Düsseldorf: Der Flinger Broich und seine Geschichte

Alle, die sich in Düsseldorf nur ein bisschen für Sport interessieren, kennen den Flinger Broich. Dort ist Düsseldorfs größter – auch wenn aktuell nicht der erfolgreichste – Sportverein ansässig. Doch was wissen die Düsseldorfer darüber hinaus über den Flinger Broich? 34 Teilnehmende an der Führung „Sumpfland, Gärten und Sportvereine“ von Kaspar Michel, Mitglied im FlingerPfad und der Geschichtswerkstatt Düsseldorf, waren erstaunt wie viel sie in zwei Stunden über die Straße erfuhren, an der so einige sportliche Erfolge ihren Anfang nahmen.
Wie beispielsweise die Karriere von Felix Zwolankowski (12. Juli 1912 – 26. November 1998). Der Fußballer durchlief die Jugendmannschaften der DJK Rheinfranken, bevor er 1932 zu der benachbarten Fortuna wechselte und dort ein Jahr später schon Teil der Meistermannschaft wurde. In den Jahren bis 1942 gehörte der flinke Stürmer zur Mannschaft und schoss in 36 Endrundenspielen um die Deutschen Meisterschaft zehn Tore. 1940 wurde er in die Nationalmannschaft berufen.

Vor dem Nachwuchsleistungszentrum der Fortuna steht eine der Stelen des FlingerPfads, Foto: Dirk Schmidt
Davon und noch von vielen mehr berichtete Kaspar Michel, der für seine Sonderführung über den Flinger Broich ausführlich recherchiert hatte. „Flingern und der Flinger Broich haben eine extrem spannende Geschichte. Die hängt mit der Eisen- und Lokomotiv-Industrie und der Arbeiterklasse zusammen. Heute hat Düsseldorf ein anderes Image“, erläuterte Michels. „Es gab mit Oberbilk, Flingern, Lierenfeld und Eller reine Arbeiterviertel. Für die Arbeiter sollte das damals brachliegende Gelände am Rand geplanter Wohn- und Industrieflächen Raum für Sport, Freizeit, Erholung und Hygiene bieten.“ Das Stichwort hieß Reinigungsbäder, denn Anfang des 20 Jahrhunderts verfügten die allermeisten Wohnung noch nicht über ein Badezimmer.
„1937 gab es am Flinger Broich neun Sportplätze, sieben Ziegeleien, Schrebergärten sowie eine Spinnerei und Weberei“, so Michels. „Die Steine der Ziegeleien wurden unter anderem in der Johanneskirche, im Rathaus und in vielen Industrieanlagen verbaut. Düsseldorf ist zu großen Teilen bis hin zur Kanalisation aus dem eigenen Lehmboden erbaut,“ was viele der Teilnehmenden erstaunte.

Station beim Boxring, Foto: Dirk Schmidt
„Heute wird der Flinger Broich als Sportmeile bezeichnet, weil hier neben der Fortuna auch der Boxring Düsseldorf, das Allwetter-Bad, die Freien Schwimmer, der Eisenbahner SV Blau Weiß und die Flinger Schützen beheimatet sind.“
Doch nicht nur Sportliches spielte sich am Flinger Broich ab, sondern auch politische Umwälzungen, gesellschaftlich Notwendiges und auch Tragisches passierte dort. Politisch war zum Beispiel die Geschichte der Freien Schwimmer. „Heute erinnern sich nur noch wenige daran, dass das Allwetterbad früher der Spiel- und Sportvereinigung Freie Schwimmer Düsseldorf 1910 e.V. gehörte, einem Verein, der aus der Arbeitersportbewegung gegen Ende des 19. Jahrhunderts entstanden ist“, erfuhren die Teilnehmenden. „Als 1911 das Grundstück Flinger Broich 91 gekauft wurde, um darauf eine Volkssportanlage zu errichten, hatte dieser Verein zum ersten Mal einen eigenen Wohnsitz. Geübt wurde zu seiner Gründungszeit im Rhein, denn den Arbeitersportlern war der Zugang zu den städtischen Hallenbädern verboten – die standen nur dem Bürgertum offen.“

Das Allwetterbad-Flingern wurde neu gebaut, Foto: Dirk Schmidt
Zwischen 1925 und 1932 wurden die Wasserballer vier Mal Westdeutscher Meister, die Schwimmer errangen zwölf westdeutsche Meistertitel und mehrere Sportler des Vereins nahmen 1925 in Frankfurt am Main und 1930 in Wien an Arbeiter-Olympiaden teil. Bis 1932 riskierten die Rettungsschwimmer 400 Mal ihr Leben, um Menschen aus dem Rhein zu bergen. „Lange Freude an dem 1932 fertig gestellten Vereinsgrundstück am Flinger Broich hatten die Freien Schwimmer nicht. Mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten wurde 1933 das gesamte Vereinsvermögen beschlagnahmt, das Schwimmbecken zum Schießstand umfunktioniert und der Sportplatz zum Exerzieren benutzt“, betonte Michels. „1934 wurde der gesamte damalige Vorstand wegen ‘Gründung bolschewistischer Zellen’ verhaftet und 1939 auf der Liegewiese des Schwimmbades eine Flakbatterie errichtet.“
Die konnte aber nicht verhindern, dass bei einem Bombenangriff 1944 in direkter Nachbarschaft beim Kleingartenverein Flinger Broich 80 mehrere Menschen auf tragische Weise ihr Leben verloren. „Aber in den Hungerjahren nach den beiden Weltkriegen, retteten die Kleingärten vielen Menschen das Leben, weil hier Gemüse und Obst angebaut wurde“, erklärte der Flinger Broich-Guide.

Das Bewrufsbildungszentrum der AWO lag ebenfalls auf dem Weg, Foto: Dirk Schmidt
Michels erzählte von der Fusion von Alemannia 08 mit der DJK Rheinfranken zum SC Flingern und der wenige Jahre später erfolgten Insolvenz. Auch die Erfolge des Boxrings, der mit Egon Schidan und Manfred Homberg deutsche Meister, Olympia-Teilnehmer und Europameister hervorbrachte und von der Umwandlung einer ehemaligen Fabrikhalle der Firma Heinrich de Fries zum Berufsbildungszentrum der AWO waren Thema des Rundgangs. „Flingern“ bedeutet so viel wie „bei den Anwohnern des alten Flusses. Die Endung Broich verweist auf ein Gebiet mit starker Versumpfung oder Überflutung“, referierte Michels. „1903 findet man auf alten Stadtkarten die Behrenstraße und den Grabenweg aus denen 1907 der Flinger Broich wurde.“
Seitdem ist viel passiert auf dieser Straße und die Entwicklung geht weiter, wie unter anderem der Bau des Nachwuchsleitungszentrum der Fortuna belegt.