Tschechow mit Schwung: „Die Möwe“ im Schauspielhaus Düsseldorf

Auf dem Lande, wo es doch so schön ist, langweilt sich die bürgerliche Gesellschaft zu Tode. Anton Tschechows subtile Abgründe aus dem untergehenden russischen Zarenreich gehören seit mehr als einem Jahrhundert zum Repertoire der Weltbühnen. Ehrlich gesagt: Auch das kann ziemlich langweilig werden. Aber nicht unter der Regie von Barbara Frey, der Ex-Intendantin des Züricher Schauspielhauses und der Ruhr-Triennale! Am Düsseldorfer Schauspielhaus lässt sie die gute alte „Möwe“ frisch und neu in den Theaterhimmel aufsteigen. Im Mittelpunkt: Anna Schudt als ebenso frustrierte wie dominante Diva Irina Arkadina.
Ein Glück für die Düsseldorfer Schauspielfans, dass sich die fabelhafte Frau Schudt als Tatort-Kommissarin erschießen ließ, um frei zu sein für andere mimische Herausforderungen! Sie hat eine atemberaubende Bühnenpräsenz. Diese kraftvolle Stimme voller Spott, Wut, Sehnsucht! Dieser entschlossene Schritt (auf gefährlichen High Heels): „Ich erlaube mir keine Schwächen.“ Und dann: Diese Blicke! Skeptisch, belustigt, vernichtend. Da döst keiner im Saal. Anna Schudt also ist die Arkadina, eine nicht mehr junge Schauspielerin, die ihren Auftritt braucht als Lebenselixier und in der ländlichen Ruhe des Sommersitzes nichts als Unruhe spürt.
Lebenstrauer

Die junge Nina (Sera Ahamerfule) träumt vom Theater, der glücklose Kostja (Marin Blülle) hat für sie ein Stück geschrieben. Foto: Matthias Horn / D’Haus
Sie liebt durchaus ihren einzigen Sohn Kostja (sehr zart: Marin Blülle), einen Möchte-gern-Schriftsteller. Zugleich verachtet und beschimpft sie ihn als „Langweiler, Null, Versager“. Zur Aufführung seines abstrusen Dramas über die „Weltseele“, die nach dem Aussterben aller Wesen allein auf Erden geistert, kommen alle Protagonisten zusammen: Sorin (Ronald Kukulies), Bruder der Arkadina, ein gelangweilter Pensionär, will endlich leben. Doch er schläft auf dem Gartenstuhl ein, und der zynische Arzt Dorn (Claudius Körber) macht ihm klar, dass die Zeit der Möglichkeiten vorbei ist. Auch die junge Mascha (Linda Rohrer), stets schwarz gekleidete Tochter des Verwalters Schamrajew (Thomas Wittmann), wird von unerfüllten Wünschen getrieben: „Ich trauere um mein Leben.“
Weil ihr nichts anderes einfällt, wird sie einen Verehrer, den eifrigen Lehrer Medwedenko (Langston Uibel), heiraten. Doch ihr Angebeteter ist Kostja, der keine Augen für sie hat. Denn er schwärmt für das Fräulein Nina, die vom Theater träumt und mit Inbrunst seinen Text vorgeführt hat. Sera Ahamefule gibt dieser Seele eine zauberhafte Mischung aus Unschuld und Ambition. „Wie nervös alle sind! Und soviel Liebe …“, stellt der Arzt fest, doch die Gefühle in Tschechows Konstellationen verfehlen stets ihr Ziel. Nina ist entflammt für den Erfolgsschriftsteller Trigorin (Guy Clemens), den Geliebten der Arkadina. Aus Eitelkeit lässt er sich vorübergehend darauf ein, und Nina, die Möwe, wird bald abstürzen aus ihrem Höhenflug.
Radioklänge
Am Ende, ein paar Jahre später, wählt der traurige Kostja den Freitod, mit dem er schon lange liebäugelt. Tschechow hat das Drama trotzdem eine Komödie genannt, die Menschen sind ja auch komisch in ihrem Selbstmitleid und ihren vergeblichen Posen. Entsprechend inszeniert Barbara Frey, nicht ohne Empathie für die Figuren, die sich gegenseitig triezen. Sie hebt das Spiel aus der Fin-de-Siècle-Morbidität in eine modernere, aber nicht gegenwärtige Zwischenzeit. Es gibt Hollywood-Schaukeln, Caprihosen, Gartenstühle aus Plastik und ein Transistorradio, das knistert, plappert und manchmal einen überraschenden Soundtrack liefert.

Großer Applaus im Großen Haus nach zweieinhalb Stunden Tschechow: das Ensemble mit Anna Schudt (Mitte). Foto: bikö
Claudius Körber als Dr. Dorn hat so Gelegenheit, ganz nebenbei seine beachtlich variable Singstimme einzusetzen und unter anderem ein freches Chanson von Jacques Brel mit zu persiflieren: „Madame promène son cul sur les remparts de Varsovie …“, Madame führt ihren Hintern auf der Stadtmauer von Warschau spazieren – und genießt auch sonst gern das Leben. Eine gewisse Leichtigkeit stellt sich gleich ein, das Publikum darf sich an diesem Abend durchaus amüsieren. Die Melancholie der Geschichte geht trotzdem nicht verloren. Martin Zehetgruber hat eine Bühne mit einem Holzverschlag gebaut, hinter dem sich, wie am Ende sieht, genau die gleiche Seenlandschaft mit Birkenhain verbirgt, die zuvor nur ein kleines Kulissenbild in Kostjas Laientheater war. Die ganze Welt ist eine Bühne …
Mehr Vorstellungen
„Die Möwe“ von Anton Tschechow in der Inszenierung von Barbara Frey wird im Großen Haus am Gründgens-Platz gezeigt. Dauer: zweieinviertel Stunden ohne Pause. Die nächsten Vorstellungen sind am 21., 25. und 30. Oktober sowie am 6., 10.,12. und 19. November. www.dhaus.de

Vor der Premiere im Foyer: Bettina Siempelkamp übernimmt von Dr. Hans-Michael Strahl den Vorsitz der Freunde des Düsseldorfer Schauspielhauses (FDS). Foto: bikö