Ballettwerkstatt: „Orgelpassion“ in der Rheinoper Düsseldorf

Gar nicht wahr, dass die Rheinoper nur ein hochnäsiges Vergnügen für wohlhabende Düsseldorfer ist, die sich bis zu 115 Euro teure Eintrittskarten leisten können. Es gibt hinten und oben wesentlich billigere Plätze (ab 17 Euro), es werden Ermäßigungen angeboten, und manchmal kostet der Besuch des festlichen Musiktheaters auch gar nichts. So ist der Eintritt frei zur „Ballettwerkstatt“. Ein paar Tage vor der großen Premiere der getanzten „Orgelpassion“ (am 14. März) war das Publikum bei der Bühnenorchesterprobe willkommen.

Talkrunde bei der „Ballettwerkstatt“ (von links): Dirigent Valtteri Rauhalammi und Choreografin Stina Quagebeur im Gespräch mit Dramaturgin Juliane Schunke. Foto: bikö
Anders als eine Voraufführung zeigt eine „Werkstatt“ kein komplettes Programm, sondern eine Kostprobe – mit Bildungsteil. Für sehr interessierte Fans. Im oberen Foyer der Rheinoper begrüßte Dramaturgin Juliane Schunke die vorwiegend älteren Besucher*innen zunächst zu einer Talkrunde mit dem finnischen Gastdirigenten Valtteri Rauhalammi, dem spanischen Choreografen Goyo Montero und seiner belgischen Kollegin Stina Quagebeur, die jeweils ein neues Tanzstück kreiert haben.

Die Musiker stimmen schon die Instrumente: Aus dem Ersten Rang durften interessierte Ballettfans die Bühnenorchesterprobe für „Orgelpassion“ verfolgen. Foto: bikö
Stimme Gottes
Inspiration für die „Orgelpassion“ ist allerdings ein moderner Klassiker, die Choreografie „Voluntaries“, die der Amerikaner Glen Tetley 1973 für das Stuttgarter Ballett schuf – noch geschockt vom plötzlichen Tod des legendären Kompanie-Chefs John Cranko. Tetley (1926-2007) schuf das schwebende Meisterwerk des abstrakten neuen Tanzes nach dem Concerto für Orgel, Streicher und Pauke von Francis Poulenc, denn, so wird Tetley zitiert: „Die Orgel erschien mir immer wie eine Stimme Gottes.“
Auch sein heutiger Kollege Goyo Montero, künstlerischer Leiter des Staatsballetts Hannover, nutzt die brausende Ausdruckskraft der Orgel. Monteros „Aurea“ ist getragen von einem musikalischen Prolog des Kanadiers Owen Belton und Johann Sebastian Bachs „Passacaglia in c-Moll“, allerdings in einer Orchesterversion. „Bach ist Anfang und Ende“, schwärmte Montero auf dem Podium, die heilige Barockmusik inspiriert ihn immer wieder zu einem „Gesamtkunstwerk“. Auch malerische Kostüme ein bewegliches, verspiegeltes Bühnenbild spielen mit.
Geduldsprobe

Nach dem Durchlauf: Die Kompanie, in Probenkleidung, entspannt sich im Bühnenbild von „Omelas“. Foto: bikö
Davon sah das Publikum der „Ballettwerkstatt“ allerdings nichts. Was im Saal öffentlich geprobt wurde, war das erste Stück des dreiteiligen Ballettabends: „Omelas“ von Stina Quagebeur, einem, so Dramaturgin Schunke, „Licht am Handlungsballetthimmel“. Quagebeurs Komponist, der Brite Jeremy Birchall, saß dem Orchester bei einer halbstündigen Musikprobe buchstäblich im Nacken und kommentierte aus dem Parkett: „Just smoother“, einfach geschmeidiger, sollte gespielt werden. Dirigent Rauhalammi ließ sich nicht aus der Ruhe bringen, wiederholte nochmal ab Takt 17 – und endlich ging der Vorhang auf.

So wird es bei der Premiere aussehen: Joāo Miranda als „Figure A“ und Aki Sago als “Junges Mädchen“ in Stina Quagebeurs Ballett „Omelas“. Foto: Bettina Stoß / Deutsche Oper am Rhein
Omelas ist eine imaginäre Stadt aus einer Kurzgeschichte der amerikanischen Autorin Ursula K. Le Guin, die hier ohne Worte, mit Bewegung und Ausdruck, erzählt wird. Betont munter springen Jünglinge und Frauen, drehen sich die Paare in einer Stadt, die sich offenbar glücklich wähnt. Allerdings zeigen die schrägen Häuser des Bühnenbilds hermetisch verschlossene Fassaden. Und es gibt da einen Mann (sehr ausdrucksstark: Joāo Miranda), der ausgeschlossen wird. Warum, ist nicht zu verstehen, aber man ist sich einig. „Figure A“ wird einfach übersehen. Mit verzweifelten Gesten tanzt er sein Solo, ganz Sehnsucht, bis er zusammensinkt. Nur ein Mädchen (Ako Sago), innig, schwerelos, sieht ihn an, will ihn berühren. Doch die Gesellschaft lässt es nicht zu, zerrt die Mitleidige zurück. Sie wehrt sich – und tanzt selbst in die Einsamkeit. Probenapplaus! Die Lust auf mehr Ballett ist geweckt.
Premiere am 14. März
Der dreiteilige Ballettabend „Orgelpassion“ mit Choreografien von Stina Quagebeur, Glen Tetley und Goyo Montero zu Kompositionen von Jeremy Birchall, Francis Poulenc, Owen Belton und Johann Sebastian Bach hat am Samstag, 14. März, um 19.30 Uhr im Düsseldorfer Haus der Rheinoper Premiere. Die Symphoniker spielen unter der Leitung von Valtteri Rauhalammi. Weitere Vorstellungen: 28. März, 2., 5., 23. und 25. April sowie 2. Mai. Dauer: ca. zweieinhalb Stunden, zwei Pausen. www.operamrhein.de