Heilige KI! Das K21 Düsseldorf huldigt der Künstlichen Intelligenz

Die Hitze hat es mal wieder offenbart: Unsere Gesellschaft behandelt Dinge oft sorgsamer als Menschen. Während Kaufhäuser und alle Räume mit teuren Geräten schön abgekühlt werden, muss die atmende Kreatur in Schulen, Heimen, Kliniken sowie zuhause schwitzen und leiden. Da gibt es nur eins: Ab ins Museum! Da herrschen immer angenehme 20 Grad. Denn aus konservatorischen Gründen gilt für die Kunst eine Kühlpflicht. Es ist schon deshalb äußerst erholsam, dem Düsseldorfer K21 einen Besuch abzustatten und mit „Starmirror“ von Holly Herndon & Mat Dryhurst über Fluch und Segen der Künstlichen Intelligenz nachzudenken.

Viel Raum und kühle Luft: Das klimatisierte K21 kann jenseits von Events und Eröffnungspartys ein Ort der Ruhe und Erholung sein. Foto: bikö
Das kreative Paar, sie Amerikanerin, er Brite, gehört nicht der ganz jungen, mit dem Smartphone verwachsenen Generation an. Geboren in den frühen 1980er-Jahren, wissen Holly und Mat noch aus Kindertagen, wie sich ein Leben ohne Internet anfühlt. Auch prägten sie den schönen Satz: „Menschen sind zum Schlendern gemacht, nicht zum Scrollen.“ Trotzdem bedienen sie sich der neuesten Technik und sind, so das Museum, „international bekannt für ihre Arbeit an der Schnittstelle von Kunst, Musik, maschinellem Lernen und experimentellen Organisationsformen.“ Oder, wie der Handzettel in (gewiss KI-generierter) „Einfacher Sprache“ sagt: „In ihrer Kunst und Musik zeigen sie, wie Menschen und Künstliche Intelligenz gut zusammenarbeiten können.“
Lernende Maschine
Denn, liebe Kinder und Omas, „KI braucht Menschen um zu lernen.“ Nun, man kann auch sagen: Menschen, die das digitale Monster füttern. Mit 40 Millionen Bildern aus nicht urheberrechtlich geschützten Datenbanken haben Molly Herndon und Matt Dryhurst ihr KI-Programm „Public Diffusion“ gespeist. Längst weiß der stetig wachsende Maschinenverstand ganz von selbst, wie Trauben, Schwäne, Kaffeekannen sowie verschwommene Gebirgslandschaften aussehen. Und er kann Abbildungen aus dem Nichts erschaffen – schlichte Reliefkacheln aus Kunstharz und eine Art Monumentaldruck im ersten Raum der Ausstellung. Okay, aber jede Handzeichnung ist ergreifender.

Kirche des Zeitgeistes: Wunderbare Chöre, basierend auf echtem Gesang und verstärkt von der KI, füllen den zentralen Raum der Schau „Starmirror“. Foto: bikö
Dieses etwas herablassende Haltung des alternden Bio-Hirns ändert sich allerdings im zentralen Bereich der Schau, die man eher als Klanginstallation bezeichnen kann. Ein fast sakraler Raum ist da entstanden, eine Kirche des heiligen Zeitgeistes. Einfache Holzbänke laden zum Sitzen ein, ein Turm aus einfachen Latten soll die Gedanken wie eine „Ladder“ (Leiter) himmelwärts führen. Das Licht wechselt ständig: Gelb, Blau, Rot oder Weiß wie das Nirwana. Dazu erklingen die wunderbarsten Gesänge aus Lautsprechern an den Wänden, am Boden, an der Decke, kurz, von überall her.
Hildegards Spirit
Schon seit Jahren und zuletzt im coolen Berliner KW Institute of Contemporary Art sammeln das Künstlerpaar und seine KI die Stimmen menschlicher Sänger*innen und erschaffen daraus neue Chöre. Auch in Düsseldorf sollen weitere Live-Töne hinzukommen. Grundlage ist dabei ein Gesangsbuch, das Herndon & Dryhurst entwickelten – auf der Basis des im 12. Jahrhundert entstandenen Moralitätenspiels „Ordo virtutum“ (Reigen der Tugenden) der legendären Äbtissin und Heilerin Hildegard von Bingen. Um den ewigen Kampf der frommen Seele gegen das Böse geht es da.

Aus Lüftern für Grafikprozessoren entstand eine Art Orgel, ergänzt durch KI-generierte Reliefs und Bilder: „The Hearth“ (Feuerstelle) von Herndon & Dryhurst. Foto: bikö
Der Spirit von Hildegard ist noch deutlich zu spüren in den anschwellenden Chören, kreiert, verstärkt vom KI-Modell „Ur-Hildegard Training Corpus“. Plötzlich spricht da ein Kind, leider unverständlich, und eine Frauenstimme erhebt sich, schwebt im Raum. Engelsgleich. Eine Art Andacht entsteht. Da lässt man „The Hearth“ in Raum 3, eine Art Orgel aus Lüftern für Grafikprozessoren, eher links liegen, bleibt noch eine Weile an „The Ladder“ sitzen, lauscht und fragt sich, ob die Entwicklung Künstlicher Intelligenz auch Teil der Schöpfung ist.
Was, wann und wo?
„Starmirror: Holly Herndon & Mat Dryhurst“: bis 11. Oktober in der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, K21, Ständehausstr. 1, zweiter Stock. Geöffnet Di.-So. 11 bis 18 Uhr. Eintritt: 14 Euro, Kinder und Jugendliche bis 17 Jahre zahlen nichts. Noch an drei Sonntagen – 19. Juli, 27. September, 11. Oktober, jeweils 16 Uhr – werden weitere Chöre zum Training der KI gespeichert und Besucher*innen können mit ihren Stimmen dabei sein. www.kunstsammlung.de