Tanzen und denken: Goldene Garde im Theatermuseum Düsseldorf

Sie fühlen sich oft unsichtbar, die Alten in der Stadt. Überholt, ignoriert, respektlos behandelt. Der Zeitgeist flirtet lieber mit der jüngeren Generation. Aber die „Goldene Garde“ aus Düsseldorf lässt sich nicht abhängen. Das von der Choreografin Claudia Küppers geleitete partizipative Tanztheater 60plus macht seine eigene Show. Im Theatermuseum präsentierte die 17-köpfige Truppe gleich vier Vorstellungen der Produktion „Age and The City“. Und die Fans applaudierten begeistert.
Am Anfang war ein Gedanke. Es sollte in einem ganz neuen Stück um das Lebensgefühl der älteren Mitbürger*innen gehen. Wie immer auf dem weiten Feld der Kultur sind mehr Frauen dabei. Es gab ein Casting unter zahlreichen Bewerberinnen. Das Ensemble hat nur vier tapfere Männer, die keine Angst vor Bewegung, Selbstreflexion und dem öffentlichen Auftritt haben: Rainer, Henning, Klaus und Mattias. Zusammen mit der weiblichen Übermacht entwickelten sie über Monate ein Stück, das eher eine Performance ist – mit Tanz, viel selbst geschriebenem Text, Disziplin und Leidenschaft.

Die Goldene Garde bei der Generalprobe. Im Vordergrund: Rainer Gaertig. Foto: Anselm Weydner / Goldene Garde
Atemberaubend
Zuerst hört man einzelne Stimmen aus dem Off. Sie beschreiben die Stadt, ihre Erscheinungen, die wechselnden Stimmungen. Eine Art Kopfkino: „Das vertraute Café“, „Gemeinsamkeit, ein warmes Gefühl“. „Wohltuende Anonymität“ gibt es in der Stadt, aber auch „atemberaubende Luft“, „nervige E-Roller“ und ein „erschöpftes Lachen“. „Ich bin allein“, bemerkt eine Stimme. Einsamkeit ist ein Altersproblem, das sich irgendwann nicht mehr verdrängen lässt.
Und dann erscheinen die Männer und Frauen, nehmen vereinzelte Posen ein, werden unversehens zu einer Menge. Schwarz gekleidet, energisch, so bewegen sie sich zu Verkehrsgeräuschen, bald schon wird gedrängelt und geschubst. Bis eine Frau hinfällt – und es dauert, bis man ihr hilft. Alle sitzen an der Wand, verstecken sich hinter der Zeitung und suchen Ausreden: „Keine Zeit“, „Ich kann kein Blut sehen.“
Rhythmus der Stadt
Weiter geht’s im Rhythmus der Stadt. Man eilt dahin, quer über die Bühne. Jeder hat seine Pläne. Und scheitert manchmal an der ebenso freundlichen wie begriffsstutzigen KI, die den persönlichen Service mehr und mehr ersetzt. Gleich zwei Szenen beschäftigen sich mit den nervigen Missverständnissen, die jeder kennt, der schon einmal versucht hat, über eine automatisierte Hotline praktische Hilfe zu erlangen. „Ich gebe auf“, seufzt da die Kundin.
In schöner Melancholie klingt ein Sprechgesang von der Seite. Eine der Damen präsentiert ihre eigene Poesie: „She is her own self and she’s everyone else“, sie ist ganz sie selbst und zugleich jede andere.

Nach der Premiere: Zu guter Letzt tanzt die Goldene Garde mit ihren Zuschauern. Foto: bikö
Schmerz und Lust
Nicht verschwiegen werden die zunehmenden Schwächen, die mit dem Alter einhergehen. „Altersgerechte Abnutzung, meint mein Orthopäde.“ In einer bewegenden, fast schmerzhaften Szene markieren die Frauen und Männer all die Zipperlein, die kommen können: Sie humpeln, trippeln unsicher, starren, sind in Ticks gefangen.
Aber noch ist es nicht soweit. Die 17 sind fit und voller Energie. Sie wollen „keine Meckeralte“ sein, sondern ihre Kraftquellen suchen. Was sie beflügelt? Ihre Freiheit, ihr Engagement. Freiwillig. „Ich muss nichts mehr müssen.“ Aber sie dürfen – das Leben bis zum Schluss genießen. Und so tanzen sie am Ende ausgelassen zu Disco-Musik. Und das Publikum tanzt mit.

Blumenstrauß für die Choreografin: Claudia Küppers (rechts) leitet die Goldene Garde. Foto: bikö
Information
„Age and the City“ ist bereits die vierte Produktion der Goldenen Garde, eines Tanztheaters 60plus unter der Leitung der Choreografin Claudia Küppers von Küppers & Konsorten. Gefördert durch das Kulturamt Düsseldorf, die Soziokultur NRW, die Bürgerstiftung Düsseldorf, die Stiftung van Meeteren und den Verein Move Arts. Es gab vier Vorstellungen im Theatermuseum Düsseldorf.