„Grey Area“: Das Ballett am Rhein feiert

In der Grauzone gibt es keine Klarheit. Die Dinge sind in der Schwebe, ungewiss, unerkannt. „Grey Area“ nennt Chefchoreografin Bridget Breiner den neuen Ballettabend der Rheinoper, der jetzt im Duisburger Haus präsentiert wurde. „Ein Abend, der sich schwer in Worte fassen lässt“, wie Dramaturgin Julia Schinke in ihrer Einführung bemerkt. Aber gerade das ist das Befreiende: Die drei abstrakten Stücke mühen sich nicht mit Geschichten ab, sie kennen nur Gefühle. Und feiern die atemberaubende Schönheit des Tanzes.

Besuch im Duisburger Haus der Rheinoper: Dramaturgin Julia Schinke erklärt den neuen Ballettabend bei der Einführung im oberen Foyer des 1911 gebauten neoklassizistischen Theaters. Foto: bikö
Wo fängt man mit der Liebeserklärung an? Am besten in der Mitte, mit der titelgebenden „The Grey Area“, die der britische Tänzer David Dawson vor 24 Jahren choreografierte, als er nicht wusste, was aus ihm werden sollte – jenseits der Rolle als jugendlicher Held. Und so schuf er ein Ballett, das aufbricht, in ein Niemandsland. Vor einer grauen Seitenwand bewegen sich drei Frauen und zwei Männer, als träumten sie wild vom klassischen Tanz, seinen Einsamkeiten, seiner Kraft, seiner Anmut. Hinreißend: Sophie Martin und Skyler Maxei-Wert. Fließend und gleitend sind ihre Schritte und Gesten, ohne Zögern, getrieben von einer hypnotisch dröhnenden Musik (Niels Lanz), unaufhaltsam.

Hingabe und Zerrissenheit: Sophie Martin und Skyler Maxey-Wert in David Dawsons preisgekröntem Stück “The Grey Area”, das dem Ballettabend den Titel gab. Foto: Yan Revazov / Deutsche Oper am Rhein
Stille aushalten
Im selben Geist hat Bridget Breiner gearbeitet. „Shards“ (Scherben) heißt ihr Stück, dessen Uraufführung den Abend eröffnet. Auf leerer Bühne splittert eine Gruppe von sieben Tänzer*innen auseinander. Man rennt, fällt, fängt sich, findet einander, bleibt allein und erschlafft doch niemals. Bis in die Fingerspitzen geht die königliche Haltung, der Flow. Breiner wagt diesmal mehr Dynamik. Im Fluss der tadellosen klassischen Abläufe zeigt sie auch originellere Posen wie den Herabschauenden Hund und die Hohe Planke aus dem Yoga.

Innige Zweisamkeit, nur für einen Moment: Francesca Berruto und Gustavo Carvalho in Bridget Breiners “Shards”. Foto Yan Revazov / Deutsche Oper am Rhein
Aber da wird nicht verharrt, es geht zügig weiter – bis hinein in die Stille, die Breiner zulässt zwischen wehmütigen Songs des jung verstorbenen Jeff Buckley, der unter anderem Cohens „Hallelujah“ in die Welt setzte. „Cold and broken“, doch herzzerreißend. In den Tonpausen hört das gespannte Publikum den Atem der Tänzer, die Schritte, sogar ein Knacken in den Gelenken der hocheleganten Ballerina Francesca Berruto. Denn Leichtigkeit ist schwerste Körperarbeit.
Kurz vor dem Fall
Das gilt auch und besonders für den Höhepunkt des Abends: „Threshold of a Fall“ ist so etwas wie der Punkt kurz vor dem Fall. Den hatte die kanadische Choreografin Lesley Telford im Kopf, als sie ihr furioses Stück für 13 Tänzerinnen und Tänzer entwickelte. In einer Reihe stehen sie zunächst unter herabhängenden Stäben (Bühne: Yoko Seyama), beginnen ganz langsam mit den Bewegungen. Die Musik, gemixt von Davidson Jaconello, startet mit schwermütigen Streichern, steigert sich. Man hört hämmernde Klaviere. Trommeln. Der Klang geht durch Mark und Bein.

Unter und zwischen hölzernen Stäben tanzen Männer und Frauen in Lesley Telfords rasanter Choreografie “Threshold of a Fall”. Foto: Yan Revazov / Deutsche Oper am Rhein
Die Compagnie, in durchsichtigen, tütenhaften Hosen, entwickelt eine Kraft wie aufbrausendes Wasser, bewegt sich in Wellen, in Jazz-Moves, wagt auch akrobatische Übungen, klettert, balanciert. Der Rhythmus treibt, die Tempi wechseln. Plötzlich senken sich die Stäbe herab, tanzen mit, werden geschwungen wie Schwerter, aber mit äußerster Achtsamkeit. Eine Wucht, die das Publikum zum Szenenapplaus hinriss. Großer Jubel am Ende.
Warten oder Fahren
„Grey Area“, der neue Ballettabend der Rheinoper mit Choreografien von Bridget Breiner, David Dawson und Lesley Telford, wird erst in der nächsten Spielzeit in Düsseldorf gezeigt. Wer nicht warten will, lernt mal das neoklassizistische Duisburger Haus der Deutschen Oper am Rhein am König-Heinrich-Platz kennen. Dort gibt es Vorstellungen am 24. und 29. Januar sowie am 14., 21. und 25. Februar. www.operamrhein.de