dezember wieder aufgenommen, der Vorverkauf hat bereits begonnen. Wenn alles gutgeht, kann man auch am Silvesterabend mit „Alice“ auf Traumreise gehen. www.dhaus.de

Fotos: Thomas Rabsch

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