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Home›Top News›Düsseldorf: Fahrradkuriere – bequem für die Kunden, Ausbeutung der Rider

Düsseldorf: Fahrradkuriere – bequem für die Kunden, Ausbeutung der Rider

Von Ute Neubauer
29. Januar 2026
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Orry Mittenmayer mit seinem Buch "Ausgeliefert"

Unter dem Begriff „plattformbasierte Arbeit“ sind Tätigkeiten zusammengefasst, die online oder über Apps abgewickelt werden und bei denen die Beschäftigten meist im Niedriglohnsektor angesiedelt sind. Wie das System der sogenannten „Rider“, der Fahrradkuriere, der verschiedenen Anbieter wie Lieferando & Co funktioniert, schilderte Autor Orry Mittenmayer am Mittwochabend (28.1.) bei einer Lesung im DGB-Haus.

Die Düsseldorfer DGB-Chefin Sigrid Wolf begrüßte die Gäste

Orry Mittenmayer wurde 1992 in Köln geboren, ist gehörlos und machte von Beginn an die Erfahrung, das Inklusion für Kinder mit Handicap nicht selbstverständlich ist. So besuchte er einen Kindergarten für Schwerbehindert und anschließend eine Sonderschule. Wie sehr das Bildungssystem vorsortiert, erfuhr er spätestens bei seinem Hauptschulabschluss, den er als Jahrgangsbester absolvierte. 70 Prozent aller Sonderschüler*innen verlassen die Schule ohne Zeugnis, betonte er. Orry hätte gerne das Abitur gemacht, aber seine Lehrerin versagte ihm die erforderliche Empfehlung. Damit blieb ihm nur eine Ausbildung, die er als 15-Jähriger in einer Buchhandlung machte und dort erfuhr, wie wenig er eigentlich in der Schule fürs Leben gelernt hatte.

Mit 23 Jahren beschloss er schließlich das Abitur in der Abendschule nachzuholen. Zu dieser Zeit arbeitete er im Einzelhandel und hoffte auf Unterstützung durch seinen Chef. Doch der machte klar, entweder volle Energie für die Arbeit oder er solle kündigen. Nicht wissend, was das für Konsequenzen nach sich zieht, kündigte Orry. Damit war er für Arbeitslosengeld gesperrt, doch seine Kosten für Wohnung etc. mussten ja weiter bezahlt werden. Also griff er nach einer vermeintlichen Chance und fing als Fahrradkurier an.

Anschließend an die Lesung wurde noch diskutiert

Im DGB-Haus bei seiner Lesung verdeutlichte er, dass viele Menschen, die im Niedriglohnsektor arbeiten, dies nicht tun, weil sie das so toll finden, sondern aus der puren Not heraus. Und das nutzen die Anbieter erbarmungslos aus. Denn bei minimalen Bezügen ist es ein Knochenjob. Es fängt damit an, dass Material wie das Fahrrad oft selber gestellt und instandgehalten werden muss, Kosten werden dafür nicht übernommen. Hat man sich dann per App eingeloggt, wartet man auf Aufträge. Ohne zu wissen wohin einen der Auftrag führt, nimmt man ihn an. Erst dann wird die Adresse der Lokals oder Geschäfts bekanntgegeben, wo die Ware abgeholt werden muss. Dort übernimmt man das Essen oder was gerade geordert wurde und meldet es per App. Nun erst erhält man die Zustelladresse, an die in einem vorgegeben Zeitfenster geliefert werden soll. So wird verhindert, dass die Kuriere Fahrten ablehnen, weil die Strecke zu weit oder zu unangenehm ist. Dass bei den engen Zeitvorgaben Verkehrsregeln zur Nebensache werden, versteht sich und erklärt so manches Verhalten, das täglich im Straßenverkehr beobachtet werden kann.

Sieben Tage die Woche hatte Orry Schichten gefahren und anschließend montags bis freitags die Abendschule besucht. Er hat schließlich das Abitur geschafft. Doch wie viele, die von Armut oder Rassismus betroffen sind, machte er die Erfahrung, sich aus Frust und Wut zurückzuziehen. Ein Nährboden, bei der die AfD ein leichtes Spiel hat, mit Versprechungen diese Menschen zu ködern. Wenn nun ein Bundeskanzler Merz davon spricht, dass Menschen in Deutschland zu wenig arbeiten würden, sei dies ein Schlag ins Gesicht all derer, die im Niedriglohnsektor schuften – und das sicherlich nicht, weil das so viel Spaß macht, betont Mittenmayer.

Ihn hat in seiner damaligen Situation nicht die AfD begeistert, sondern der Kontakt zu zwei Gewerkschaftssekretärinnen der NGG (Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten). Sie haben ihn und einige seiner Kollegen von der Idee überzeugt einen Betriebsrat bei dem Unternehmen zu gründen, bei dem sie als Rider tätig waren. Das war 2015 und ohne zu wissen, was das eigentlich bedeutet, begannen sie mit der Organisation. Das Unternehmen versuchte mit allen Mitteln dies zu verhindern, doch die NGG unterstützte bei sämtlichen perfiden Tricks der Chefs. Lieferando ist wohl der einzige Lieferdienst, der im Vergleich zu den anderen die Mitarbeitenden minimal besser behandelt, weil des dort in NRW an drei Standorten (Düsseldorf, Köln und Dortmund) einen Betriebsrat gibt. Andere Unternehmen schreckten nicht davor zurück selbst Betriebsräten zu kündigen, auch wenn dies gesetzlich verboten ist.

Zayde Torun ist Geschäftsführerin der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) Düsseldorf-Wuppertal

Orry Mittenmayer hat seine Geschichte im Buch „AUS-GELIEFERT“ – aus dem krassen Alltag von Fahrradkurier*innen (ISBN: 978-3-462-00577-6, Verlag: KiWi-Paperback, 18 Euro) aufgeschrieben. Es zeigt, wie die Situation im Niedriglohnsektor aussieht, aber auch, dass es Wege gibt, die Lage zu verbessern. Der DGB und die NGG hat die Lesung organisiert, da in diesem Jahr Betriebsratswahlen stattfinden und so Anregungen gegeben werden, dass sich gewerkschaftliches Engagement lohnt.

StichworteBetriebsratDGBNGG
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