Kunstausflug: An Uecker denken in Rolandseck

Sein letztes großes Projekt war himmelwärts gerichtet. In blau-weiße Lichtbögen verwandelte Günther Uecker die Fenster des Doms zu Schwerin. Im Goethe Museum seiner Wahlheimat Düsseldorf präsentierte er 2024 die Entwürfe und nannte sie „Augenblick der Gefühlsverdichtung“. Anders als viele Kollegen erklärte der langjährige Akademie-Professor gern das eigene Werk. Alter und Krankheiten hielten ihn nicht ab. Auch die Ausstellung im Arp Museum am Bahnhof Rolandseck über „Die Verletzlichkeit der Welt“ hatte Uecker noch selbst geplant, bevor er im Juni 2025 mit 95 Jahren starb. Sein jüngster Sohn (und Ebenbild) Jacob sorgte jetzt für die Bestückung mit frühen und kraftvollen Exponaten. Ein Ausflug lohnt sich unbedingt.

Düsseldorfer Erinnerung: Günther Uecker präsentiert 2024 im Goethe Museum seine „Lichtbogen“-Entwürfe für dem Schweriner Dom. Foto: bikö
Noch vor dem Aufzug in die höheren Hallen des von Richard Meier gebauten Arp Museums am Rhein hört man es hämmern. Das ist ein Film vom jungen Günther Uecker, der 1964 vom Vorplatz des alten Bahnhofs Rolandseck bis hinein in den spätklassizistischen Bau und Stufe für Stufe die Treppe hoch seine Nägel einschlug. Schlag um Schlag, in gleichmäßigem Rhythmus. Das war seine Art, Johannes Wasmuth zu unterstützen, der den spätklassizistischen Bau vor dem Abriss bewahrt und für die Kunst besetzt hatte. Der Nagel sollte Uecker weltberühmt machen, mehr noch als die Zugehörigkeit zur Gruppe Zero, die übrigens 1966 in Rolandseck ihre Auflösung feierte.
Nagel und Nadel
Uecker war ein herzlicher, geselliger Mensch. Aber in der Kunst war er am stärksten allein. In höchster Konzentration, im Flow wie ein Handwerker, der keinen Fehler machen darf, schlug er seine Nägel ein. Damit traf er die Gemütlichkeit der bürgerlichen Gesellschaft, die jetzt mit einhelligem Entzücken im Museum auf die früheren Objekte guckt. Mit Nägeln spickte er 1964 ein Klavier, einen Fernseher, einen runden Tisch, eine Nähmaschine und ließ dabei die feine Nadel der Maschine tanzen „für Pina Bausch“. Denn die Aktionen waren nur oberflächlich rabiat, eine Empfindsamkeit wohnte jeder Bewegung inne.

Mit Nägeln gespickte Nähmaschine: die „Tanzende Nadel für Pina Bausch“, undatiertes frühes Objekt von Günther Uecker. Foto: bikö
Das Nageln hatte einst die Frauen der Familie vor wütenden Rotarmisten gerettet, als der 14-jährige Günther Uecker 1945 das Elternhaus auf der Ostseeinsel Wustrow mit Brettern in eine Festung verwandelt hatte. Das Nageln wurde für ihn zum kraftvollen Akt in der Kunst – und löste sich bald von vorhandenen Gegenständen. Erinnerungen an verlorene Landschaften spielten mit, als Uecker begann, Nagelreliefs wie das „Feld“ von 1975 zu schaffen. Die in subtiler Neigung eingeschlagenen Stahlstifte gleichen Ähren oder Gräsern, leicht vom Wind bewegt. Sogar ein „Weißer Vogel“, flügelleicht, konnte aus Nägeln und etwas weißer Farbe entstehen, wie ein berückendes fünfteiliges Relief aus dem Jahr 2000 zeigt.

Baumkronen aus Nägeln: 2008 schuf Günther Uecker die Skulpturengruppe „Waldgarten“. Foto: bikö
Schöner Schmerz
Doch die Ästhetik in Ueckers Werk hat immer einen leidvollen Grundgedanken. Sein Thema, so wird er zitiert, „ist die Verletzbarkeit des Menschen durch den Menschen“. Das spürt man fast körperlich vor einem Wandobjekt mit dem Titel „Verletzungen und Verbindungen“, die er 1982 aus gebrochenen Hölzern, zerrissener Leinwand und kaum sichtbaren Nägeln schuf. „Man muss noch Chaos in sich haben, um einen tanzenden Stern gebären zu können“: Mit dem Nietzsche-Satz überschrieb Uecker ein Nagelobjekt, für das er zur Jahrtausendwende große runde Löcher mit zerspreißelten Rändern in die Holzplatte hieb.

Wie ein Zen-Garten: die seit den späten 1960er-Jahren immer wieder neu erschaffene „Sandmühle“ von Uecker. Foto: bikö
Wenn’s ihm zu beschaulich wurde, ließ Uecker die Kunst ruppig und laut werden. Die „New Yorker Tänzerin“ (1994) ist ein wirbelndes Tuch, das sich zum Sound eines Elektromotors dreht, mit einem Fußschalter in Gang zu setzen. Kein Bohrer könnte durchdringender klingen. Ruhig läuft hingegen der Motor der „Sandmühle“, die geknotete Seile durch aufgeschütteten Sand zieht und eine Struktur schafft wie in einem Zen-Garten oder an einem Strand bei Ebbe. Gänzlich still kommentierte Uecker 1994 in einem „Brief an Peking“ die Menschenrechte mit einer Handschrift, die in einer wandhohen Tuschzeichnung nur zu ahnen ist. Und auch im „Waldgarten“ mit Baumkronen aus Nägeln spürt man es: Schönheit an der Schmerzgrenze.

Stiller Protest: Ueckers getuschter „Brief an Peking“ und die „Große Zeichnung“ von 1994. Foto: bikö
Was, wann und wo
„Günther Uecker: Die Verletzlichkeit der Welt“. Bis 14. Juni im Arp Museum am Kunstbahnhof Rolandseck, Hans-Arp-Allee 1, 53424 Remagen (hinter Bonn, direkt am Rhein). Geöffnet Di.-So. 11 bis 18 Uhr. Eintritt: 12 Euro, Kinder unter 12 Jahren frei. Der hochwertig gebundene zweisprachige Katalog ist im Verlag der Buchhandlung König erschienen. Eingang im historischen Bahnhof, wo sich auch das empfehlenswerte Bistro „Interieur No. 253“ befindet. www.arpmuseum.org