Düsseldorf: Für zwölf Stunden unsichtbar auf dem Schadowplatz

Katharina Lorentz hat keine Tarnkappe. Von 11 bis 23 Uhr war sie trotzdem fast unsichtbar. Sie setzte sich am Dienstag (24.2.) für zwölf Stunden auf eine Isomatte auf den Schadowplatz. Mit dieser Aktion möchte die Mitarbeiterin von vision:teilen auf die Situation obdachloser und wohnungsloser Frauen aufmerksam machen. „Auf der Straße – Wir ALLE sind Teil unserer Gesellschaft“ lautete der Titel der Inszenierung, die von aXeppt! und dem gutenachtbus begleitet wurde.

Zwölf Stunden dauerte die Inszenierung von Katharina Lorentz
Weibliche Obdachlosigkeit ist oft unsichtbar. Das erfuhr auch Katharina Lorentz, denn nur wenige Menschen nahmen sie wahr. Die meisten gingen an ihr vorbei und ignorierten sie. Einige schauten irritiert, aber eher, weil sie, der kleine Aufsteller mit Erläuterungen zu Aktion und zwei Lampen ihnen im Weg waren. Sogar die Taxen, die am Abend über den Schadowplatz kurvten, kamen der Inszenierung sehr nah.
Nikolai Karrasch und Judith Möllers hatten während der ganzen Zeit ein wachsames Auge auf Lorentz und versorgten sie mit Verpflegung. Außerdem boten sie sich den Menschen als Gesprächspartner*in an, die sich über die Inszenierung informieren wollten. Kam man ins Gespräch, erfuhr man, warum für Frauen Obdachlosigkeit eine besondere Herausforderung ist. Denn Frauen schlafen meistens nicht auf Parkbänken oder in Hauseingängen. Sie begeben sich oft in prekäre Abhängigkeiten, um einen Schlafplatz zu erhalten. Das führt dann häufig zu Ausbeutung, Gewalt und struktureller Benachteiligung. Aus Angst vor Übergriffen und Stigmatisierung entwickeln die Betroffenen viele Strategien sich unsichtbar zu machen. Die Passant*innen waren eingeladen ihre Gedanken und Gefühle auf einer Wand zu formulieren.

Gedanken zur Inszenierung
Die Inszenierung sollte nicht nur eine Darstellung von Obdachlosigkeit sein, sie wollte auch den öffentlichen Raum zurückerobern. Denn Frauen erleben Obdachlosigkeit verdeckt. Ziel ist es, Stigmatisierung abzubauen und Menschen zu aktivieren, eine Haltung gegenüber obdachlosen Frauen zu entwickeln und ins Gespräch zu kommen. Denn Obdachlosigkeit ist kein individuelles Versagen, sondern der Ausdruck struktureller Defizite. So fehlen neben präventiven Maßnahmen Schutzräume für Frauen. Die Zahl der Frauenhausplätze ist schon lange nicht mehr ausreichend, finanzielle Mittel zur Aufstockung werden immer noch nicht gewährt. Viele Projekte der Wohnungslosenhilfe oder psychosozialer Angebote kämpfen jährlich um die Fortsetzung, da Mittel gekürzt werden. Auch für Obdachlose und besonders für Frauen ohne Wohnraum müssen Housing-First-Projekte ausgebaut und bezahlbarer Wohnraum geschaffen werden.

Zwei Mal im Monat macht sich der gutenachtbus für Frauen auf den Weg
Das Team von vision:teilen und aXept! trifft täglich Menschen, die beim gutenachtbus Hilfe suchen oder sich in der Stadt über den Kontakt mit den Streetworkern freuen. Dabei könnte jeder mit einem Lächeln oder einem „Hallo“ den Menschen zumindest das Gefühl geben, nicht unsichtbar zu sein – kostet kein Geld, hilft aber auch schon. Eine solidarische Stadt misst sich daran, wie sie mit den Verletzlichsten umgeht.