„Frühlings Erwachen“ mit Senioren im Schauspielhaus Düsseldorf

Die Alten haben heutzutage von nichts eine Ahnung. Die Jungen kennen die Technik, fürchten die Zukunft und wissen Bescheid. Meint Bonn Park, Ende 30, aber immer noch knabenhaft, Koreaner aus Berlin. Seine abgedrehten Spielereien um geklaute Motive von Schillers Räubern bis zum Raumschiff Enterprise machen in Theaterkreisen Furore. Nun hat sich Park in Düsseldorf von Wedekinds „Frühlings Erwachen“ zu einer kuriosen Idee inspirieren lassen. Die ebenso triebgesteuerten wie unaufgeklärten Gymnasiasten aus dem einstigen Skandalstück werden von Senioren gespielt.
Ob das nun lustig oder traurig sein soll, weiß der Autor/Regisseur wahrscheinlich selbst nicht genau. Es hat auf jeden Fall etwas Rührendes, denn die älteren Herrschaften in surrealen Schuluniformen sind Laiendarsteller mit eher zartem Temperament. Es gab bei der Premiere einige Texthänger, die Souffleuse musste sehr laut vorsagen, man litt mit. Souverän agierten indes die jungen Profis Caroline Cousin und Valentin Stückl als jeweils zwei Mütter und Lehrer mit ausgestopftem Greisenbuckel und erschwerten Bedingungen, da sie wegen der Bedeutungsgröße auf Stelzen laufen mussten.

Finale mit dem Kopflosen: Brigitte Fieber (links) als spukende Ilse, Maria Pehe als singende Martha. Foto: Thomas Rabsch / Schauspielhaus Düsseldorf
Rutsche ins Grab
Auf einem Spielplatz vor einer festungsartigen Fassade versammeln sich die Schulfreunde Wendla (Petra Lehmann), Melchior (Hartmut Misgeld), Moritz (Gregor Russ) und Martha (Maria Pehe, die leicht brüchig, aber silberhell singen kann) mit ihren putzigen Haartollen und ledernen Ränzlein. Es gibt da Schaukel, Wippe und eine kleine Rutsche, die, wie sich zeigt, heidewitzka ins Grab führt. Aber noch ahnen sie nichts Böses und rezitieren einen rätselhaften Schwall von Worten wie Hurensohn, Aspirin, MTV, notgeil und „Sonnenbank Flavour“. Omas, die sich wider Erwarten im Internet auskennen, finden schnell heraus, dass es sich dabei um einen Songtext des Rappers Bushido handelt.
Bonn Park benutzt Wedekinds Hauptfiguren und das Sujet der Todessehnsucht unter Halbwüchsigen, die ihre sexuellen Bedürfnisse weder erklären noch kontrollieren können. Das war um 1900 ein unerhörter Tabubruch. Wedekind, der mit seinem 1891 veröffentlichten „Frühlings Erwachen“ und bald darauf mit der männerfressenden „Lulu“ die Bürger im sterbenden Kaiserreich verschreckte und entzückte, lieferte Zündstoff, der bis heute für zahllose wilde Inszenierungen gesorgt hat. Bonn Parks Version, die er als eigenes Werk und Uraufführung präsentiert, wirkt dagegen seltsam lahm. Da helfen auch ein paar schöne Songs und eine leicht nervige, weil ununterbrochene Gitarrenbegleitung nichts.

Die Rutsche führt ins Grab. Szene aus Bonn Parks “Frühlings Erwachen” mit (von links) Petra Lehmann, Gregor Russ, Hartmut Misgeld, Caroline Cousin und Valentin Stückl. Foto: Thomas Rabsch / Schauspielhaus Düsseldorf
Halloween-Scherz
Vielleicht liegt es daran, dass die Jungen der Gegenwart, wie Bonn Park selbst bemerkt, ihr Wissen um Richtig und Falsch „mit Handlungsunfähigkeit und Angst vor allem“ bezahlen. Womöglich ist Zaghaftigkeit, was der Autor uns zeigen will, wenn er in vielfach wiederholten Sätzen die „Nervosität“ der damaligen und heutigen Zeit beschwört. „Wollen wir rummachen?“ fragen sich Welda und Melchior. Geben sich ein Küsschen, halten Händchen. Und erstarren. Wüste Szenen sind hier nicht zu befürchten, wenn man mal von einem Disco-Tanz der alten Teenies absieht. Der Tod erscheint als Halloween-Scherz. Die freche Ilse (Brigitte Fieber) spukt herum mit einem blutigen Messer rechts und links über den Ohren. Der „Vermummte Herr“, der bei Wedekind am Ende erscheint, ist Melchior mit Riesencape und Plastikkopf unterm Arm. Wie immer bei Premieren gibt’s juchzenden Beifall.
Mehr Bonn Park
Bereits ausverkauft sind die nächsten Vorstellungen von Bonn Parks „Frühlings Erwachen“, frei nach Frank Wedekind auf der kleinen Bühne des Düsseldorfer Schauspielhauses. Am 22. und 29. Januar sowie am 5. Februar gibt es eventuell Restkarten an der Abendkasse. Der nächste Termin ist am 21. Februar, jeweils 20 Uhr. Dauer: anderthalb Stunden ohne Pause. www.dhaus.de