Trillerpfeifen statt La Traviata: Protest in der Düsseldorfer Oper

Das Opernpublikum war ganz auf den Untergang der Kurtisane in drei Akten eingestimmt. Doch anstelle von Verdis „La Traviata“ erklangen in der Düsseldorfer Oper erst einmal Trillerpfeifen. Gemeinsam mit Akteuren in den Originalkostümen standen Menschen in pinken Westen an der Rampe und protestierten gegen einen personellen Kahlschlag, für den die Intendantin in spe, Ina Karr, sorgen will – so die Ansage des Protestes. Passend zu „La Traviata“ – übersetzt: „Die vom Weg abgekommene“ – stand auf den Protestplakaten: „Gestern gefeiert – heute gefeuert“ und „Zeit für Würde an deutschen Bühnen“.
Personalkahlschlag durch neue Intendantin befürchtet
Verantwortlich für den rund zehnminütigen Auftakt-Protest-Triller zeichnet die Gewerkschaft GDBA – ausgeschrieben: Genossenschaft Deutscher Bühnen-Angehöriger. Sie erklärte dem Opernpublikum den Hintergrund des Protestes in einer Ansprache. Die Bühnengewerkschaft GDBA hatte zu einer Streikkundgebung aufgerufen, um auf den drohenden Kahlschlag durch die neue Intendantin Ina Karr hinzuweisen. In Düsseldorf soll nach Angaben der Gewerkschaft ein großer Teil des Ensembles zum Ende dieser Spielzeit entlassen werden. Eine Woche zuvor hatten am Theater Münster die Beschäftigten für 15 Minuten die Arbeit niedergelegt und sich an das Publikum sowie den anwesenden Oberbürgermeister gewandt. Dort richtete sich der Protest gegen die geplanten weitreichenden Nichtverlängerungen durch den designierten Intendant Neil Barry Moss.
Künstler*Innen wehren sich lautstark
Diese Kahlschläge kommen laut GDBA bei vielen Intendanzwechseln vor. Und werden von den Betroffenen kritisiert. „Dass eine neue Intendanz einfach das Spielbrett leerfegt und einen Großteil der Beschäftigten im künstlerischen Bereich entlässt, ist nicht mehr zeitgemäß. Auch wenn ein Intendanzwechsel ein künstlerischer Neustart ist, müssen dafür nicht die Beschäftigten im großen Stil ausgetauscht werden. Dass die Künstler*innen sich jetzt lautstark wehren, ist ein wichtiges Signal in die Branche“, so Raphael Westermeier, geschäftsführender Präsident der GDBA. Münster und Düsseldorf stünden dabei exemplarisch für die gesamte Theaterlandschaft in Deutschland.
Verhandlungen über einen neuen Tarifvertrag
Die Gewerkschaften BFFS (Bundesverband Schauspiel) und GDBA haben den Tarifvertrag gekündigt, um in der laufenden Verhandlungsrunde die Regelungen zur Nichtverlängerung im NV Bühne zu reformieren. Der Tarifvertrag soll weiterhin befristete Arbeitsverhältnisse ermöglichen. Damit die Verträge nicht willkürlich beendet werden können, fordern die Gewerkschaften unter anderem eine Quotenregelung für die Nichtverlängerung, nachvollziehbare künstlerische Begründungen, Abfindungen bei allen Nichtverlängerungen und Schutz vor Nichtverlängerungen unter anderem für Betriebs- und Personalräte, Vorstände und in der Elternzeit analog zum gesetzlichen Kündigungsschutz.
Hinweis auf den Zusammenhang zwischen Arbeitsvertrag und Aufenthaltsgenehmigung
Zurzeit reicht der Hinweis auf einen bevorstehenden Intendanzwechsel als künstlerischer Grund aus, um Arbeitsverträge von Opernbeschäftigten nicht zu verlängern. Viele Beschäftigte, gerade in der Oper und im Tanz, kommen aus der ganzen Welt. Für sie hängt der Aufenthaltstitel in Deutschland an einem Arbeitsvertrag. Gerade angesichts der politischen Entwicklungen blickt die GDBA mit Sorge auf den fehlenden Schutz im Tarifvertrag.
“Die Oper für alle öffnen”

Mit Temperament und Lust auf die Zukunft: Die Dramaturgin Ina Karr, zurzeit noch Intendantin in Luzern, wird zur Spielzeit 2027/28 die Leitung der Rheinoper übernehmen. Foto: bikö
Die ausdrücklich angesprochene, designierte Intendantin Ina Karr Ina Karr möchte die Deutsche Oper am Rhein tagsüber öffnen („Es sind ja große Foyers …“) und vermehrt Programme für Kinder und Jugendliche anbieten. Das sagte sie bei der Zentralbibliothek-Reihe „Musik im Gespräch“ (Ddorf-aktuell berichtete). Die ganze Familie soll mit der Oper vertraut sein. Aber: nicht nur das Vertraute hören. Karr ist entschlossen, mehr neue Musik aufzuführen, „Komponistinnen und Komponisten einzuladen“, auf der Suche nach, wie Frederike Möller es ausdrückte, „Erzählungen unserer Zeit“. Die sollen nicht schnell wieder vom Spielplan verschwinden, sondern Eingang finden in das Repertoire der Oper, das Ina Karr ganz konservativ pflegen will: „ein großer Schatz“.
Ähnliches gelte für das feste Ensemble, in dem sich Stimmen in Ruhe entwickeln können: „We don’t buy stars, we make them“, wir kaufen keine Stars, wir machen sie, ist Karrs Devise. Ina Karr freut sich, auch für junge Talente eine Gastgeberin zu sein.