„Drei Schwestern“ von heute im Stadt:Kollektiv Düsseldorf

Die Klassiker können sich nicht wehren. Als alte weiße Herren haben sie hierzulande ohnehin ausgespielt. Trotzdem nutzt das junge Theater die berühmten Dramen sehr gern als Marke – und als Futter für die eigene Inspiration. Nachdem Bonn Park seine Version von Wedekinds „Frühlings Erwachen“ mit betagten Laien besetzt hat, verwandelt Katharina Bill, nach eigenen Angaben „szenische Künstlerin und Fettaktivistin“, Tschechows „Drei Schwestern“ in eine rasante, amüsante, vielstimmige Frauenclique. Großer Erfolg für das Stadt:Kollektiv im Central.
„Cool, dann geht’s jetzt los“, ist der erste Satz. Sieben Frauen versammeln sich in einem flexiblen Bühnenbild aus Kieferholzwürfeln und falschen Grünpflanzen, die ständig umgestellt und neu dekoriert werden. Denn Olga, Mascha und Irina, die Schwestern in Tschechows 1901 uraufgeführtem Psychodrama, haben nichts Erfüllendes zu tun. Sie wohnen gelangweilt in einem Garnisonskaff, wohin ihr inzwischen verstorbener Vater einst versetzt wurde. Olga, die Älteste, hasst ihre Arbeit als Lehrerin, Mascha steckt in einer enttäuschenden Ehe fest, und Irina, die Jüngste, sehnt sich immer nur „nach Moskau“. Mit anderen Worten: „Das Leben ist so öde!“ Die Inszenierung hingegen macht Spaß.

Luca Brankamp ist die Jüngste im siebenköpfigen Ensemble der Tschechow-Variation von Katharina Bill. Foto: Melanie Zanin / Düsseldorfer Schauspielhaus.
Ohne Herren
Viel Tschechow steckt allerdings nicht mehr darin. Seine schwerblütigen Schwestern werden in einer flotten Vorstellungsrunde mit wechselnden Rollen abgehakt. Zur Feier von Irinas Namenstag, erfährt man, erwarten die Frauen eine Reihe von Herren: Alexander, Alexej, Nikolai, Wassilij, den Iwan und den Wladimir. Nach diesen Typen zu fragen, ist eine Art Running Gag. Auftreten darf jedoch keiner. Die munteren Damen, darunter die genderfluide Carl Brüggemann, machen sich nur zwischendurch mit angeklebten Schnauzbärten ein bisschen lustig über die männlichen Einfaltspinsel und ihre tumben Sprüche.
Theatermacherin Katharina Bill nutzt gerade mal die Ausgangssituation des Dramas für ihr eigenes Ding. Mit Frechheit und Humor. Sie lässt die gemischte Frauentruppe – sieben temperamentvolle Amateurinnen zwischen 17 und 71 Jahren – von heutigen Gefühlen und Phänomen reden, quasseln, singen, manchmal auch kreischen. Denn die Autorin und Regisseurin ist nicht so für die leisen Töne. Ihre Leitfiguren, verrät sie im Programmheft, „waren immer laute Frauen“. Dabei agiert die Gruppe nicht im nervigen Durcheinander, sondern mit Präzision, wie ein Chor aus Solistinnen.
Mit Musik

Lässt den E-Bass dröhnen: Charlott Lindecken (dahinter: Carl Brüggemann) in den “Drei Schwestern” des Stadt:Kollektivs. Foto: Melanie Zanin / Düsseldorfer Schauspielhaus
Da erzählt Asli Bulat als Mascha von Frust und Verliebtheit. Charlott Lindecke als Olga, die „Kümmer-Meisterin“, die sich (bei Tschechow) so dringend eine Heirat wünscht, warnt vor Ehegatten-Splitting, Teilzeitfalle, Altersarmut. Packt sich zwischendurch ihren E-Bass und lässt ihn nur so dröhnen. Carolin Bernklau bläst mühelos die Klarinette, und Luca Brankamp ist nicht nur die leidenschaftliche Irina, die vom Stadtleben träumt und „ein Zimmer für mich allein“ fordert, sie spielt auch sehr schön Querflöte.
Gar nicht wie eine alte Dame agiert die über 70-jährige Iris Droste, hasst Disziplin und will „geilen Schitt machen“. Alicia Nsukami hingegen verhöhnt den modernen Lifestyle, all die „guten Dinge“ in der schicken Gesellschaft, die Kaschmirschals und „Yogamatten-Ablagen“, die das Verhängnis doch nicht aufhalten können. Sie hat übrigens eine bemerkenswerte Singstimme, groß und klar. Es wird (unter Leitung von Maika Küster) viel musiziert und gesungen. Auch Unflätiges wie: „Fotzen im Club“ vom Hip-Hop-Duo SXTN. Und Herzzerreißendes wie das polnische Liebeslied „Dwa serduszka“. Auf jeden Fall: Die Show ist gut – für alle, die keinen ernsthaften Tschechow erwarten.
Weiter im Central
Das Stadt:Kollektiv, die ehemalige Bürgerbühne des Düsseldorfer Schauspielhauses, zeigt die „Drei Schwestern“ von Katharina Bill (nach Anton Tschechow) in der wiedereröffneten Spielstätte „Central“ nahe dem Hauptbahnhof. Die nächsten Vorstellungen sind am 6. (ausverkauft) und 13. Februar sowie am 5. März, jeweils 19.30 Uhr. Aufführungsdauer: eineinviertel Stunden ohne Pause. www.dhaus.de

Ein besonderes Foyer: die “Brücke” im Central. Zur Premiere der “Drei Schwestern” gab es Miles-Davis-Musik – dank Ladislav Ceki, der mit zwei Damen die Bar betreut. Die Preise sind, anders als im Schauspielhaus, äußerst sozial. Einen Piccolo mit zwei Gläsern gibt’s für vier Euro. Foto: bikö