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Home›Kultur›Schlaftrunken: „Kafkas Traum“ im Schauspiel Düsseldorf

Schlaftrunken: „Kafkas Traum“ im Schauspiel Düsseldorf

Von Birgit Koelgen
18. Januar 2026
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Geschafft! Nach fast dreistündiger Vorstellung hat das Ensemble von "Kafkas Traum" großen Applaus verdient. Das Bühnenbild ist wie eine Stummfilmkulisse in Schwarzweiß gehalten. Foto: bikö

Seine Geschichten von der Ausweglosigkeit liest man nicht zum Vergnügen. Und doch ist die Gegenwart ganz verliebt in Franz Kafka (1883-1924), den Prager Erzähler mit den großen traurigen Augen. Anlässlich des 100. Todestages im Juni vorletzten Jahres wurde in Film und Fernsehen viel über sein Leben fabuliert. Rang er doch vergeblich um Freiheit und Liebe, ehe ihn die Schwindsucht dahinraffte. Jetzt liefert das Düsseldorfer Schauspielhaus „Kafkas Traum“. In der theatralischen Collage von Andreas Kriegenburg hat Pauline Kästner ihren ganz großen Auftritt.

Tatsächlich ist die Schauspielerin so lang und schmal, dass sie im schwarzen Anzug mit Melone ohne Mühe als junger Mann erscheint. Mit clownesken Gebärden und weißem Gesicht, Augen und Lippen schwarz geschminkt, gleicht sie allerdings eher einem frühen Chaplin. Kriegenburg, der das Stück selbst aus Kafka-Zitaten und kafkaesken Vorstellungen zusammensetzte, liebt die Ästhetik des Stummfilms und wendet sie an. Auf einer von ihm selbst entworfenen weißen Bühne mit schwarzen Bäumen, schwarzen Fenstern, leeren Wegweisern, einer kippeligen Leiter, einem Gitterbett und Türen ohne Ausgang sorgt der Pianist Yaromyr Bozhenko für entsprechende Kintopp-Musik.

Mummenschanz: In “Kafkas Traum” tritt das Ensemble um Pauline Kästner (Mitte) in der Rolle des Schriftstellers zeitweise mit Masken auf. Foto: Sandra Then / Düsseldorfer Schauspielhaus

Unter Geistern

In diesem Szenario lässt er Kafka durch die eigenen Alpträume stolpern. Zwischen Slapstick und Entsetzen, sehr unterhaltsam. „Hilfe, Aufwachen!“ ruft er, vergeblich. Um ihn herum geistert die Familie, mal mit, mal ohne expressive Masken aus der Tradition des ostdeutschen Figurentheaters. Es wird gebrabbelt, gezwitschert und gestikuliert, das Publikum hat seinen Spaß. Wie in der Gruselstory über „Die Verwandlung“ eines Mannes in einen Käfer erscheint ein Prokurist (Alexander Wanat) und fordert die Rückkehr des saumseligen Mitarbeiters. Doch er hört vom vermeintlich Kranken nur noch Tierlaute.

Nach einem Flirt mit einem Gespenst im Brautkleid (maliziös: Minna Wündrich) geht es grausig weiter mit der Geschichte vom „Landarzt“ (temperamentvoll: Jürgen Sarkiss), der sich von „unirdischen Pferden“ durch den Schneesturm zu einem hinfälligen Jungen ziehen lässt. Zu spät erkennt er, dass der Patient eine unheilbare Wunde aufweist. „Und heilt er nicht, so tötet ihn!“ heißt es, der Arzt ist verdammt. Pauline Kästner schlüpft hier in die Rolle des Kranken und wird dafür an eine Art Kreuz gebunden. Dieser Kafka durchleidet also seine selbst erfundenen Schrecken, von denen er sich nicht befreien kann.

Sie geistern durch “Kafkas Traum” (von links): Minna Wündrich, Alexander Wanat, Raphael Gehrmann in einer Szene der Kriegenburg-Inszenierung. Foto: Sandra Then / Düsseldorfer Schauspielhaus

Böser Papa

Schuld ist der Vater. Meinte Kafka selbst. Kaufmann Hermann Kafka war, wie man aus zahlreichen Dokumentationen weiß, eine allzu starke, dominante Figur. Um ihm zu gefallen, arbeitete Franz in der verhassten Versicherungsbranche und löste sich doch nicht aus dem kindlichen Gefühlsstatus. 1919 schrieb er dem „liebsten Vater“ einen nie abgeschickten Brief über 103 fieberhaft beschriftete Seiten: eine einzige Klage über Furcht und Elend des sich schwach fühlenden Sohnes unter der Fuchtel eines Mannes, der körperlich überlegen, viel zu vital und ohne jedes Verständnis für die Empfindsamkeit des Künstlers war.

Das muss auf die Bühne, befand Kriegenburg. Und zwar in aller Fülle. Eine gewaltige Aufgabe für Pauline Kästner, die den zweiten Teil des Abends damit förmlich sprengt. Vor dem greisen, als Schein-Riese kostümierten Vater (beeindruckend: Rainer Philippi) lamentiert, schreit, heult Kästners Kafka den Leidenstext heraus. Sie klettert, stürzt, kriecht und verwandelt die intime Auseinandersetzung des Dichters mit dem inneren Kind in eine Kundgebung. Bis zur Erschöpfung, auch des Betrachters. Zitternd liegt Kästner-Kafka am Ende auf dem Bett, entblößt bis auf die Unterwäsche, in Embryo-Haltung, wird zugedeckt von Zitatenblättern. Beeindruckt von der Solo-Leistung jubelt das Publikum. Standing Ovations, Bravorufe.

Mehr davon

„Kafkas Traum“, von Andreas Kriegenburg für das Düsseldorfer Schauspielhaus zusammengestellt, eingerichtet und inszeniert, wird am 25. Januar sowie am 5. und am 20. Februar im Großen Haus aufgeführt. Die Vorstellung dauert knapp drei Stunden mit einer Pause. www.dhaus.de

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