„Nur der Beton“: Besuch in der leeren Kunsthalle Düsseldorf

„Ja, mach nur einen Plan“: Brechts Lied von der Unzulänglichkeit passt zur Lage. Es war beschlossene Sache: Die Kunsthalle Düsseldorf sollte im März 2026, also jetzt, für eine „energetische Sanierung und technische Modernisierung“ geschlossen werden. Drei Jahre lang wollte das (nach Direktor Gregor Jansens Rückzug geschrumpfte) Team pfiffige kleine Ausstellungen in allen Stadtteilen machen. Doch die Tiefbauexperten entdeckten plötzlich „wachsende Bedarfe“, auch auf dem Grabbeplatz und in den untenliegenden Parkhäusern. Man muss noch grübeln und hat einfach alles um drei Jahre verschoben. Was tun mit der leeren Kunsthalle? Nun, erst einmal dürfen wir uns angucken, was da zu sehen ist: „Nur der Beton“.

Stahl, Beton und Glas: Blick von der ersten Etage auf den Eingangsbereich der seit 2024 denkmalgeschützten Kunsthalle. Foto: bikö
Das Team sei „wirklich am Arbeiten“, versichert Museumspädagogin Katja Stüben, die eine Architekturführung durch die grau-weiß gähnenden Räume macht. Auch ganz allein darf man bis 5. April dem Horror Vacui, der Angst vor der Leere, trotzen und coole Fotos oder Meditationsübungen machen. Bei freiem Eintritt. Unter den wachsamen Augen des Aufsichtspersonals. Manche denken dabei still an alte Zeiten. In den 1970er-Jahren war das 1967 eröffnete Haus unter der Leitung von Jürgen Harten der aufregendste Ort für die moderne Kunst.

Die Leere spüren: Architekturführung im zweistöckigen Kinosaal der Düsseldorfer Kunsthalle. Foto: bikö
Ein Kraftzentrum
Nachdem der klassizistische, im Weltkrieg beschädigte Altbau von 1881 in den frühen 1960er-Jahren dem Fortschrittsglauben geopfert und abgerissen worden war, setzten die Architekten Konrad Beckmann und Christoph Brockes den neuen Klotz aus Betonfertigteilen neben die barocke Andreaskirche. Der „Brutalismus“ (von frz. brut wie roh) war der letzte Schrei in der Architektur und soll zu Anfang sogar dem Kunstrebellen Joseph Beuys missfallen haben: „Das Biest muss weg.“ Doch Beuys gewöhnte sich an die Präsenz des Bauwerks und sorgte viel später, 1981, mit einem dünnen Ofenrohr an der Seitenfassade für seine eigene kleine Irritation.

Hier war ursprünglich ein Museumscafé mit Aussicht. Jetzt dient das obere Foyer als Vorraum für den Kunstverein. Foto: bikö
Mit der Aufstellung eines vier Meter hohen Bronzegusses von Max Ernsts Vogelskulptur „Habakuk“ bekam die Kunsthalle 1971 den kulturbürgerlichen Segen und galt fortan als Kraftzentrum des Zeitgeistes. Hier wurde reflektiert und diskutiert – besonders gern ganz oben hinter dem Panoramafenster in der Cafébar, die bei einer Renovierung auf Nimmerwiedersehen verschwand. Der „Salon des Amateurs“, der neben dem Eingang hinter der Kasse im Dunkeln munkelt, mag ein angesagter Musikclub sein, jedoch kein Ersatz für ein freundliches Museumscafé.
Im hohen Saal

Die Treppen im Haus erschweren den Zugang für gehbehinderte Menschen und sollen durch Aufzüge ergänzt werden. Foto: bikö
Nun, wir sind hier nicht zum Kaffeetrinken, sondern zum Nachdenken über Beton. Die großen Treppen im Inneren, ebenfalls konstruiert aus verzahnten Betonplatten, sollen bleiben – das Haus ist seit 2024 denkmalgeschützt – müssen aber mit Aufzügen ergänzt werden. Zugänglichkeit auch für Menschen mit Gehbehinderungen ist heutzutage ja eine Selbstverständlichkeit. Jeder soll mühelos in der ersten Etage gelangen, wo es links zum niedrigen Seitenlichtsaal mit Fensterfront geht und rechts zum zweigeschossigen Kinosaal, in dessen Mitte der Betonrand des offenen oberen Galerieraums schwebt. Tageslicht kommt durch schräge gläserne Dachfenster, die wie das leichteste Element in der wuchtigen Architektur wirken.

Nur gerade Linien: Die Fenster des Seitenlichtsaals zeigen auf gegenüberliegende moderne Fassaden. Foto: bikö
Im zweiten Stock links befinden sich die durchgehenden Räume des Kunstvereins für die Rheinlande und Westfalen, der von Anbeginn so etwas wie ein nicht immer passender Mitbewohner der städtischen Kunsthalle war und im Moment auch noch kein Konzept für die nächsten drei Jahre hat. „Derzeit wegen Umbau geschlossen“, verkündet die Website. Doch eine Krise wie diese könnte auch überraschende Kreativität hervorbringen. Mal sehen, was sich tut im Beton.

Erinnern an die Vergangenheit: Die vier Musen stützten das Portal der alten Kunsthalle von 1881. Foto: bikö
Und atmen!
Da die Sanierung der Kunsthalle Düsseldorf überraschend um mindestens drei Jahre verschoben wurde und erst im kommenden Jahr 2027 konkrete Entscheidungen getroffen werden sollen, gibt es jetzt ein improvisiertes Zwischenprogramm. Bis zum 5. April kann das leere Haus bei freiem Eintritt besucht werden. Geöffnet Di.-So. 11 bis 18 Uhr. Jeden Freitag und Dienstag um 17 Uhr wird eine Architekturführung angeboten (nächste Termine: 20. und 24. März). Am Freitagabend, 20. März, 20 bis 22 Uhr, präsentiert das Label Brutalism eine Musikperformance. Am 29. März, 9 bis 11 Uhr, und am 2. April, 19 bis 21 Uhr, sind Interessierte zur „Atemsession“ eingeladen. Mehr Infos auf www.kunsthalle-duesseldorf.de

Die Glasfront der heutigen Buchhandlung König wurde bei einer Sanierung vor 25 Jahren eingebaut. Foto: bikö